Anthroposophie und Judentum
Einige Anmerkungen
Von Christine Ulrich
Wenn ich mein Verhältnis zur Anthroposophie kennzeichnen sollte, würde ich sagen: »Gebranntes Kind scheut das Feuer - und kann die Finger doch nicht davon lassen.«
Meine praktischen Erfahrungen gründen sich auf einen einjährigen Aufenthalt in einem norwegischen Camphill-Dorf und fünf Jahre bio-dynamische Praxis in Deutschland (incl. der vierjährigen Ausbildung). In theoretischer Hinsicht bin ich einigermaßen mit den Grundwerken Steiners vertraut, finde mich in seiner Gedankenwelt gut zurecht und bewundere diejenigen Menschen, denen es gelingt, die anthroposophischen Impulse individuell in die Tat umzusetzen.
Ich bin Jahrgang 1963, evangelisch erzogen worden, schon vor vielen Jahren aus der Kirche ausgetreten und bezeichne mich als Christin - mit der Anthroposophie als spirituellem Bezugsrahmen.
Meine Kenntnisse des Judentums sind mit Sicherheit bescheiden - ganz besonders, was seine »Mission« betrifft. Allerdings habe ich mich verhältnismäßig ausführlich mit dem hebräischen Alphabet und dem Baum des Lebens beschäftigt. Beides empfinde ich als Grundlage der christlichen religiösen Kultur (die Beantwortung der Frage, ob ich damit recht habe, bleibt dem Fachmann überlassen).
Sinn dieser Vorrede ist es, klarzustellen, daß ich nicht »vom Fach« bin, ganz besonders auch nicht in der Hinsicht, daß ich irgendeinem anthroposophischen Kreis angehöre oder regelmäßig Steiner lese. Dies erscheint mir wichtig, da ich die Erfahrung gemacht habe - besonders auch an mir selbst - daß man meint, etwas zu wissen, weil man es gehört oder gelesen hat.
Zu den bisherigen Beiträgen (Schaak/Bartosch):
Wie kann man die Frage nach der »geistigen Berechtigung für ein Judentum« stellen? Leider fehlen mir die Hintergründe für eine ausführliche Erklärung, aber dieser Satz klingt in meinen Ohren so schrill und falsch, daß es wehtut. Ein Judentum? Das ist wirklich vogelperspektivisches »Anthroposophisch« par exellence. Geistige Berechtigung ? Es gibt das Judentum, also hat es seine Berechtigung.
In diesem Zusammenhang möchte ich auf die Gefahren hinweisen, die in einem allzu ausschließlichen Aufenthalt in anthroposophischem Millieu liegen: Man kommt leicht zu der Ansicht, die Welt stehe kurz vor der Erleuchtung - wenn nicht all die anderen wären; besonders diejenigen, »die den Christus nicht haben«. Haben wir ihn denn? Kann man ihn haben ?
Ein altes Sprichwort sagt: Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist. In diesem Sinne befinden wir uns weltweit - von wenigen Ausnahmen abgesehen (und ob es sich dabei um Christen handelt, sei auch noch dahingestellt) - alle noch auf der Jagd.
Wenn gesagt ist, daß trotz Gnade und Barmherzigkeit kein »Tüpfelchen« am Gesetz geändert wird, was ist dann dagegen zu sagen, daß es auf diesem Planeten noch Menschen gibt, die wissen, wie dieses Gesetz eigentlich lautet? Ob das genug Existenzberechtigung für »ein Judentum« ist, kann ich allerdings nicht sagen...
Was mich weiterhin wundert: daß überhaupt über »das Judentum« gesprochen wird. Natürlich handelt es sich dabei um eine traditionelle Religionsform, aber wie ist es möglich, daß man extra betonen muß, daß nicht alle Juden gleich sind? Vor sechzig Jahren waren sie schwarzhaarige, bucklige, krummnasige volksgeistschwächende Wucherer, heute sind sie unterbelichtete Bewahrer überholter Traditionen - oder was? Vielleicht sollte man etwas genauer herausarbeiten, worüber man eigentlich spricht.
Zum Schluß:
Ich habe in meinem bisherigen Leben nur eine einzige Jüdin näher kennengelernt, und sie war etwa so jüdisch wie meine sonstigen Freunde christlich waren. Mein Vater - Jahrgang 33 - der das Naziregime und den Krieg als Kind miterlebte, hat mich ganz und gar im Sinne einer individuellen Entwicklung erzogen und mir ein unausrottbares Mißtrauen im Hinblick auf gleichgesinnte Gruppierungen aller Art mitgegeben. Wenn ich mich überhaupt als etwas bezeichnen wollte, dann als Suchende, aber niemals als »Anthroposophin«.
So gesehen ist es mir auch nicht möglich, die Welt in »wir« und »die da« einzuteilen, wenn ich mir andererseits auch darüber im klaren bin, daß Religionen und andere geistige Strömungen nicht zufällig und zusammenhanglos in der Welt auftreten.
Der kleine Ausschnitt jüdischer Kultur, der mir geläufig ist, hat für mich die Bedeutung eines Ankers, eines Gartens, eines solide gebauten Hauses, in das ich für eine Weile zurückkehren kann, wenn ich mich (mal wieder) in den unendlichen Räumen christlicher Freiheit verlaufen habe, mich heimat- und mutlos fühle. Dann nehme ich mir das kleine Büchlein von Friedrich Weinreb Buchstaben des Lebens (das ich hiermit wärmstens empfehlen möchte, besonders Eurythmisten), tanke eine große Portion Ordnung, Fundament und Gesetz - und breche gestärkt wieder auf ins Unbekannte.
Mit Herrn Bartosch bin ich der Meinung, daß man sich dem Judentum nicht nähern und seine Mission nicht erkennen kann, wenn man dem unendlichen Schmerz ausweicht, der dieses Volk begleitet. Und davor - das muß ich zugeben - habe ich ganz einfach Angst.
Es ist mir selbstverständlich lieber, wenn Juden sich doch zum Christus bekennen oder wenigstens Anthroposophen werden und ebenfalls eine vergeistigte Distanziertheit zu den Ereignissen der Vergangenheit einnehmen, als wenn sie mich daran erinnern, daß ich Deutsche bin und mein (christliches) Volk Millionen Menschen ihres Volkes hingemetzelt hat. In diesem Zusammenhang frage ich mich auch, inwieweit man dazu tendiert, mit Hilfe der Anthroposophie seine Nationalität zu eleminieren, ohne sie tatsächlich hinter sich gelassen zu haben.
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