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Anthroposophie und Judentum

Ein Brief

Von Martina Schaak

Wenn ich in einer Unterhaltung die Frage nach den Gründen und der geistigen Berechtigung für ein Judentum in unseren Tagen zu stellen versuche, werde ich auch von mir nahen und der Anthroposophie sehr verbundenen Menschen häufig mit der Formulierung belehrt "aber sie haben den Christus nicht, sondern das Gesetz und außerdem sind sie noch in der Gruppenseele verhaftet". Diese Frage, zunächst sehr persönlich motiviert, scheint doch sehr weit zu greifen und einige Tabus auch innerhalb anthroposophischer Kreise zu berühren, denn eine solche Antwort offenbart nach meinem Dafürhalten in mehrfacher Hinsicht ein grundsätzliches Dilemma: Einerseits läßt sich in dieser Erwiderung eine Verinnerlichung des Kirchendogmas nur schwer leugnen, andererseits werden hier augenscheinlich Äußerungen Rudolf Steiners zur Argumentation herangezogen, die dadurch eine - aus heutiger Sicht - unzulässige Beschränkung erfahren. Auch bei einer rein privaten Beschäftigung mit der Thematik fallen vielmehr einige Zusammenhänge auf, deren unbedachte Verknüpfung mir fragwürdig und revisionsbedürftig erscheint.

In den Vorträgen, die den Christusimpuls, das Mysterium von Golgatha behandeln, spricht R.Steiner stets von einem Ereignis, das der gesamten Menschheit, der gesamten Erde zugute kommt. Dieser der Menschheit geschenkte Impuls kann sich nun auf vielfältige Weise offenbaren, individuell ebenso wie in einer Gruppe von Menschen. Zu fragen wäre, weshalb der Christus eben das Volk bzw. die Religionsgemeinschaft ausgespart haben sollte, in dem er drei Jahre in einem physischen Leib gewandelt ist? Zu fragen wäre auch nach der vielschichtigen Metamorphose, die das Judentum seit den Tagen Mose bis zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels (70 n.Chr.) und vor allem danach durchlaufen hat. Bei näherer Betrachtung zeigt sich ein äußerst facettenreiches Bild einer Entwicklung, die durchaus den geistigen Impuls seit Golgatha aufgenommen zu haben scheint, ohne ihn dezidiert zu benennen.

Hier scheint der Kern der Fragestellung nach dem Verhältnis von Anthroposophie und Judentum zu liegen. Auffallend zeigen sich bei der Lektüre R.Steiners sowie jüdischer Literatur, theologisch-theoretischer (Gershom Scholem, Martin Buber u.a.) oder poetischer Natur (Martin Buber) die Parallelen zwischen beiden Ansätzen eines Weltverständnisses.

Das von nichtjüdischer Seite häufig so viel gescholtene "Gesetz" als der Freiheit entgegengesetzter Regelkanon, der einem unbarmherzigen Gott dient und zu verdanken ist, offenbart sich bei näherem Hinschauen als filigranes und ausgefeiltes Gerüst, das nicht starr ist, sondern als in allen Epochen neu überdachte Hilfe für den auf Erden weilenden Menschen dienen soll. An dieser Stelle sei auch auf den entsprechenden Abschnitt der Bergpredigt (Matthäus 5,17-21) verwiesen.

Ein in der Anthroposophie formuliertes 'Aufgehen‘ des Judentums im Christentum bedingt zunächst die Frage, welches Christentum wohl gemeint sein könnte, bei R.Steiner als auch innerhalb einer Diskussion, die sich diesem sensiblen Thema zu nähern versucht. Für ein durch die Institution der Kirche verbreitetes und repräsentiertes Christentum in Vergangenheit und Gegenwart eignet sich möglicherweise eher der Begriff "Kirchentum", das leider häufig zwischen dem Christusimpuls und der Welt steht. In einer Vortragsreihe vom 1. März bis zum 25. Juni 1924 für die Arbeiter am Goetheanumbau (Die Geschichte der Menschheit und die Weltanschauungen der Kulturvölker; GA 353) wird die Divergenz zwischen der durch R.Steiner vermittelten Christologie und dem in der Kirche zunehmend 'materialisierten‘ Christusbegriff deutlich. Zu einem Kirchentum, welches u.a. das Gebot "Du sollst nicht töten" bei seinen Bekehrungsunternehmungen nicht selten ignoriert hat, konnten sich im Verlauf der historischen Entwicklung nur wenige Menschen jüdischen Glaubens in Freiheit bekennen. Wie ließe sich eine historische Utopie vorstellen, hätte sich ein "wahres Christentum" (R.Steiner) erhalten und nicht ein Kirchentum mit weltlichen Machtansprüchen, quasi in der Fortsetzung eines 'Imperium Romanum‘? Auch hier schließen sich sogleich eine Reihe von Fragen an, die sich der Notwendigkeit sowie der geistigen Voraussetzung dieser auf dem physischen Plan vollzogenen Entwicklung nähern.

Um einige Beispiel zu nennen: Wie war die Urgemeinde beschaffen und welche Strömungen wurden im Juden- bzw. Heidenchristentum aufgenommen, welche lebten fort oder wurden gewandelt? Welche Bedeutung hat die Zerstörung des Tempels? Welche geistigen Impulse hat das Judentum danach aufgenommen? Welche Impulse gelangten durch die Diaspora nach Europa und wie könnte ihre Wirkung beschrieben werden?.....

In jedem Fall erfordert die Beschäftigung mit diesem Thema eine genaue Befragung auch der jüdischen Seite.

Dem Impuls der Anthroposophie zu folgen und dem jüdischen Glauben treu zu bleiben, scheint nicht nur miteinander vereinbar, sondern auch befruchtend, vergegenwärtigt man sich die anthroposophischen Einrichtungen und Initiativen in Israel, die in der Monatsschrift der Christengemeinschaft im Februar 1998 vorgestellt wurden. So schließt der Beitrag von Eva Levy, der über den Beginn der Initiativen in den zwanziger Jahren berichtet mit folgenden Sätzen:

"Die israelische Jugend, die heute die vielen Einrichtungen trägt, kommt vielfach aus Kibbuzim, und sogar aus sehr links gerichteten, und gerade bei ihnen findet man den direkten Zugang. Diese Jugend, die, anders als die europäischen Einwanderer, kaum etwas vom allgemeinen Christentum kennt und die auch nie unter Antisemitismus gelitten hat, findet problemlos zur Christologie von Rudolf Steiner. So werden auch in diesem Sinn die großen Festzeiten gemeinsam gefeiert. (...)"

Von einer näheren Betrachtung des Verhältnisses zwischen Anthroposophie und Judentum verspreche ich mir neben einer geisteswissenschaftlichen, umfassenden - viele Vorurteile hoffentlich behebenden - Sicht auf die Wurzel des Christentums auch den 'anderen‘, die Erkenntnis fördernden Blick auf die Christologie R.Steiners.

Die Feststellung, daß die dem Judentum angehörenden Menschen stärker einer Gruppenseele, denn ihrem individuellen Ich verpflichtet sind, bedarf ebenso einer genaueren Untersuchung. Einerseits impliziert dieser Befund ein gewisses Zurückgeblieben-Sein - gerade in jenem Volk, in dem laut Steiner die Ich-Entwicklung seinen Anfang nahm -, andererseits wird hier die historische Entwicklung bis in die Gegenwart nicht berücksichtigt. Verfolgung, Vertreibung und aufgezwungene Ghettoisierung machen es schwierig bis unmöglich, einen 'folgerichtigen‘ Gang der Entwicklung zu entwerfen. Mit Aufhebung der Ghettos und Gleichstellung vor dem Gesetz in Mitteleuropa in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts setzte auch eine zunehmende und zum Teil rasante Assimilierung ein, die ab 1933 wiederum, wie frühere Assimilierungsversuche, eine jähe Unterbrechung erfuhr.

Vor allem im Israel unserer Tage läßt sich auf kleinem Raum feststellen - nicht zuletzt wahrscheinlich auch für die dort lebenden Menschen selbst - wie unterschiedlich die nationalen wie religiösen Färbungen sind, die sich unter dem Namen Jude in diesem Land zusammen gefunden haben. Aufgrund der Gruppen und der damit verbundenen Mentalitätsunterschiede scheint eine für alle gemeinsame Gruppen-Seele nur schwer ausfindig zu machen zu sein. Vielmehr könnten sich an der Entwicklung, historisch eine Tatsache, womöglich Tendenzen zu einem - durchaus individuell geprägten - Gruppen-Bewußtsein erkennen lassen.

Eine geisteswissenschaftliche Betrachtung der oben genannten Entwicklung, die in Deutschland ihren traurigen Höhepunkt erreicht hat, könnte dazu beitragen, Einsichten in die geistigen Hintergründe in der europäischen Vergangenheit und Gegenwart zu erweitern, sowie die praktizierte Anthroposophie in einer noch nicht zu Ende gedachten Frage kritisch mit sich selbst zu konfrontieren.

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