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Werner Haverbeck – Anwalt für Deutschland?

Von Arfst Wagner

Seit vielen Jahren warteten Menschen, die Werner Haverbeck kennen, auf das Buch, das er dann am 1. September 1989 vorgelegt hat: »Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland« (Langen Müller, München). Wir können hier auf das Buch nicht ausführlich eingehen und verweisen auf verschiedene Buchbesprechungen, die in anthroposophischen Zeitschriften erschienen sind. (1) In einem kurzen Essay Zum 1. September 1989 (2) wurde bereits darauf hingewiesen, daß Haverbeck in diesem Buch das Vorhandensein deutscher Vernichtungslager bestreitet, was im Grunde einen Straftatbestand nach heutigem Recht darstellt. (3) Wir verwiesen darauf, daß Haverbeck selbst im Dritten Reich durchaus Karriere gemacht hat und schilderten rein faktisch Stationen dieser Karriere, die uns allerdings seinerzeit noch nicht so geschlossen vorlag wie heute. Ein Pfarrer der Christengemeinschaft, der mit Haverbeck auch heute noch eng zusammenarbeitet, Georg Blattmann, bezichtigte den Verfasser daraufhin der »Hexenjagd« und verteidigte das Anliegen Haverbecks.

Um einmal die Tätigkeiten Werner Haverbecks in seiner Tagungsstätte »Collegium Humanum« deutlich werden zu lassen, wollen wir die Themen einiger seiner Seminare der letzten Jahre erwähnen:


07.11.-09.11.1980 »Die Bündische Jugend und die Hitler-Jugend«

18.09.-20.09.1981 »Zeitgeschichtliche Fragen aus anthroposophischer Sicht« (Hauptredner des Seminars war der stark rechtslastige Dr. Alfred Schickel)

19.06.1982 »Die Ausländerfrage«

08.07.-10.07.1983 »Gehalt und Kern deutscher Sagen«, (mit Dr. Heinz Ritter, Schaumburg)

23.03.-24.03.1985 »9. Südafrika-Seminar«

30.09.-02.10.1988 »Das verratene Recht auf 'Selbstbestimmung der Völker' vor 50 Jahren: das Abkommen von München«

30.06.-02.07.1989 »Rudolf Steiner und die Geschichte unserer Zeit - Der Jahrhundertkrieg 1914-1945 aus geisteswissenschaftlicher Sicht« (Referenten: Heinz Pfeifer und Werner Haverbeck. In der Einladung findet sich zum Beispiel der Satz: »Vor 50 Jahren: 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Sein Ergebnis war die Fortsetzung der Vertreibung der Ostdeutschen (insgesamt 18 Millionen).« - Weitere Hinweise auf Folgen des Zweiten Weltkrieges finden sich nicht.

27.09.-30.09.1990 »Von der Wirklichkeit der Märchenbilder« Referenten: Jean Ringenwald (Seminar und Märchenzeitschrift Troubadour, die jetzt ans Collegium Humanum umgezogen sind), Werner Haverbeck und Georg Blattmann.


Sicher sagen die Themen der Seminare zunächst nur, daß hier offenbar sehr interessante und brisante Themen angeschnitten werden, die sonst in anthroposophischen Kreisen nur selten, vielleicht gar nicht aufgegriffen worden sind. Aus Berichten von Teilnehmern, Gesprächen mit Gastdozenten und aus unseren Unterlagen ergibt sich aber, daß diese Seminare zu einem Stelldichein von Vertretern revisionistischer Tendenzen gerieten.

Das ganze Problem Werner Haverbeck ist allerdings ein sehr schwieriges, und mit vorschnellen Urteilen ist hier -- wie stets -- nichts zu erreichen. Es ist allerdings so, daß seit längerem bereits nichtanthroposophische Kreise ein Auge auf Haverbecks Aktivitäten geworfen haben und möglicherweise der anthroposophischen Bewegung durch ihn noch größerer Schaden zugefügt werden kann, als es durch sein Buch bisher schon geschehen ist.


Daß hier nicht darüber diskutiert zu werden braucht, wie Haverbeck heute denkt, zeigen so manche Publikationen Werner Haverbecks oder solche, an denen er beteiligt war. Wir verweisen hier auf das Literaturverzeichnis, wollen aber dennoch auf einige eingehen.

Vor wenigen Jahren (die genaue Jahreszahl ist in dem Buch nicht angegeben) verfaßte er das Vorwort zu dem Buch von Walter Drees: »Herman Wirth bewies: die arktisch-atlantische Kulturgrundlage schuf die Frau«. Werner Haverbeck schreibt hierzu: 'Aufbruch des Nordens' nannten wir Jungen eine Jugendkundgebung, die in der Reichshauptstadt 1931 die Bünde der Jugendbewegung um Herman Wirth scharte. Es war eine geistige Bewegung der Rückbesinnung und des Vorwärtsstrebens, die sich hier kundtat. Die anschließende politische Umwälzung überdeckte sodann diese ersten Keime.(4)


In den Jahren vor und um 1930 war Werner Haverbeck, der sein eigenes Licht hier sehr unter den Scheffel stellt, Mitglied der »Bündischen Jugend«, in der die vielfältigsten Strömungen zusammenkamen, unter ihnen religiöse Erneuerungsbewegungen, Öko-Bewegungen, wie man heute sagen würde, pazifistische und spirituelle Strömungen. (5)

Werner Haverbecks Nazi-Vergangenheit

Welche Rolle spielte nun Werner Haverbeck seinerzeit? Nach dem im Jahre 1934 erschienenen »Deutschen Führerlexikon« läßt sich Haverbecks Vergangenheit wie folgt rekonstruieren: »Geboren am 28.10.1901 in Bonn am Rhein. 1928-32 Studium der Geschichte, Germanistik und Volkskunde; abgebrochen durch Berufung in die Reichsleitung der NSDAP. Steht seit 1923 in der nationalsozialistischen Bewegung und erwirbt die Mitgliedschaft der Partei zum erstenmal 1926 noch als Schüler, seit Frühjahr 1929 Mitglied der Reichsleitung des NSDSTB; in dieser Zeit aktive Dienstzeit in der SA; seit August 1931 ununterbrochen in der Reichsleitung tätig; zuletzt im Juni 1933 vom Stellvertreter des Führers mit der gesamten Volkstumsarbeit der nationalsozialistischen Bewegung für das ganze Reichsgebiet beauftragt; gegenwärtig Leiter der Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit der NSDAP, des Reichsbundes Volkstum und Heimat sowie des Reichsamtes Volksturm und Heimat in der NS-Gemeinschaft 'Kraft durch Freude' «.(6)

Diese Stichworte geben allerdings nur sehr verkürzt Haverbecks Tätigkeiten wieder. Außerdem reichen sie nur bis ca. Ende 1933.

Der Jugendbewegte

Haverbeck setzte sich seinerzeit besonders gegen eine Gleichschaltung der Bündischen Jugend ein, also gegen die Unterordnung in die damalige Hitler-Jugend. Er widersetzte sich auch einer Uniformierung der Bünde. Einer seiner damaligen Mitstreiter im »Reichsbund Volkstum und Heimat« charakterisierte ihn damals in seinem Tagebuch u.a. folgendermaßen:


09.12.1929, München: Da kommt etwas Neues, etwas ganz anderes auf uns zu, sagte ich zu Werner Haverbeck. Ein neuer Tag dämmert, sagte er und berichtete, daß er schon seit einiger Zeit -- selbst 22jährig -- Mitarbeiter des Völkischen Beobachters sei. Das ist die Zeitung, die diese Kreise in München herausgeben.


29.05.1931, Kiel: Werner Haverbeck studiert jetzt auch in Kiel. Und Werner ist lodernde Flamme. Er brennt aus sich selbst, nicht aus anderen, auch nicht aus der NSDAP. Er ist nicht wie wir, die sich doch aus den vorbestimmten Gegebenheiten nicht lösen können. Haverbeck konnte es. Er war jenseits aller Bürgerlichkeit. Er wurde auch in den längsten durchdiskutierten Nächten nicht müde. Ich wurde es. Und das nicht nur körperlich. Ein Haufen unnützes Gerede!


03.09.1931, Kiel: Lag mit Werner am Strand. Die Wissenschaft sei kein Selbstzweck, dozierte er. Wir würden alle Bücherwürmer, eingespannt in abstrakte fertige Systeme. Er habe unendlichen Widerwillen gegen dieses ganze intellektuelle Gebüffele und Geschmiere und die ganze unnütze Wirre dieser gesellschaftlichen und erzieherischen Theorien. Er wolle wieder eine Fliederblüte betrachten und eine Schar Jungen in der Hand haben können. Er wolle das direkte Leben, und nicht seine Reflexionen. Er wolle daher sein Studium abbrechen und einer Aufforderung zum Kulturamt der NSDAP nach München folgen, was auch draus werde, denn die Lage für diese Partei sei wirklich trostlos. Man müsse nun selbst mit zupacken. Das Philosophieren an Deutschlands Hohen Schulen helfe nichts.


25.04.1932, Kiel: Heute erreichte mich dieser Brief:

Reichsjugendführer der NSDAP München, 23.04.1932

Kulturreferent Braunes Haus

An Ulrich Schmiedel ...

Die mir aufgetragene Durchführung der Schulungsarbeit in der gesamten NS-Jugend ist nur möglich bei der Bildung eines zuverlässigen Stabes. Du sollst mir helfen. Du sollst die weltanschauliche Missionierung der Berliner Hitler-Jugend übernehmen. Es handelt sich dabei um etwa 2.000 Jungens, vorwiegend Proletarierkinder aus den traurigsten Verhältnissen, deren einziges Seelenlicht der Nationalsozialismus, der Einsatz für Adolf Hitler ist. Stumpf gewordene Menschen zum großen Teil. Ihnen gilt es, die tieferen Lebenswerte in mühsamer Kleinarbeit von Mensch zu Mensch wieder nahezubringen. Die wirtschaftlichen Fragen Deines Einsatzes sind vorläufig sekundär!

Werner Haverbeck


30.04.1932, Kiel: Ich lehne ab. Ich bin mitten im Studium. Werner wird mit Worten biblischer Kraft reden und mich später mit einer verzweiflungsvollen Aufgabe allein lassen. (7)


01.05.1934,Berlin: Werner Haverbeck sprach auf dem Podium des Sport-Palastes in Berlin. Trupps von Wehrmacht, Arbeitsdienst, von uns gegründete Stoßtrupps (Studenten und Jungarbeiter) um ihn herum zum 1. Mai 1934. Reichsleiter, Minister in den ersten Reihen. Die durch Lautsprecher dröhnend verstärkte Musik der Luftwaffe, komponiert nach dem alten Lied »Jetzt treiben wir den Winter aus«. Sie sangen es auf allen auftürmenden Rängen. Werner stand auf einem Podest unter den uniformierten Abordnungen, alle überragend:

'Wenn der Nationalsozialismus seinem Bekenntnis entsprechend als der Wiederaufbruch der deutschen Volksseele schlechthin bewertet werden muß, dann werden die Äußerungen des deutschen Volkstums, wie sie als ewige Sprache der Volksseele in allen volkskulturellen Formen aus den Jahrzehnten her bis in unsere Gegenwart lebendig wirken -- auch zum kultischen Ausdruck der nationalsozialistischen Weltanschauung.'

Die junge Mannschaft stand dort. Sie formte das Gesicht des neuen Reiches. Herr Gott, sollte es uns doch noch gelingen! Eine neue, eine echte, eine wirkliche Volksgemeinschaft! Nach diesem Kampf aller gegen alle, nach der Unfähigkeit der zahlreichen Parteien zur Führung dieses verirrten Volkes?!

Der Reichsparteitag 1934 in Nürnberg wurde kulturell im Auftrage von Hess geformt von Werner Haverbeck und seinen Männern. Er war der große Sieger!« (8)


Später hießt es, während der »Reichsbund« schon um sein Überleben kämpfte:

»Wir kamen mitten zwischen diese Machtkämpfe, Rosenberg wurde anstelle des jungen Haverbeck die Kulturarbeit in der Arbeitsfront übertragen. Werner verkündete, daß man ihm das Recht genommen habe, hier vor seinem eigenen Reichsbund zu sprechen. Er müsse noch in dieser Nacht nach Berlin. Zu seinem Stellvertreter während der Tagung ernannte er mich. Man möge hier zusammenbleiben, als wenn nichts geschehen sei. Hunderte bildeten daraufhin eine Kette Hand in Hand in vielen Reihen um ihn.« (9)


»Am 4. Februar 1935 benachrichtigte mich Haverbeck aus Berlin:

'Gegen RVH (Reichsbund Volkstum und Heimat) liegt Auflösungsbefehl des Reichsministers Goebbels vor. Eine Begründung ist nicht beigefügt. Über alles weitere läßt sich schwer etwas schreiben. Alles eigene Erleben und Erfahren wird für Dich zwischen den Zeilen stehen. Du darfst mir nur eines glauben: Wir werden aus diesem Kampf ungebrochen hervorgehen, und wir haben noch uns, und der eine Große ist auch da, darum

Heil Hitler!

Werner«. (10)


Mit dem »einen Großen« meinte Haverbeck seinerzeit Adolf Hitler.

Ulrich Schmiedel resümiert: »Haverbeck war nun doch in die vorher von ihm angeprangerte Wissenschaft zurückgekehrt. Er schrieb an seinem Volkskundeatlas und dann an seiner Doktorarbeit. Der Prophet blieb für uns stumm.« (11)


Werner Haverbeck setzte seinerzeit seine ganze Hoffnung auf Adolf Hitler und sah in den meisten anderen Nationalsozialisten Gegner des eigentlichen Impulses des damaligen Reichskanzlers. Diesen empfand er als Träger des »Neuen«. Allerdings hatte Haverbeck auch später gute Kontakte zu anderen, damals und auch heute noch sehr bekannten Personen. So finanzierte Heinrich Himmler das Studium Haverbecks aus eigener Tasche.

Die genauen Vorgänge in und um das Verbot bzw. die Auflösung des Reichsbundes sind in einem Buch von Reinhard Bollmus mit dem Titel »Das Amt Rosenberg und seine Gegner« nachzulesen. (12)


Werner Haverbeck wurde zum 20. November 1936 als SS-Untersturmführer in die SS aufgenommen, bei gleichzeitiger Ernennung zum SS-Führer beim Stab des Abschnittes X.«(13) Nach weiteren internen Kämpfen, auf die wir hier nicht weiter eingehen wollen, wurde er, nachdem er sich auch mit Heinrich Himmler überworfen hatte, aus der SS am 23.05.1938 wieder ausgeschlossen. Die Ausschlußbegründung lautet wie folgt:


»Ich entlasse Sie mit sofortiger Wirksamkeit aus der SS, da Sie nicht die primitivsten Eigenschaften von Disziplin und menschlicher Anständigkeit besitzen, die von einem SS-Führer verlangt werden müssen.

Der Reichsführer-SS

gez. H. Himmler«.(14)

Der Große ist auch da...

Weitere Versuche Haverbecks, im Reichsnährstand und im Deutschen Ahnenerbe unterzukommen, scheiterten, weil er seine Gegner aus der Zeit seiner Tätigkeit im Reichsbund auf den Plan rief.


In den Jahren 1941 und 1942 ist er dann in Südamerika aktiv, wo er eine leitende Funktion beim Aufbau deutscher Propagandasender ausübt, die unter anderem die Aufgabe hatten, die südamerikanischen Regierungen zu bewegen, nicht in den Krieg gegen Deutschland einzutreten. Die Organisation nannte sich die »Deutsche Auslands-Rundfunk-Gesellschaft Interradio AG«. Unter anderem arbeitete Haverbeck hier mit dem späteren Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Kurt Georg Kiesinger, zusammen.

Die Motive, die seinerzeit einen jungen Menschen wie Haverbeck erfüllten, die tiefen Sehnsüchte, werden durch die Zitate aus dem Buch von Ulrich Schmiedel deutlich. Die damalige Situation ist eine ungeheuer komplizierte gewesen. Die inneren Kämpfe in der NS-Bewegung sind auch bis heute noch nicht in ihrer Gesamtheit deutlich herausgearbeitet. Es ergeben sich somit für Menschen wie Haverbeck stets genug Möglichkeiten, sich mit den verbrecherischen Praktiken des NS-Staates nicht zu identifizieren, sondern sie dort, wo sie nicht geleugnet werden können, einfach den damaligen Gegnern zuzuschieben.

An diese Thesen mögen solche Menschen sicher selbst glauben. An Adolf Hitler, so wird es deutlich, hat Werner Haverbeck stets festgehalten. Das scheint auch bis heute so geblieben zu sein, schreibt er doch in einer Arbeit, die im »Handbuch zur Deutschen Nation« im Jahre 1986 publiziert wurde:

»Die Erneuerung des Erziehungswesens war eine wesentliche Aufgabe der Jugendbewegung.... 1921 begründete Rudolf Steiner die erste 'Freie Waldorfschule' in Stuttgart... Nicht wenige in der Jugendbewegung lebende Prinzipien gingen, durch menschenkundliche Erkenntnis aus Anthroposophie wesentlich vertieft, in diese Entwicklung ein. Durch ein Reichs-Erziehungs-Gesetz, das sich 1934 generell gegen Privat- und Konfessionsschulen wendete, wurde diese Arbeit zu Unrecht leider für mehr als ein Jahrzehnt unterbrochen... Es mag überraschend sein, daß auch die 1936 begründeten 'Adolf-Hitler-Schulen'(AHS),... davon keineswegs unberührt blieben (vom Impuls der Waldorfpädagogik; A.W.). Es fällt auf,... welcher Raum der Schülermitverwaltung bis zur gemeinsamen Besprechung der Zeugnisse in den AHS bereits zugestanden wurde. Auch wurde das Prinzip der Waldorfschulen eingeführt, im Unterschied zu den traditionellen Schulzeugnissen sehr ausführliche persönliche Beurteilungen zu geben. Ziffernmäßige Zensuren wurden abgeschafft.« (15)

Lebt man erst einmal überzeugt in diesen Bildern, mag man vielleicht kaum noch geneigt sein bzw. auch keine Möglichkeit mehr finden, wieder aus ihnen herauszukommen.

Der Pfarrer der Christengemeinschaft

Im Jahre 1946 taucht Haverbeck wieder bei seinem alten Freund Schmiedel auf. Dieser schreibt: »19.09.1946: ...Plötzlich stand Haverbeck vor der Tür, einer der vielen Rucksackwanderer unserer Tage, die wir beherbergen.... Haverbeck steht auf der Seite des Ostens. Hier seien die Gläubigeren, die biologisch Stärkeren. Wir haben die Aufgabe, nach Haverbeck, das Abendland und die östliche sozialistische Kraft zu verbinden.« (16)

Im Jahre 1948 trat er in das Studium am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart ein. Im Jahre 1950 wurde er zum Priester geweiht. 1959 wurde er von dieser Tätigkeit beurlaubt, das heißt, er durfte das Priesteramt nicht mehr für eine Gemeinde ausüben und durfte auch nicht mehr an den Synoden teilnehmen.

Anlaß war, daß Haverbeck eine Reise durch Rußland und China unternommen und dabei unter anderem ein Gespräch mit Tschiang Kai-schek geführt hatte, der ihn sehr beeindruckte. Mit aufgrund dieser Reise konstatierten »linken« Tendenzen, die Emil Bock, dem damaligen Erzoberlenker der Christengemeinschaft, seinerzeit mißfielen, wurde die Beurlaubung begründet.

Im Jahre 1983 wurde seine Beurlaubung wieder rückgängig gemacht, und Haverbeck wurde auf einer Synode »in allen Ehren«, wenn auch mit gleichzeitiger Versetzung in den Ruhestand, wieder in den Kreis der Pfarrer aufgenommen.

Es scheint so zu sein, daß die Leitung der Christengeineinschaft von der Vergangenheit Haverbecks nichts wußte und vielleicht von der ganzen Dimension (nicht wenige Menschen sahen im Dritten Reich in Haverbeck einen der kommenden Größen des Deutschen Reiches) nichts erfahren hat.

Was man aber bemängeln muß, das ist die Tatsache, daß die Christengemeinschaft über die Vorgänge am Collegium Humanum bereits seit ca. 1980 informiert worden ist, aber keinerlei Schritte, sich von Haverbecks Gedankengut öffentlich zu distanzieren, unternommen hat. Auch als in verschiedenen Tageszeitungen -- so unter anderem im »Vlothoer Anzeiger« vom 17.12.1982 und vom 18.10.1983 wie auch im »Westfalen-Blatt«, Zeitung für Vlotho, vom 18. 10. 1983 -- von den nationalsozialistischen Tendenzen, die vom Collegium Humanum ausgingen, berichtet wurde, kam von der Seite der Christengemeinschaft keine Reaktion. Meinte man, Mitglieder der Christengemeinschaft oder auch Anthroposophen würden sich für solche Dinge nicht interessieren? Oder hat man das alles überhaupt nicht wahrgenommen, obgleich mehrfach darauf hingewiesen wurde? Eine Stellungnahme von seiten der Christengemeinschaft steht bis heute aus.

Des Führers 100. Geburtstag

Nach einer uns vorliegenden Einladung fand am 20.10.1984 eine von dem »Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Führers« (KAH, Komitee Adolf Hitler) durchgeführte Vorbereitungsarbeit auf diesen 100. Geburtstag statt. Ort:

Collegium Humanum. Die Einladung lautet: »Rundschreiben an die Kreissekretäre, Sonderbeauftragten und Stützpunktleiter im Gau Rhein-Westfalen. Am 20./21. Oktober findet in Vlotho ein wichtiges Schulungs- und Besprechungstreffen auf Gauebene statt. Alle Kreissekretäre, Sonderbeauftragte und Stützpunktleiter sind dazu eingeladen.

Treffpunkt: Samstag,20.10.,15.00 Uhr Collegium Humanum Bretthorststr. 204 4973 Vlotho. Die Veranstaltung dauert bis Sonntag, 21.10.,15.00 Uhr. Auf der Anreise zum Veranstaltungsort und im »Collegium Humanum« besteht strengstes Uniformverbot.

Am 3.11. findet der Landesparteitag der FAP statt. Der genaue Termin und der Ort werden noch rechtzeitig bekanntgegeben.

gez. Christian Malcoci Gausekretär«. (17)


Auch die Presse berichtete eingehend darüber, so die »Neue Westfälische« vom 03.05.1985. Es wurde anschließend bestritten, daß diese Veranstaltung an diesem Ort durchgeführt worden ist und daß die Einladung vom Collegium Humanum ausgegeben wurde, so die Frau Werner Haverbecks, Ursula Haverbeck-Wetzel, in einem Brief vom 25.03.1985 an den Unterzeichner der Einladung. Sie bezeichnete das Vorhandensein der Einladung als eine »neuerliche Rufmordkampagne gegen das Collegium Humanum.« (18)

Allerdings veröffentlichte Ursula Haverbeck-Wetzel ihre revisionistische Gesinnung und auch ihre Überzeugung, es habe keine Vernichtungslager gegeben, in einem Leserbrief Ende 1989 in der anthroposophischen Zeitschrift Info3, die auf das Buch von Haverbeck, »Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland« mit als erste kritisch reagiert hatte und einige Zeit später Auszüge aus dem Brief von Emst-Otto Cohrs an Richard von Weizsäcker kritisch kommentierte und ihn in Auszügen abdruckte. (19) Haverbeck-Wetzel stellte sich hinter das sogenannte »Leuchter-Gutachten«, auf das sich Cohrs in seinem Brief an den Bundespräsidenten berief, in dem er seine eigene Wahrheitstreue mit einem Hinweis darauf begründete, daß er Anthroposoph sei. Unter anderem konnte man die aus rechtsextremen Kreisen bekannte Formulierung Ursula Haverbeck-Wetzels lesen: »...Im übrigen ist bei allen ernstzunehmenden Historikern, die sich noch einen letzten Rest von Freiheit der Forschung und Lehre erhalten haben, einwandfrei nachgewiesen, daß es im gesamten Reichsgebiet keine Vergasung gegeben hat.« (20)

Auch auf David Irving beruft sich Frau Haverbeck-Wetzel, einen englischen Historiker, der kürzlich auf einer Pressekonferenz zum Leuchter-Gutachten auf die Frage, es gäbe doch aber Überlebende des Holocaust, die könnten die Verbrechen doch bezeugen, antwortete: Jeder Überlebende zeuge nur für eines, nämlich dafür, daß er überlebt hat.

Der Dritte Weg

Welche Gefährdung der gesamten anthroposophischen Arbeit diese Vorgänge in sich tragen, mag durch ein weiteres Beispiel, auch wenn es nicht ausführlich beschrieben zu werden braucht, deutlich werden. Es spricht für sich.

In der ZeitschriftLSI (Lebensschutz-Informationen), die vom Weltbund zum Schutze des Lebens (D) herausgebracht wird und die ihre Redaktion im Collegium Humanum hat (Herausgeberin ist Ursula Haverbeck-Wetzel), findet sich bereits im Juli 1980 folgender Passus in einem Artikel, der einen Kommentar auf den damaligen Bundesparteitag der GRÜNEN zum Inhalt hat. Wir zitieren (wahrscheinlich Haverbeck-Wetzel):

»Da es historisch gesehen erst einen Versuch gab -- wie immer der auch beurteilt wird und ausging --, eine weder zentralistisch-kommunistische noch demokratisch-kapitalistische Gesellschaftsordnung zu praktizieren, und weil dieser erste Versuch in einem Trümmerhaufen unterging, unter Leid und Grausamkeit, wird jetzt leicht jeder neue Dritte-Weg-Ansatz als faschistisch abgewertet,jedenfalls von solchen, die einen wirklichen Dritten Weg gar nicht wollen.« (21)

Die Interpretation: Mit dem »ersten Versuch« ist nicht etwa die Soziale Dreigliederung gemeint, sondern (was wird sonst mit »faschistisch« in Zusammenhang gebracht?) das »Dritte Reich«. So ist ja auch die Soziallehre des Nationalsozialismus in dem Parteiprogramm der NSDAP als ein solcher »Dritter Weg« beschrieben. (22)

Kurzum: Für die Haverbecks scheint der Nationalsozialismus der »Dritte Weg« zu sein, und sie setzen sich bis heute für diesen ein. Aus: Arfst Wagner: Anthroposophen und Nationalsozialismus, Flensburger Hefte Heft 32 3/91. Mit freundlicher Erlaubnis der Redaktion.

Anmerkungen:

1. Frank Hörtreiter: Ein Buch zuviel. In: Die Christengemeinschaft, Stuttgart 9/1989, S. 486
Stefan Leber: Rudolf Steiner, die Kriegsschuld und das Dritte Reich. In: Erziehungskunst, Stuttgart Nr. 11/1989, S. 1006ff.

Christoph Lindenberg: Mißbrauch und Verdrehung - wie Haverbeck Steiner-Zitate in den Dienst seiner Nazi-Ideologie stellt. In: Die Drei, Stuttgart, s

12/1989, S. 906ff.

Sergej O. Prokofieff: Wessen Anwalt ist haverbeck?, Ebd., S. 910ff.

2. Arfst Wagner: Zum 1. September 1989. In: Flensburger HEfte Nr 26, S. 102ff

3. Siehe Haverbeck, Rudolf Steiner, a.a.O. S. 324f.

4. Zu beziehen über: Verlag-Auslieferungs Versand, Postfach 11 01 65, Oberhausen.

5. Siehe dazu: Ulrich Linse, Barfüßige Propheten, Berlin 1983 und Linse, Zurück, o Mensch, zu Mutter Erde. München 1983 (hierin Bemerkungen zur Anthroposophie).

6. Deutsches Führerlexikon (amtl. Publikation), Kopie des Artikels zu Haverbeck im Archiv der »Beiträge«, Flensburg

7. Ulrich Schmiedel: Kondesstreifen. Eine persönliche Dokumentation zur Zeitgeschichte. Privatmanuskript, Hamburg 1973. Später in gekürzter Fassung erschienen als: Kondesstreifen über Turbulenzen. Zeugnisse eines Unbekannten. Lindhorst 1980.

8. Ebd. S. 58ff.

9. Ebd. S. 87f.

10. ebd. S. 92

11. ebd. S. 104

12. Stuttgart 1970, S. 46ff und 70ff.

13. Schreiben der SS-Personalkanzlei an Werner G. Haverbeck vom 20.11.1936

14. Schreiben des Stabsführers des Persönlichen Stabes der SS an SS-Untersturmführer Haverbeck vom 23. 05. 1983.

15. Haverbeck in: Handbuch zur Deutschen Nation, a.a.O. S. 107f.

16. Schmiedel, S. 202

17. Kopie des Dokumentes im Archiv der »Beiträge«, Flensburg

18. Brief von Ursula Haverbeck-Wetzel vom 25.03. 1985, Kopie im Archiv der »Beiträge«, Flensburg.

19. Ramon Brüll: Rechtsextremist argumentiert mit Anthroposophie gegen »Auschwitz-Lüge«, In: Info3, Frankfurt/M., Nr. 7-8/1989

20. Leserbrief in Info3 9/1989

21. Lebensschutz-Informationen, Vlotho, Nr. 7/1980

22. Siehe Gottfried Feder (Hg.): Programm der NSDAP, München 1933, Siehe besonders Seite 57 und 63