Zu Björn Steierts Pamphlet "info3 als Verfechterin einer unchristlichen Anthroposophie"
Von Felix Hau
Ich werde im Folgenden nur auf einige wenige Stellen in Björn Steierts Pamphlet eingehen, die mir in dem ganzen Dschungel blanken Unverständnisses geeignet erscheinen, meine Position nochmals darzustellen. Alle Unrichtigkeiten, Missverständnisse und Verdrehungen zu kommentieren, die sich auf jeder einzelnen Seite der Steiert'schen Produktion finden, fehlt mir offen gestanden jede Lust. Die Zitate aus Steierts Schrift sind im Fettdruck und werden durch Angabe der Seitenzahl eingeleitet, auf der sie sich dort finden.
Seite 1: "Die Christlichkeit der anthroposophischen Weltanschauung wird teils gänzlich negiert" Insoweit sich diese Diagnose auf mich bezieht, ist sie falsch. Ich negiere nicht "teils gänzlich" die Christlichkeit der anthroposophischen Weltanschauung, sondern ich stelle zur Diskussion, inwieweit Anthroposophie zwangsläufig etwas mit dem Christentum zu tun hat; meiner Ansicht nach ist diese Zwangsläufigkeit nicht gegeben. Was ich in der Tat negiere - und zwar nicht "teils gänzlich", sondern ganz gänzlich - ist die Vorstellung, Rudolf Steiners Einweihung habe irgendetwas mit dem Christentum zu tun gehabt. Diese meine Behauptung lässt sich auch dann aufrecht erhalten, wenn Rudolf Steiner tatsächlich jene Meisterbegegnung gehabt hätte, von der Schuré in den Documents de Barr berichtet und die ich in meinem Artikel in Zweifel ziehe. Was auch immer er damit gemeint hat - Fakt ist, dass Rudolf Steiner in seiner Autobiographie äußert, es habe sich erst in der Nähe der Jahrhundertwende "die wahre Gestalt" des Christentums allmählich vor seine Seele gestellt. Zuvor hat er nachweislich durchgehend gegen das Christentum polemisiert, das er sogar für eine Verzögerung der menschheitlichen Ich-Entwicklung verantwortlich machte (vgl. den Aufsatz "Der Egoismus in der Philosophie" von 1899).
Seite 2: "Hau formuliert sich seiner Art des Auftretens äußernd: 'Das Problem besteht lediglich, weil ich Rücksichten nehmen muss. Wenn ich das nicht müsste, wäre alles in bester Ordnung.' (…) Es geht offensichtlich darum, sich so zurückhaltend auszudrücken, dass 'info3' weiterhin gelesen werde, dass also der Leser nicht zu offensichtliche Steine des Anstoßes finde. Und so sagt Hau: 'Bislang ist es mir aber gelungen, info3 da nicht mit reinzuziehen." (…) Womit gesagt ist, dass schon seit längerer Zeit Artikel in dieser Stoßrichtung veröffentlicht wurden, wenn auch immer mit glimpflichem Ausgang - und dem ist (leider) tatsächlich so." Bereits hier enteilt Björn Steiert jeglichem Kontext auf den Schwingen seiner Phantasie. Meiner ersten hier von ihm zitierten Äußerung ging folgender Satz eines Debattenteilnehmers voran:
"Wenn Du Dich dauerhaft zum enfant terrible der Szene steigerst, werden damit auch die Zuschriften schriller." Daraufhin ich: "Damit hätte ich nun gar kein Problem. Das Problem besteht lediglich, weil ich Rücksichten nehmen muss. Wenn ich das nicht müsste, wäre alles in bester Ordnung." Die Rücksichten, die ich nehmen muss, beziehen sich auf den Umgang mit schrillen Zuschriften - zum Beispiel auf solche wie die von Dr. Horst Peters (siehe info3 Nr. 6/05, Leserbriefe), der meine umgehende Entlassung fordert. Ich muss auf solche Dreistigkeiten als Redakteur einer Zeitschrift anders reagieren, als ich das tun würde, wenn ich nur für mich allein sprechen könnte. Und zwar deshalb, weil ich nicht will, dass meine Kollegen als info3-Team in eine sich eventuell ausweitende persönliche Auseinandersetzung hineingezogen werden.
Genau den gleichen Bezug hat auch mein zweiter von Steiert zitierter Satz. Ihm ging folgende Äußerung voran:
"dass Du mit Deinem Artikel Senge beziehen würdest, hast Du eh schon geahnt" Daraufhin ich: "Natürlich. Ich bin das ja außerdem schon gewohnt. Bislang ist es mir aber gelungen, info3 da nicht mit reinzuziehen." "Außerdem schon gewohnt" bin ich, dass auf meine bislang nicht in info3 geäußerten "abweichenden" Ansichten insbesondere zum Thema "Christentum und Anthroposophie" mit totaler Ablehnung nebst persönlicher Diffamierung, Gegner-Diagnosen und ähnlichem Geschütz reagiert wird. Diese fundamentalistischen Reaktionen treffen nun in der Folge meines Artikels erstmals nicht nur mich persönlich, sondern auch info3, was den Umgang mit ihnen in oben genanntem Sinn erschwert.
Seite 5: "Hau nimmt an, dass Steiner einem nichtchristlichen Erlebnis in Ideenform ein christliches Mäntelchen umgehängt habe." An dieser vollkommen idiotischen Behauptung Steierts wird das ganze Dilemma totalen Unverständnisses deutlich:
1. Was ist denn ein nichtchristliches - und was ist ein christliches - Erlebnis?
2. Wie kommt Steiert zu der Annahme, Steiners Einweihungserlebnis von 1881 sei ein solches "in Ideenform" gewesen? Von mir kann er das jedenfalls nicht haben; von Steiner auch nicht. Und wenn er selbst über ein entsprechendes Erleben verfügte, würde er solchen Unsinn gar nicht schreiben können, der im Übrigen darauf hinweist, dass er weit davon entfernt ist zu begreifen, was eine Idee und wem deren "Sein" als solche zu verdanken ist. Es ist unmöglich vor diesem Hintergrund begreifen zu können, was Steiner beinahe ein Vierteljahrhundert lang geleistet und "Anthroposophie" genannt hat: die Produktion von anschaubaren bestimmten Formen auf der Grundlage unbestimmten Erlebens; eine Ideengestaltung für die geistige Welt, die ohne Rudolf Steiners Produktion ganz anders - in manchen fällen auch gar nicht - aussähe. 3. Beim "christlichen Mäntelchen" (in Steierts Worten) nun handelt es sich allerdings gerade um solche Ideen, um Ausdrucksformen eines wirklich Erlebten. Es ist ein oft zu beobachtender Irrtum, eine Ausdrucksform als solche bereits für das Wesentliche zu halten. Was Anthroposophen in Bezug auf die sinnliche Welt offenbar ganz selbstverständlich ist, fällt manchen unter ihnen in Bezug auf die gestaltete geistige Welt um so schwerer: in den Erscheinungen das Wesen zu erleben, das auch in dem hier diskutierten Zusammenhang schließlich weder Ähnlichkeit mit Renaissancefiguren hat noch ein Schildchen trägt, das es als "Christus" ausweist.
Seite 5: "Denn wenn die abschließende (…) Alternative lautet: 'Ist also Steiner selbst nach der Jahrhundertwende das erste tatsächliche 'Opfer' seiner Mystifizierungen geworden (…) oder war er begeisterter Priester, der (…) die Menschen, die sich ihm zuwandten, (…) auf Pfade führte, auf denen sie ganz allmählich diese lediglich gegebene Identität zurücklassen und einen Hauch von Freiheit atmen konnten?' - so wird Steiner unausweichlich als Lügner hingestellt. Im ersten Fall als Opfer seiner eigenen Lügen. Im zweiten Fall als bewusster Lügner, als falscher Priester." Ich habe lange gerätselt, was es sein könnte: Auf welchen Wegen wird bei Steiert aus Mystik Lüge und aus einem begeisterten ein falscher Priester? - Ich weiß es nicht.
Sollte es sich womöglich darum handeln, dass für ihn einfach Mystik ein Synonym für Unwahrheit ist? Dann könnte man dieser, Steierts Auffassung zufolge Steiners bekanntes Buch vielleicht nennen "Das Christentum als unwahre Tatsache"? Oder sieht Steiert im Abendmahl eine unwahre Veranstaltung, weil er nicht den mystischen Leib Jesu, sondern in kannibalistischer Sehnsucht einen historischen essen will?
Seite 6: "Sollte der unwahrhaftige Steiner der wahre sein? Damit wäre der gesamte Inhalt der Anthroposophie unwahr. Demgemäß bezeichnet Hau ihn auch als 'Blödsinn' (siehe unten). Was aber bleibt dann noch von Steiner? Hau gibt (wiederum mit dem rhetorischen Mittel der Frageform) die Möglichkeiten vor: ein 'grottenschlechter Künstler', 'ein theatralisch-hysterischer Deklamator', ein 'inhaltsleerer besessener Volkspädagoge'. Er schreibt über die Zeit, in welcher die Darstellung und Ausgestaltung der Anthroposophie fällt, im Zusammenhang: 'Wenn Steiner tatsächlich Blödsinn erzählt haben sollte UND es noch nicht einmal wusste, dann bleibt aus seinem letzten Lebensdrittel was genau: der grottenschlechte Künstler? Der theatralisch-hysterische Deklamator? Der inhaltsleere besessene Volkspädagoge? Der kontraproduktive Psychologe? - Ein Männlein steht im Walde?'" Ich muss hier Absicht unterstellen, denn aus dem Kontext, der Steiert nicht entgangen sein kann, ergibt sich deutlich etwas ganz anderes als dasjenige, was von ihm behauptet wird.
Vor dem Hintergrund der Frage nach der Form der Tatsächlichkeit des Christusgeschehens hatte ein Debattenteilnehmer in gänzlich anderem Zusammenhang geschrieben: "Wies wirklich war klingt nicht so sexy." Darauf antwortete ein anderer, dies wiederum auf den genannten Hintergrund beziehend: "Stimmt. Interessiert auch niemanden (außer Felix während seiner Fundamentalismus-Flashs)." Daraufhin ich: "Diese 'Flashs' sind dauerhaft. Mein Problem ist nämlich Folgendes: Wenn Steiner tatsächlich Blödsinn erzählt haben sollte …" usw. (siehe oben)
Steierts an sämtlichen eigenen Haaren herbeigezogene Unterstellung, ich würde den Inhalt der Anthroposophie für "unwahr" halten und als "Blödsinn" bezeichnen, ist typisch für solche Art zielführender "Kritik", die von Verständnislosigkeit größeren Ausmaßes lebt.
Ich halte den Inhalt der Anthroposophie gerade nicht für unwahr, sondern für individuelle Ideengestaltungen Rudolf Steiners. Unwahr - und zwar in einem quasi-materialistischen Sinn - wird in meinen Augen Anthroposophie zwingend dann, wenn man nicht durch diese Ideengestaltungen hindurch auf ein wirklich Geistiges "blickt", das man aber erleben muss, um seine Wirklichkeit erfassen zu können; genau dahin zielt auch meine Kritik am "anthroposophischen Christentum".
Ich habe an der zitierten Stelle gerade deutlich gemacht, dass es mir ausgesprochen wichtig ist zu wissen, ob stimmt, was ich voraussetze: nämlich, dass Rudolf Steiner das genau so gesehen hat und seine Ideengestaltungen also eine spirituelle Deckung aufweisen. Sollte Rudolf Steiner das nicht so gesehen haben - was ich nicht glaube - und ihm wäre es also nicht zentral darauf angekommen, ein wirklich erlebtes Geistiges in seine Ideen zu gießen, dann hätte er einfach Blödsinn erzählt und es bliebe nichts als Schein - den ich persönlich in der Tat noch nicht einmal "schön" finde.
Seite 7: "Es wird behauptet, Steiner habe nur deshalb an das Christentum appelliert, um den Europäern die Anthroposophie schmackhaft zu machen, auch die ätherische Wiederkunft Christi erscheint vor diesem Hintergrund als eine Erfindung." 1.Vielleicht kann sich auch ein Herr Steiert - gerade ein Herr Steiert müsste es können - zu der Erkenntnis aufraffen, dass die Ideenwelt, in der Menschen leben, maßgeblich in einer bestimmten kulturellen Tradition ihren Urgrund hat und dass es den meisten Menschen - ganz besonders offenbar Herrn Steiert - schwer fällt, ihre Ideenheimat in diesem Sinne, aus der sie einen Großteil ihrer Identität schöpfen, nicht zu verabsolutieren und nicht als notwendigen Boden aller menschenmöglichen Erkenntnis zu betrachten. Wie man sieht, führt eine Konfrontation allein mit der Denkmöglichkeit, dieser Boden könne ein relativer sein, zu vollkommen absurden Abwehrscharmützeln. Ich wäre geneigt, Steiners von mir angenommener Ansicht Recht zu geben, dass deshalb eine solche Konfrontation zu nichts führt, sondern man besser an Bestehendes und Gewohnheitsmäßiges anknüpfen sollte - wenn, ja wenn nicht eben der Konfessionalismus - beispielsweise derjenige Steierts -, der daraus resultiert, so unerträglich wäre.
2.Die "Wiederkunft Christi im Ätherischen" ist eine "Erfindung". Sie ist die Ideengestaltung eines individuellen Menschen, der seine wahrheitsschaffende Phantasie dazu verwendete, um - dem sich entwickelnden Bewusstsein seiner Zeitgenossen vorauseilend - etwas einen anschaubaren Ausdruck zu verschaffen, das individuelles Erlebnis eines jeden werden kann. Ein individuelles Erlebnis, das wiederum einen Schritt markiert auf dem Weg des schöpferisch-wirklich zu sich selbst erwachenden Menschheitsbewusstseins.
Sie, Herr Steiert, fügen - im Gegensatz zu Rudolf Steiner, der zu seiner Zeit Speerspitze dieses Prozesses gewesen ist - diesem Umstand des sich selbst Fortentwickelns der Menschheit nichts, aber auch überhaupt nichts Wesentliches hinzu, wenn Sie auf der Bezeichnung "Christus" beharren oder etwas "die Wiederkunft Christi im Ätherischen" nennen. Sie repetieren damit nur offenbar Unverstandenes und verwenden das Nachgeplapperte als Kampfmittel gegen produktivere Zeitgenossen. Das ist, mit Verlaub, lächerlich.
Felix Hau, 6. Juni 2005 P.S. Zum Schluss noch eine Anmerkung: Wäre Steierts Pamphlet eine Schrift, deren Anliegen es ist, sich kritisch mit meinem in info3 publizierten Artikel auseinanderzusetzen, wäre es der - von mir aus: leidenschaftliche - Versuch, meiner Haltung zum Christentum, meinen Ansichten zu Rudolf Steiner und/oder zur Anthroposophie etwas entgegenzusetzen: ich hätte mich wirklich auf und über eine Auseinandersetzung gefreut. Das ist es aber nicht. Was es zum Pamphlet macht, ist - abgesehen von seinem Konfessionalismus und dem dogmatischen Anspruch der Definitionshoheit in Sachen Anthroposophie - in erster Linie der assoziierte Boykottaufruf gegenüber info3. Ich möchte gar nicht sagen, woran mich das denken lässt. Jedenfalls halte ich, um es deutlich zu sagen, diesen Vorgang für eine Sauerei. Sich unliebsame Ansichten dadurch vom Hals zu halten, dass man ihre Äußerung verunmöglichen will, ist - ganz gleichgültig, wie sehr sich der Agitator in seiner Macht auch überschätzen mag - Symptom aggressivsten geistigen Schrebergärtnerns. Und das ist mir einfach zutiefst unsympathisch.
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