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Schattenwürfe einer totalen Medizin

Sturz ins Absurde

Von Frank Meyer

Die lautlose Perfektion, mit welcher technokratische Totalitarismen in unserer Kultur an Boden gewinnen, wäre zu bewundern, wären wir nicht zugleich Betroffene der brutaleren Seiten dieser schleichenden Eleganz. Als demagogische Gesamtkunstwerke angelegte Machinationen wie die gegenwärtig erfolgende Einstimmung auf das Transplantationsgesetz für Deutschland, unterstützt von ADAC, RTL und DFB, würden als glänzende Inszenierungen der Macht in die Geschichte eingehen, gäbe es in einer näheren oder fernen Zukunft noch Menschen, die Maßstäbe dafür besäßen. Das Gesetz, das nach Willen des Gesundheitsministers und von Politikern aller Parteien dem Spendermangel entgegenwirken und das Spenderreservoir vergrößern soll, wird, in erwarteter Weise verabschiedet, dafür sorgen, daß auch bei uns endlich Klarheit darüber herrscht, wann Menschen sich als tot zu befinden haben: bei schlagendem Herzen und intakter Durchblutung möglichst aller verwertbarer Organe mit Ausnahme des Gehirns. Spätere Änderungen, etwa im Sinne von noch erlaubtem Funktionieren für das menschliche Leben als unwesentlich erklärter Gehirnabschnitte nicht ausgeschlossen.


Praktische Lösungen wie dieser geniale Hirntod-Trick, der Auslöser für eine ganze Lawine von Neudefinierungen des Menschseins bis hin zur Absprechung des Personenstatus von Säuglingen und Behinderten war, sind zwar erst der Auftakt zur allgemeinen Mobilmachung für eine totale Medizin, wenn man die zu erwartenden Entwicklungen auf den Gebieten der Xenotransplantation (Übertragungen vom Tier auf den Menschen), der Gentechnik und der Gehirntransplantation berücksichtigt. Dennoch ist die Effizienz, mit welcher auf Basis solchen Neudenks die paramilitärisch perfektionierte Rekrutierung von Kandidaten für die Angebotsseite (vorangetrieben von der mitwachsenden Pharmaindustrie) und die generalstabsmäßige Organisation des Marktes für lebendfrische Körperteile vonstatten geht, beeindruckend.


Nirgendwo sonst in der Medizin ist die Tendenz zur Verdinglichung des Menschen so krass und das Denken in den Kategorien von Angebot und Nachfrage so dominierend wie im Transplantationswesen. Was verblüfft, ist die Kontagiosität dieser mentalen Barbarei. Längst ist es üblich, von Patienten, die im Endstadium bestimmter Erkrankungen starben, zu sagen, sie seien gestorben, weil kein geeignetes Spenderorgan zur Verfügung stand (also: weil niemand anders für sie starb), anstatt bei der Tatsache zu bleiben, die Herz-, Leber- oder Nierenausfall heißt. Am Unwort "Spendermangel" zeigt sich, wie aus dem Bedürfnis kranker Menschen nach den Organen anderer ein gesellschaftlicher Bedarf, und aus dem Bedarf ein Mangel geworden ist. So entsteht leicht der Eindruck, nicht Krankheit und Tod seien zu bewältigen, sondern der Spendermangel die große Krankheit, ein moralischer wie ökonomischer Makel, von dem unsere egoistische Kultur zu bereinigen sei. Wer auf dem Personenstatus bis zum letzten Atemzug besteht, wird zum subversiven Element, der unwillige Nichtspender zum Feind des Kranken. Die Tage, in denen wir damit rechnen können, unsere Organe mit ins Grab nehmen zu dürfen, sind gezählt.


Allen empörten Distanzierungen von der sogenannten "Organmafia" und der geheuchelten Entrüstung gegenüber Begriffen wie "Organhandel" zum Trotz, ist der menschliche Leib im Kreislauf der Transplantationschirurgie längst zur Ware geworden. Der Markt für Körperteile existiert bereits. Jetzt kommt es nur noch darauf an, ihn zu legalisieren und mit den Mitteln des Obrigkeitsstaates zu organisieren. "In der Bundesrepublik Deutschland gibt es derzeit keine gesetzliche Regelung zur Organentnahme", heißt es in einer aktuellen Mitteilung des Bundesgesundheitsministeriums, "Es werden mehr Organe benötigt als verfügbar sind. Deshalb wird ein Organtransplantationsgesetz erarbeitet, das den gesetzlichen Rahmen ... schafft." Erklärtes Ziel ist die Steigerung des Spenderaufkommens. Priester, Philosophen und andere Dienstleister verspritzen wie üblich ihr ethisches und christlich-moralisches Weihwasser dazu.


Welche ökonomischen Triebkräfte sich hinter der philanthropischen Fassade der Transplantationsorganisationen und der ihnen dienstbaren Politiker verbergen, ist ein Tabuthema. Daß in der öffentlichen Diskussion um Hirntod und Organübertragung zumeist pietätvolles Schweigen darüber gewahrt wird, wer wieviel in diesem Geschäft verdient, ist zum einen pure Verdrängung. Die verständliche Scheu, offen über die ökonomischen Gesichtspunkte der Organtransplantation zu sprechen, erweist sich jedoch in dem Maße als fatal, als sie denjenigen, die unbeeinträchtigt von derartigen atavistischen Skrupeln kalkulieren und agieren, freie Bahn gibt. Deshalb ist es an der Zeit, daß eine aktuelle Publikation im Ullstein-Verlag mit diesem Tabu bricht, das den Blick durch die Verflechtungen im transplantationsmedizinisch-industriellen Komplex in Deutschland bislang erschwert hat. Richard Fuchs geht in seiner Reportage "Tod bei Bedarf" jedoch nicht nur Fragen wie der nach den Kosten und Verdienstspannen bei der Organtransplantation und dem Interesse der Pharmaindustrie an gesicherten Märkten für Immunsuppressiva nach. Anhand von Darstellungen des Siegeszuges der Hirntoddefinition in den westlichen Industrieländern, der nationalen Unterschiede, des Organhandels in der Dritten Welt, der Rolle der Industrie, der ärztlichen Standesorganisationen, der Kirchen und anderer gesellschaftlicher Institutionen gibt er einen umfassenden Überblick über die Geschichte, den gegenwärtigen Stand und die Gepflogenheiten der Transplantationsmedizin. Eine minutiöse Dokumentation der Vorbereitungen für das demnächst zu verabschiedende Transplantationsgesetz im Bundestag mit ausführlichen Zitaten der Originalquellen schafft den unmittelbaren Bezug zu den ganz aktuellen Vorgängen in unserem Land.


Das eigentlich Spannende an dem Buch sind jedoch die futuristischen Aspekte, die sich in Ausblicken auf den vorausgesagten Boom der Übertragung von tierischen Organen auf Menschen andeuten. Nicht nur, daß durch Xenotransplantation die Zahl der Transplantationen auf ein Vielfaches (z.B. erwartete Herztransplantationen im Jahr 2010 weltweit 110.000 statt gegenwärtig 3000 jährlich) steigen würde; die aus den Eingriffen resultierenden Tier-Mensch-Chimären würden uns vor gänzlich neue Perspektiven stellen. Denn auch nach einer Transplantation von Tier (z.B. Affe oder transgenes Schwein) zu Mensch findet eine Zellwanderung und Streuung über den Blutstrom in die übrigen Organe des Empfängers statt, die sogar von entscheidender Bedeutung für den Behandlungserfolg zu sein scheint. Diese im Menschenexperiment bereits vollzogene Hybridisierung, in der medizinischen Fachsprache Post-Transplantations-Chimärismus genannt, würde nicht nur Anthropologie und Zoologie näher zusammenrücken lassen, sondern auch bislang unbekannte ethische und juristische Fragen aufwerfen. Wie wäre etwa mit einem Angeklagten zu verfahren, der seinen Rivalen im Büro getötet und verspeist hat und vor Gericht glaubhaft beteuert, daß nicht er, sondern Affenneuronen, die in sein Nervensystem eingeschleust wurden, die Tat zu verantworten hätten? Daß die Medizin der Zukunft zahlreiche exotische Optionen, wovon die Schaffung von genosomatischen Chimären nur eine ist, bereithalten wird, ist gewiß. Heute erscheint uns das alles noch absurd. Aber angesichts des Todes, so der Bonner Neurophysiologe Detlef B. Linke, werden als Alternativen selbst noch die absurdesten Lebenssituationen gewählt. Gut gerüstet für das Jahrhundert des Dr. Moreau ist, wer sich heute schon mit den Unübersichtlichkeiten einer posthumanen Schönen Neuen Welt, in der die ethischen und biologischen Grenzen zwischen Personen, Spezies und Gegenständen in der Totalität des industriellen Kreislaufs der Gene, Körperteile und Prothesen aufgehoben sind, auseinandersetzt.

Literatur:

Richard Fuchs: Tod bei Bedarf. Das Mordsgeschäft mit den Organtransplantationen. Mit Beiträgen von Florianne Koechlin, Detlef B. Linke u.a. Ullstein Report,1996 208 S., ISBN 3-548-36650-3, DM 24.90