Zum »Vermächtnis« von Werner Haverbeck
»Weltkämpfe«
Von Roman Schweidlenka
Werner Haverbeck gehörte seit 1929 der Reichsleitung des NS-Studentenbundes an, 1933 wurde er Leiter der »Reichsmittelstelle für Volkstumsarbeit«.Ab 1940 arbeitete er für die Nazi-Rundfunkpropaganda in Dänemark, später in Südamerika. Seit Mitte der siebziger Jahre konnte er sich in ökologischen Fragen einen Namen machen. Sein »Collegium Humanum« wurde zu einer Drehscheibe für weit rechts stehende ökologische, spirituelle und politische Strömungen. In den Räumen des »Collegium Humanum« fanden auch die Vorbereitungen der Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers statt.
Mit seinem Buch »Rudolf Steiner - Anwalt für Deutschland« (1989) versuchte er, Steiner für das rechtsextreme Lager zu vereinnahmen, was heftige Reaktionen unter Anthroposophen auslöste, die sich vehement von Haverbecks Aussagen distanzierten. Gegner der Anthroposophie führen seitdem Haverbeck als Kronzeugen an, um ihre simplifizierende These von der Rassismusanfälligkeit und rechtsextremen Gesinnung aller Anthroposophen zu belegen.
Dabei wird der starke linksliberale und auch konservative Flügel der modernen Anthroposophie »übersehen«.
1995/96 gab Werner Haverbeck gemeinsam mit seiner Frau Ursula im rechtsextremen Tübinger Grabert Verlag zwei Bücher heraus, die als das »Vermächtnis der Haverbecks« angesehen werden können. Darin wird eine von Sittenverfall und gefährlicher sexueller Frühaufklärung geprägte korrupte Gesellschaft gezeichnet. Schuld sei eine zur »Parteienkratie« verkommene Gesellschaft, wobei die Demokratie als eine den Deutschen 1919 und 1945 aufgezwungene Staatsform, die »notwendigerweise in die Anarchie führe«, beklagt wird. Offensichtlich in bezug auf das Verbot der NS-Wiederbetätigung beklagt Haverbeck die BRD als ein Land, das keine geistige Freiheit zulassen würde und politisch Andersdenkende verfolge.
Für das deutsche Wesen sei »das Reich« die angemessene politische Ordnungsform, wobei die Haverbecks voller Bewunderung vom deutschen Kaiserreich und vom »Preußentum« schwärmen, die beide das »Reich (...) als Ganzheit politischer und religiöser Werte« auffaßten. Als zersetzend für das Streben des deutschen Wesens nach dem »Reich« werden die EU und die UNO dargestellt, wobei jede Stellungnahme zum »Dritten Reich« -- immerhin auch eine wesentliche deutsche Reichsgründung auf religiös- mythisch- politischer Grundlage -- peinlichst vermieden wird. Für den Leser schwingt aber unausgesprochen der Eindruck mit, daß auch dieses Dritte Reich der Nationalsozialisten, das ja die geistige Jugend-Heimat der Haverbecks war, ein harmonisches Produkt für das deutsche Wesen gewesen sei. Ein neues Deutsches Reich solle sodann von einem Orden nach dem Vorbild der Benediktiner geleitet werden, von einem »Orden für Staatsdiener«, einem »ordo teutonicorum«, der sich nicht mehr mit demokratischen »Einzelinteressen« abmühen muß.
Von Rudolf Steiner wird dessen Volksgeisterkonzept übernommen, das -- bei mangelndem Sinn für Steiners subtile Differenzierungen -- leicht völkischen Ideen einverleibt werden kann; dessen Betonung der menschlichen« Individualität, die über den Rassen und Völkern stehe, wird aber negiert. Ansonsten spielt Steiner bei den Haverbecks keine allzu große Rolle mehr, vielmehr werden nun auch Autoren wie Silvio Gesell, Ernst Cassirer, Ernst Bloch, Eugen Drewermann, Fritjof Capra u.a. bemüht. Einzelne Zitate der Erwähnten sollen offensichtlich der rechtsextremen politischen Einstellung der Haverbecks eine weltoffene Aura verleihen. Aus: Novalis. Zeitschrift für spirituelles Denken 6/1997.
Mit freundlicher Erlaubnis von Redaktion und Autor. Werner und Ursula Haverbeck: Der Weltkampf um den Menschen. Eine deutsche Selbstbesinnung, Grabert, Tübingen 1995, und dies., Der Weltkampf um die Gemeinschaft. Die Entwicklung der Demokratie zur Volksordnung, Grabert, Tübingen 1996. je DM 26,80.
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