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Der Hirntod als schweres Krankheitsbild und Lebenszeichen

Von Frank Schadt

Im Zuge des Transplantationsgesetzgebungsverfahrens droht die sehr umstrittene Gleichsetzung des endgültigen Ausfalls der Hirnfunktionen, d.h. eines Teiles des zentralen Nervensystems, mit dem Tod, also dem Abgelebtsein des ganzen Menschen (Hirntodkonzept) gesetzlich verankert und damit für die ganze Bevölkerung verbindlich zu werden.


Diese Gleichsetzung des Hirntodes mit dem Tod des Menschen ist keine Erkenntnis der Schulmedizin, sondern eine reine Setzung, welche in ihrem Zusammenhang mit der sich entwickelnden Intensiv- und Transplantationsmedizin gesehen werden muß. Dabei ist eben das Krankheitsbild des isolierten (dissoziierten) Hirntodes als Legitimationskriterium des intensivmedizinischen Therapiebabbruchs, was dem Hirntoten zu sterben erlaubt, zu unterscheiden von seiner Interpretation als Todeskriterium, wodurch man Schwerstkranken den Leichnamstatus attribuiert.


Die öffentlich-kritische Reflexion und Diskussion des Hirntodkonzeptes hat gezeigt, daß die mit dogmatischer Hartnäckigkeit immer wiederkehrende Behauptung, der Hirntod sei der Tod des Menschen, einer wirklich tragenden Begründung ermangelt. Gerade ihre Begründungsversuche haben die argumentative Hinfälligkeit der Hirntodeskonzeption offenbart.


Die Stimmen aus der Fachwelt stellen sogar klar heraus, daß der Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen bzw. des gesamten Gehirns entgegen vielen offiziellen Darstellungen mit den Mitteln der richtliniengemäßen Routinediagnostik des Hirntodes nicht einmal nachzuweisen ist (z.B. unlängst der Neurologe Martin Klein oder andere Experten bei der Anhörung am 28.Juni 1995).


Aber selbst wenn dies der Fall wäre, ist im Blick auf die biologischen Fakten doch unerfindlich, weshalb ein Mensch tot genannt werden soll, dessen Leib sich mit Lebenserscheinungen wie: Blutzirkulation, Lungenatmung, Organfunktion mit organismischer Wechselwirkkung, Stoffwechsel, Immunsystem, Verdauung, einem inneren Milieu (Wasser und Säure-Basenhaushalt, Darmflora etc.), Arm- und Beinbewegungen, Erektion und Ejakulation, Gewebebildungs- und Heilungsprozessen usw. zweifellos als belebt bekundet.

Haben Sie schon einmal einen sich bewegenden Leichnam gesehen?

Erst mit dem endgültigen Stillstand von Herz, Kreislauf und Atmung tritt der Tod eines Menschen ein, wenn auch die übrigen Lebenserscheinungen verschwinden. Erst damit nimmt jener Leibeszustand seinen Anfang, der sehr bald zum Absterben aller Organe, dann auch der Gewebe und Zellen führt und in welchem allein die sicheren Todeszeichen auftreten wie Totenflecken, Totenstarre und Verwesung. Nur dieser Zustand kann daher mit Recht als der Tod des Menschen bezeichnet werden. Die Möglichkeiten des zeitweisen apparativen Funktionsersatzes (Herz-Lungen-Maschine) oder der Wiederbelebung ändern nicht im mindesten etwas an der Gültigkeit dieser an biologischen Fakten orientierten Todesbestimmung, sondern bestätigen diese geradezu.


Wäre der isolierte Hirntod ein "sicheres Todeszeichen", wofür er oft irreführend ausgegeben wird, müßte er doch - und dies bei der Fülle der erwähnten Lebenserscheinungen - das Gleiche anzeigen wie Totenflecken, Totenstarre und Verwesung, - nämlich die Abwesenheit des Lebens als Lebensprinzip. Diese Einordnung ist also widersprüchlich und sinnlos.


Wie ist aber dann der isolierte (dissoziierte) Hirntod zu verstehen? Der Hirntod stellt ein schweres Krankheitsbild dar, das mit der Symtomatik des Fehlens von äußerer Atmung (Luftholen), Hirnstammreflexen und Bewuußtseinsäußerungen einhergeht und auch den physiologischen Prozessen die Spuren des Verlustes der zentralen Steuerungs- und Integrationsfunktionen des Gehirns aufprägt.


Tod aber bedeutet die Abwesenheit des Lebens als Lebensprinzip und nicht den Funktionsausfall eines Teiles des zentralen Nervensystems bei im übrigen noch gesamthaft belebtem Leib, wie dies beim Krankheitsbild des isolierten Hirntodes der Fall ist. Insofern hat der Hirntod mit dem Tod des Menschen gar nichts zu tun, ist dieses Krankheitsbild - mag es auch pradox klingen - ein Lebenszeichen.


Es trifft nicht zu, daß ein Hirntoter ein Toter mit erhaltener Herz-Kreislauffunktion sei. Die Herz-Kreislauffunktion besteht nicht fort als ein isoliertes Phänomen, sondern im Verein mit allen übrigen erhaltenen Organfunktionen und Lebenserscheinungen und ist mit diesen integriert in die vereinheitlichende Leibesganzheit des morphologisch (Gestalterhaltung) und (reduziert) funktionell als lebendiges Gesamtgebilde noch existenten Organismus.


Da hirntote Menschen ohne Zweifel Lebende sind, wird durch eine Explantation von Organen der Tod des Spenders ursächlich herbeigeführt. Daher sollte ein die Organentnahme von Toten überhaupt positiv regelndes Transplantationsgesetz wenigstens alle diejenigen vor diesem Eingriff schützen, die hierzu nicht ihre ausdrückliche persönliche Einwilligung gegeben haben ("enge Zustimmungslösung").


Wir bitten Sie daher in dieser historischen Situation der gesetzlichen Festschreibung eines denkbar fragwürdigen neuen Todesverständnisses, an einer allseitigen und umfassenden Öffentlichkeitsinformation über die kontroverse Diskussion des Hirntodkonzeptes wie auch über die verschiedenen öffentlichen Initiativen zum Transplantationsgesetz mitzuwirken, um auf diese Weise zur Möglichkeit der freien Urteilsbildung der Bürgerinnen und Bürger beizutragen.

Hinweis:

Von Frank Schadt ist eine ausführliche Broschüre zum Thema: "Zur Kritik der Vorverlegung des Todeszeitpunktes" beim Info3-Verlag gegen Voreinsendung von DM 5,- in Briefmarken erhältlich. Kirchgartenstr. 1 - D-60439 Frankfurt/M.