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Zum Buch von Bernhard Schaub »Adler und Rose«

»Adler und Rose« oder Krallen und Gestrüpp?

Von Jens Heisterkamp

1992 erschien im Selbstverlag das Buch »Adler und Rose« des Schweizer Waldorflehrers Bernhard Schaub. In seinem Buch äußert Schaub unter anderem die Auffassung, der Zweite Weltkrieg sei ein Präventivkrieg Hitlers gewesen und Massenvernichtungen an Juden habe es nicht gegeben. Schaub geriet für kurze Zeit in die Schlagzeilen der Tagespresse und wurde er von seiner Tätigkeit als Deutsch- und Geschichtslehrer suspendiert. Die damals in Info3 erschienene Kritik des Buches ist über ihren unmittelbaren Anlaß hinaus weiter aktuell, weil sie sich grundsätzlich mit der Psychopathologie des Revisionismus auseinandersetzt.

Rudolf Steiner hat immer wieder auf eine Dimension der Geschichte hingewiesen, die sich dem üblichen verstandesmäßigen Begreifen entzieht: Auf einen Kampf der Intentionen, der an die letzten Bestimmungen der Menschheit rührt, wie es nicht anders sein kann, wenn es in der Weltgeschichte um die Freiheit geht. Aber alle Hinweise, die dem konkret übersinnlichen Bereich angehören, verlangen diese einen intimen Umgang und sind mit nichts so unverträglich wie mit politischen oder gar chauvinistischen Interessen.


Wer die Geschichte verstehen will, muß mit Ungeheuerlichem rechnen, einen Grat entlangwandern. Aber ein falscher Schritt genügt, und der Gratwanderer wird selber zum Opfer im Spiel der Gegenmächte, an dem sich demonstrieren läßt: »Seht her, was herauskommt, wenn man die gewohnten Bahnen verläßt; vergeßt das Gerede von den geistigen Hintergründen der Geschichte, sonst landet ihr im braunen Sumpf.«


Die Fehltritte Schaubs sind in der Tat fatal. In seiner Sicht gerät die deutsche Geschichte zu einem permanenten Abwehrkampf gegen alles Geistfeindliche. Da ist viel von »feindlichen Übergriffen«, von »finsteren Vernichtungsmächten«, »zyklisch wiederkehrenden Abwehrnotwendigkeiten« und der »Dekadenz« anderer Kulturen die Rede. Das 20. Jahrhundert wird zum Höhepunkt der Verschwörung gegen das Deutschtum. Folgerichtig deutet Schaub den Ersten Weltkrieg allein unter dem Aspekt eines gegen Deutschland gerichteten Vernichtungswillens.


Besonders deutlich wird die mangelnde Selbstkritik des Deutschtums bei der Behandlung des Nationalsozialismus. Dieser wurde für Schaub im wesentlichen von westlichen Geheimbünden initiiert. Die Deutschen wurden in die »Falle« des Zweiten Weltkriegs gelockt und schließlich in der Welt durch die »stilisierten Monster« (Schaub) der NS-Zeit und die »fraglichen Massenvernichtungen« um alles Ansehen gebracht. Zwar bezeichnet auch Schaub den Nationalsozialismus vereinzelt als »Giftpilz« oder als »dämonisch«. Bei näherem Hinsehen fragt man sich aber, was eigentlich für Schaub den Grund zu solch verbaler Distanzierung abgeben soll: Die Außenpolitik Hitlers etwa bereitet ihm keine größeren Schwierigkeiten, sie sei etwas, was »jeder andere energische Politiker an seiner Stelle auch getan hätte.« In typischer Revisionisten-Manier wird sodann die Neuauflage einstiger Nazi-Sprachregelungen als neue geschichtliche Enthüllung ausgegeben: Die Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Angriff auf Polen werden als Antworten auf deutschfeindliche Provokationen legitimiert (man erinnert sich: »Seit fünf Uhr wird jetzt zurrrückgeschossen«); die Besetzung Polens stellt für Schaub nur die »Wiederherstellung eines Zustands dar, wie er vor dem Ersten Weltkrieg bestanden hatte«. Kein Wort über das, was Deutsche in Polen angerichtet haben; der Überfall auf die Sowjetunion sei nur der berechtigte Präventivschlag gegen einen bevorstehenden russischen Einmarsch gewesen. Unversehens ist dem Leser die angeblich notwendige Besetzung ganz Europas durch die deutsche Wehrmacht sowie die »verständliche« Waffenbrüderschaft mit Japan nahegelegt und man fragt sich, in welchem Zeithorizont Schaub eigentlich argumentiert.


Wo Anklänge von Kritik gegenüber Deutschland in der NS-Zeit auftauchen könnten, da werden sie stets durch den Hinweis relativiert, wie »die anderen« es noch schlimmer gemacht hätten. Die Gewalttaten des NS-Regimes nach innen wie nach außen kommen bei Schaub nicht vor. Wenn bei ihm von Kriegsverbrechen die Rede ist, dann haben sie ausschließlich die späteren Siegermächte verübt. Bezeichnend ist folgende Passage: »Der Burenkrieg ist übrigens auch deshalb erwähnenswert, weil in ihm die Engländer als Erfinder der Konzentrationslager auftraten... ein schauerliches Vorspiel zum alliierten Millionenmord an deutschen Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg.« Wenn von einem »Vorspiel« in Bezug auf Konzentrationslager die Rede ist, dann fand der »Hauptakt« ganz sicher unter deutscher Regie statt. Daß aber der Hinweis auf jenen Sprachraum, in dem das Wort KZ seinen abschreckend-tödlichen Sinn bekam, bei Schaub gänzlich fehlt, ist keineswegs Zufall, sondern im Ganzen seiner Darstellung streng begründet: Sind doch die historischen Darstellungen über alliierte Kriegsgefangenenlager, auf die sich Schaub beruft, offenbar die einzigen historischen Erkenntnisse, die von seiner behaupteten allgemeinen Manipulation der geschichtlichen Wahrheitsfindung ausgenommen sind. Alle Darstellungen, die dagegen deutsche Kriegsverbrechen und Untaten beschreiben, sind für ihn lediglich Produkte einer »propagandistischen Geschichtsschreibung der Weltkriegssieger«.


Damit kommen wir zu einem Kernpunkt des Buches. Es stellt in Aussicht, die Massenvernichtung der Juden sei womöglich auch nur eine »angloamerikanisch-zionistische Propaganda-Lüge« (Schaub). Alle Dokumente, durch die wir über die Vernichtung der Juden wissen, sind für Schaub Fälschung, alle Aussagen Lüge, alle Geständnisse erzwungen. Daß die Zahl der ursprünglich befürchteten Opfer von Auschwitz durch die spätere historische Forschung auf 1,5 Millionen korrigiert wurde, wird ihm zum Beweis der Unglaubwürdigkeit aller Geschichtsschreibung. Schaub stützt sich da lieber auf »inoffizielle Quellen« (ohnehin verzichtet er in seiner ganzen Darstellung auf jede Quellenangabe!), denen zufolge in Auschwitz bloß 74.000 Häftlinge gestorben seien, davon noch »die Hälfte eines natürlichen Todes«

Schaub wird in seinem Buch nicht müde, die »angloamerikanische Denkweise« als geistfeindlich, einseitig empirisch und faktenabhängig abzuwerten. Bei der - auch nach seiner eigenen Einschätzung nach - entscheidenden Frage der Massenvernichtungen verlangt der »Goetheanist« Schaub plötzlich selber »professionelle Methoden«, das heißt analytische »naturwissenschaftliche Untersuchungen«, die den Massenmord erst »beweisen« sollen. Und die anderen Lager, die organisierten Deportationen aus ganz Europa? Da die gesamte Nachkriegshistorie für Schaub in diesem Punkt lügt, glaubt er lieber dem Henker - pardon: Hinrichtungsexperten - Fred Leuchter, der ja völlig »unbezweifelbare« chemische facts liefert, nach denen es gar keine Vergasungen in Auschwitz gegeben habe. Als echte Wissenschaftsgläubige wollen wir doch nicht etwa annehmen, daß »naturwissenschaftliche Tatsachen« etwa auch interpretierbar sind?


Und noch ein weiteres verblüffendes Argument gegen Auschwitz hat Schaub parat. Er weist auf die mangelnde Bereitschaft der Gegnerstaaten Deutschlands während des Weltkriegs hin, flüchtende Juden aufzunehmen. Schaub folgert aus dieser Unterlassung, daß die Hilfeleistung unnötig gewesen sei, weil es eben gar keine Verfolgung gab. Das ist genauso überzeugend, als wollte man aus der traurigen Tatsache, daß kein europäisches Land die Flüchtlinge aus Jugoslawien aufnehmen will, den Schluß ziehen, es gäbe dort die ethnische Verfolgung nicht!


Schaub ist nicht unbedingt ein Neo-Nazi, keiner, der den Arm zum Führergruß ausstreckt. Schaub steht für eine »anspruchsvollere«, intelligente Spielart des Extremismus der Intellektuellen. Schaub ist geschickt. Vor dem Vorwurf, daß er die Verbrechen an den Juden abstreite, schützt er sich dadurch, daß er nicht behauptet, sondern »nur« fragt. Und selbst für den Fall, daß es den Massenmord doch gegeben hat, hält Schaub noch eine Variante bereit: Dann haben »die Zionisten und ihre Freunde in den alliierten Regierungen dem Massenmord eiskalt zugesehen...«. Schaub wörtlich: »So oder so: das Ziel wurde erreicht«. Diese Wendung: »so oder so« ist die furchtbarste Entgleisung auf den ohnehin oft quälenden 100 Seiten des Pamphlets. Massenmord hin oder her: Für Schaub sind die Deutschen wieder einmal in die Falle getappt, Schuld sind in Wahrheit - wieder - die anderen, schließlich die Juden selbst. Wer »so oder so« mit der Last eines Völkermords umgeht, der hat kein Recht, sich als Streiter im Namen Goethes oder Rudolf Steiners aufzuspielen.


In Wahrheit ist die Idee, man wolle das deutsche Volk durch einen nur behaupteten Völkermord unmöglich machen, nicht eine Falle für das Deutschtum, sondern für Denker wie Schaub. Sie gewinnen die vermeintliche Schärfe und »Hintergründigkeit« ihrer Analyse aus dem heute selten gewordenen Gefühl, ein Tabu zu brechen. Was gehen sie die Gefühle der Opfer und Hinterbliebenen, der Aufwind für die neuen Täter, die schon bereitstehen, an? Die Idee, der Holocaust sei nur ein Mittel zur moralischen Vernichtung Deutschlands, hat Schaub und andere, die denken wie er, fest in den Krallen. Sie ist zu faszinierend, als daß man sich der niederschmetternden Wahrheit noch stellen könnte. Wer ihr einmal verfallen ist, sitzt wirklich in der Falle, weil er sich gegen jedes weitere Argumentieren immunisiert hat. Jeder, der ihn vom Gegenteil überzeugen wollte, bestätigt ihm nur, wie alle Welt manipuliert ist. Und gerade der von anderen gezeigte Widerstand gegen diese Idee, das Gefühl, der einzig Aufrechte in einer verschworenen Welt zu sein, fördert jene Art von Heroentum zu Tage, die sich vor allem an der eigenen Unnachgiebigkeit ergötzt. Freilich um einen Preis, den wir auch jene Bedauernswerten zahlen sehen, die sich mit Hartnäckigkeit für Napoleon oder andere Geistesgrößen halten.


Man könnte diese im Selbstverlag von einem unbekannten Autor herausgegebene Schrift übergehen, wäre nicht der Verdacht begründet, daß hier nun die ersten Pilze eines längst weiter verbreiteten Wurzelwerks auftauchen. Die Verharmlosung der deutschen Vergangenheit zwischen 1933 und 1945 erfährt von mancher (gerade auch akademischer) Seite schon lange Unterstützung. Und angesichts der neuen Lage in Deutschland, in der sich das Rechtsaußen-Spektrum in Wort und Tat wieder als salonfähig erweist, ist gar nicht abzusehen, welche Verbreitung hier noch ansteht. Wundert man sich, daß ein solches Buch im anthroposophischen Umfeld auftaucht? Die anthroposophische Szene wird von Menschen gebildet, die wie alle anderen auch unter den Vorzeichen des Geistes und häufiger auch des Ungeistes ihrer Zeit stehen. Die neue deutsche Rechte marschiert, in die gleiche Richtung wie vor 60 Jahren, und wieder laufen einige Anthroposophen mit. Sie müssen nicht unbedingt deutsche Staatsbürger sein, wie der Schweizer Schaub zeigt. Sein Buch ist deshalb über seine eigene Bedeutung hinaus ein Symptom. Als solches sollte es hier betrachtet werden. Bernhard Schaub: Adler und Rose. Wesen und Schicksal des deutschsprachigen Mitteleuropa. Konradin-Verlag.