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Anthroposophen und Nationalsozialismus – neue Erkenntnisse

Von Peter Staudenmaier

Peter Staudenmaier, der sich als Autor vielfach kritisch mit dem Phänomen des Ökofaschismus befasst hat und auch verschiedentlich als scharfer Kritiker der Anthroposophie auftritt, ist bei Studien auf bisher nicht bekannt gewordene NS-Mitgliedschaften von Anthroposophen gestoßen. Wir dokumentieren seine Recherche-Ergebnisse, die er uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Eine Durchsicht der die Anthroposophie betreffenden Dokumente aus dem Reichssicherheitshauptamt der SS im Bundesarchiv Berlin sowie der dort befindlichen nationalsozialistischen Personalakten liefert neue biographische Informationen zum Thema Anthroposophen und Nationalsozialismus. Im Folgenden werden einige der bislang ermittelten Personen dokumentiert, um weitere Forschungen zu ermöglichen. Die Angaben beschränken sich auf die wichtigsten angeführten Funktionen und die Archivsignaturen des Bundesarchivs Berlin. Wieweit die nationalsozialistischen Angaben über die Funktionen von Personen in der Anthroposophischen Gesellschaft zutreffen, wurde nicht überprüft. Darüber hinaus steht eine Kontextualisierung dieser Informationen in die Geschichte des Verhältnisses von Anthroposophie und Nationalsozialismus noch aus.

Ernst Harmstorf, seit den frühen 1920er Jahren aktiver Anthroposoph, Teilnehmer an der Weihnachtstagung und prominenter Vertreter der anthroposophischen Medizin, trat 1933 der NSDAP und der SA bei (PK D392: 289-320).

Anni Müller-Link, seit 1920 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, seit 1936 Mitglied der Auslands-Organisation der NSDAP und Leiterin der Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Frau im Ausland der NSDAP Ortsgruppe Kreuzlingen (Schweiz), blieb auch danach Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, was 1937 von der Parteiführung genehmigt wurde (R 58/6193 Teil 1 Bl. 13; PK I216: 405-428)

Harald Kabisch, Mitarbeiter des Reichsverbands für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, war ab 1941 Mitglied der NSDAP (PK F223: 2505-2522)

Max Babl, Leiter des Erfurter Zweiges der Anthroposophischen Gesellschaft, wurde am 1.5.1933 Mitglied der NSDAP und blieb mindestens bis 1941 in der Partei. (R 58/6188 Teil 1: 107; PK A108: 2725 – 2784).

Friedrich Mahling, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, hat “seit dem Jahre 1932,” seinen eigenen Angaben zufolge, “aktiv in der nationalsozialistischen Bewegung darinnen gestanden,” und trat 1933 der NSDAP bei. Er blieb bis mindestens 1943 Parteimitglied. (RK B124: 907-1016; R 58/5563: 44).

Hans Merkel, bis 1934 Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, maßgeblicher Befürworter der biologisch-dynamischen Landwirtschaft im Stab des Reichsbauernführers, war SS-Offizier und Führer beim Stab des Rasse- und Siedlungshauptamts der SS (SSO 310 A: 74-114).

Alfred Köhler, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft in Nürnberg, trat 1928 der NSDAP bei (PK G103: 1099-1106; R 58/5660: 53).

Hermann Pöschel, seit 1927 Leiter der Anthroposophischen Gesellschaft in Plauen, trat am 1. Mai 1933 der NSDAP bei, Mitgliedsnummer 2436928. (R 58/6193 Teil 2: 549).

Carl Grund, seit 1929 Mitglied des landwirtschaftlichen Versuchsringes der Anthroposophischen Gesellschaft, Leiter der Auskunftsstelle für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise in Sachsen, Mitarbeiter im Reichsverband für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, trat am 1.5.1933 der NSDAP und am 2.11.1933 der SA bei; am 14.8.1942 wurde er SS-Untersturmführer, am 1.7.1943 SS-Obersturmführer; er arbeitete für die SS als Referent für landwirtschaftliche Fragen (SSO / 40A: 853-871)

Hans Pohlmann, Vorsitzender des Schulvereins der Waldorfschule Hamburg-Wandsbek und Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, war NSDAP-Mitglied (R 58/6190: 19).

Dr. Ernst Charrois, Mitglied der Nürnberger Anthroposophischen Gesellschaft, trat am 1.5.1933 der NSDAP bei (PK B187: 1768; R 58/5660: 54).

Albert Friehe, Funktionär des Reichsverbands für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise, war seit 1925 NSDAP-Mitglied, im Jahre 1932 Reichstagskandidat der NSDAP, besonders aktiv auf den Gebieten Agrarpolitik und Rassenpolitik (PK C313: 1119-1178; PK A199: 2718-2722; R 9349/2/F).

Der anthroposophische Schriftsteller Oskar Franz Wienert trat noch im April 1944 der SS bei (SM U11: 1093-1102).

Im Jahr 1935 war Carl Fritz, Thüringen, sowohl Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft als auch Mitglied der NSDAP (R 58/5709c: 1060, 1064).
Dr. Hugo Kalbe war Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft und gleichzeitig SA-Angehöriger (R 58/5709c: 1065, 1079).

Gotthold Hegele, anthroposophischer Arzt bzw. während seiner Tübinger Studentenzeit anthroposophisch inspirierter Studentenführer (vgl. Peter Selg, Anthroposophische Ärzte, S. 472), war sowohl SA-Mitglied als auch Leiter des Amtes Politische Erziehung im Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund, Tübingen, 1937-1938; 1937 NSDAP-Anwärter (PK E65: 1473-1506).

Otto Feyh, Leiter des Zweigs der Anthroposophischen Gesellschaft in Schweinfurt, trat am 1.3.1940 der NSDAP bei (PK C174: 2651-2684).

Clara Remer, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, trat 1932 der NSDAP bei und, ihren eigenen Angaben aus dem Jahre 1946 zufolge, trat kurz vor dem 30. Januar 1933 wieder aus, “wegen ideologischen Differenzen mit der Gauleitung Breslau.” (Entnazifizierungsakte 22.6.46; RK C51: 1586).

Im Jahre 1934 führten Dr. Josef Schulz und Otto Thorwirth die Anthroposophische Arbeitsgemeinschaft Gotha (R 58/6188 Teil 1: 298). Otto Thorwirth war zu dieser Zeit schon Mitglied der NSDSAP (R 58/6188 Teil 1: 318); seine Mitgliedsnummer war 2 764 128 (PK R14: 2784). Im Januar 1943 erhielt er direkt von Hitler die ausdrückliche Bestätigung seiner Parteimitgliedschaft “trotz früherer Zugehörigkeit zu einer logenähnlichen Organisation” (PK R14: 2786).

Josef Schulz beantragte erst 1938 die Parteimitgliedschaft. Sowohl die Ortsgruppe Gotha der NSDAP als auch das Kreisparteigericht unterstützten den Antrag. Im Januar 1939 wurde er aber vom Gaugericht Thüringen zurückgewiesen, weil Schulz von 1929 bis 1935 der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland angehörte. (PK L106: 2679-2686).

In manchen Fällen ist die zeitliche Übereinstimmung von Anthroposophie-Zugehörigkeit und NS-Mitgliedschaft nicht ganz eindeutig, obwohl naheliegend. Heimo Rau etwa, Sohn anthroposophischer Eltern, ab 1946 Waldorflehrer, war NSDAP-Mitglied (PK O28: 675-682); Werner Voigt, anthroposophischer Arzt, war seit 1933 SA Mitglied und seit 1936 SS Mitglied (RS G466: 2865-3004). Auch waren einige Menschen, die erst nach dem Krieg zur Anthroposophie kamen, in der NS-Zeit in nationalsozialistischen Zusammenhängen aktiv. So trat Udo Renzenbrink 1933 der SS bei und war -- laut einer Notiz des Berlin Document Centers unter Bezugnahme auf Unterlagen der Reichsärztekammer -- auch NSDAP-Mitglied (RS E5390: 7-126). Einige weitere Anthroposophen waren laut Parteiakten auch SA-Mitglieder, z.B. Friedrich Kipp oder Rudolf Kreutzer (SA 92A: 620-655; PK G285: 2486).

Dann gibt es etliche Fälle von anthroposophischen Parteimitgliedern, die aufgrund ihrer früheren Mitgliedschaft in der Anthroposophischen Gesellschaft aus der NSDAP ausgeschlossen wurden, etwa Otto Julius Hartmann, NSDAP-Mitglied von 1934 bis 1941 (PK D384: 472-480)."

Außerdem gibt es eine Reihe von Anthroposophen, die nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft im Jahre 1935 die Parteimitgliedschaft beantragt haben und zurückgewiesen wurden, weil die Anthroposophische Gesellschaft als logenähnliche Vereinigung galt. Dazu zählen etwa Johannes Bertram-Pingel, Ernst Blümel, Herman Weidelener, Paul Reiss, Friedrich Böhnlein, Gotthilf Ackermann, Wolfgang Schuchhardt und August Wegfraß.

Dass aber NS-Engagement auch ohne Parteimitgliedschaft durchaus möglich war, dokumentiert etwa der Fall Georg Halbe. Halbe, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, war -- soweit aus den Akten feststellbar -- nicht Mitglied der NSDAP. Von 1935 bis 1942 arbeitete Halbe im Reichsnährstand bzw. im Stab des Reichsbauernführers als Sachbearbeiter für Schrifttum; dort widmete er der biologisch-dynamischen Landwirtschaft besondere Aufmerksamkeit, u.a. als Mitarbeiter an “Odal: Zeitschrift für Blut und Boden” sowie als Betreuer des Blut und Boden Verlags. Nach dem Ausscheiden Darrés im Jahre 1942 arbeitete Halbe zunächst im Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete (Abteilung Kulturpolitik), dann ab März 1944 im Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Seine Veröffentlichungen erschienen u.a. in der Nationalsozialistischen Landpost, im SS-Organ Das schwarze Korps, und in Wille und Macht: Führerorgan der nationalsozialistischen Jugend.

Erwähnenswert, wenn auch schwer einzuschätzen, ist schließlich die Behauptung Hermann Poppelbaums, als Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, gegenüber dem Stab des Stellvertreters des Führers am 22.5.35 in Bezug auf den Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft in Heidelberg: „Unsere Heidelberger Mitglieder sind zum Teil geschätzte Mitglieder der Partei…“ (R 58/6193 Teil 2: 426). Ähnlich die Aussage aus einer nicht datierten Verlautbarung der Christengemeinschaft (vermutlich März 1936): „Unter den Mitgliedern sind viele Parteigenossen.“ (R 58/6189 Teil 2: 147)

Weitere Literatur zum Thema:
Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. Oldenbourg Verlag München, 1999