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Wie Bondarew die Massenvernichtung der Juden abstreitet

Von Jens Heisterkamp

Auf meine scharfe Kritik an Bondarews Buch »Anthroposophie auf der Kreuzung« haben sich einige Anhänger Bondarews beklagt, hier werde ihrem Autor unrecht getan. Dabei teilen sich diese Anhänger in zwei Gruppen auf: Die einen loben Bondarew als Autor, der es endlich einmal wage, die herrschenden »Denkverbote« bezüglich der Judenvergasungen und der Bewertung des Dritten Reichs zu durchbrechen. Die anderen bestreiten hingegen, daß Bondarew überhaupt revisionistische Auffassungen vertrete. Mitunter verwenden sie auch beide Auffassungen gleichzeitig. Schon das zeigt, wie wenig Aussicht eine vernünftige Argumentation bei solchen Anhängern hat. Für Leser, die sich nicht in dieser Weise das Urteil trüben lassen, seien die folgenden Ausführungen meinen schon veröffentlichten Zeilen dazugestellt.

Bereits im Jahr 1992 kam es in der Schweiz zum Eklat, als der Waldorf-Geschichtslehrer Bernhard Schaub in seinem Buch »Adler und Rose« unter anderem behauptete, daß der Zweite Weltkrieg ein Präventivkrieg Hitlers gewesen sei und es in Auschwitz keine Gaskammern gegeben hätte.


Auf meine scharfe Kritik des Buches in »INFO3« erhielt ich seinerzeit ungebetene Post vom heutigen Bondarew-Verleger Lochmann, der über das Buch von Schaub meinte, es wäre »wirklich eine Möglichkeit gewesen, uns in der Denkweise zu verselbständigen« (Brief vom 11. Dezember 1992 liegt der Redaktion vor). Auch Bondarew hat meine damalige Rezension gelesen und gibt dies ohne Namensnennung auf Seite 234 seines Buches zu erkennen. Dabei geht es um die Rolle der Konzentrationslager im Dritten Reich. Schaub hatte in »Adler und Rose« die Engländer während des Burenkrieges als »Erfinder der Konzentrationslager« dargestelltund dies als »schauerliches Vorspiel zum alliierten Millionenmord an deutschen Kriegsgefangenen nach dem Zweiten Weltkrieg« bezeichnet. Ich betonte damals die Unmöglichkeit Schaubs, in diesem Zusammenhang von einem »Vorspiel« zu sprechen und den «Hauptakt« der Massenvernichtung in nationalsozialistischen KZs überhaupt nicht zu erwähnen. In ausdrücklichem Bezug auf meine Rezension in »INFO3« 12/1992 behauptet nun Bondarew auf Seite 234 seines Buches zum Thema Holocaust: »Leider aber ist diese Tatsache 'ganz unsicher', und bevor man wagt, einen solchen Artikel zu schreiben, sollte man die Quellen studieren«.


Lochmann, der sich in seinem Brief durch positive Bezugnahme u.a. auf den Zündel-Prozeß und das sog. »Leuchter-Gutachten« ungeniert als Revisionist zu erkennen gibt, bedauert darin gleichzeitig die damals durch den Schweizer Bundesrat vorbereitete Strafrechtsnovelle von Art. 261, durch den seither auch in der Schweiz die öffentliche Leugnung des Holocaust unter Strafe gestellt ist.


Genau dies ist der Hintergrund für den Hinweis, der sich auf Seite 241 des 1996 erschienenen Buches von Bondarew findet: »Die heute in Westeuropa allgemein geltenden Rechtsvorschriften zwangen die Redaktion, dieses Kapitel um einige Abschnitte zu kürzen«. Dennoch ist der Kontext für jeden nachvollziehbar. Denn diese Ankündigung erfolgt, während auf derselben Seite des Buches - inhaltlich ansonsten völlig unvermittelt - »Todesfälle durch Zyan« erwähnt werden. Auf der folgenden Seite findet sich, nachdem zuvor alle möglichen Geheimgesellschaften für Nationalsozialismus und Bolschewismus verantwortlich gemacht wurden, in Fettdruck der Satz: »Um alle diese Ziele zu erreichen, musste man nicht die Juden vernichten.«


Zwei Seiten später (nach mittlerweile neun wegen möglicher Strafverfolgung selbstzensierter Stellen!) findet sich eine weitere aufschlußreiche Bemerkung. Hier kommt Bondarew nämlich auf den jüdischen Rabbi Yonassan Gershom zu sprechen, der in diesem Jahr vielen Anthroposophen persönlich oder durch Artikel (u.a. in dieser Zeitschrift) bekannt geworden ist. Gershom hat in seinem Buch »Beyond the Ashes« aus seiner therapeutischen und seelsorgerlichen Erfahrung mit Menschen berichtet, die zu der Überzeugung gelangten, wiedergeborene Vergasungsopfer aus NS-Vernichtungslagern zu sein. Bondarew schreibt nun an der genannten Stelle seines Buches, und zwar in unmittelbarem Anschluß an eine jener Auslassungen: »Wenn es der Wirklichkeit entspricht, dann ist es eine Sache, wenn aber nicht, dann bedeutet es, daß wir es mit einem astralen Lügenmonster zu tun haben, das danach trachtet, sich zu verwirklichen, sich zu inkorporieren im irdischen Dasein!« Entscheidend ist nun die Hinzufügung: »Davon, daß etwas ähnliches wirklich schon entsteht, zeugt indirekt das Buch des Rabbiners Y. Gershom Beyond the Ashes. Cases of Reinkarnation (...)«


Daß diese deutliche Aussage nur in einer Fußnote auf Seite 244 erscheint, ist vor dem Hintergrund der (höchst berechtigten!) Sorge vor einer Indizierung des Buches ebenso verständlich wie die Tatsache, daß in die durch Klammer und Pünktchen gekennzeichnete Auslassung das Wort »Holocaust« gehört.


Ich habe gezögert, diese letztgenannte Stelle öffentlich zu erwähnen, und zwar aus tiefer Beschämung darüber, daß Bondarew hier mit vermeintlich anthroposophischem Hintergrund die Möglichkeit von Reinkarnations-Erinnerungen an die Vergasung in den Konzentrationslagern als »astrale Lügenmonster« einstuft und damit eine okkult-verbrämte Version der »Auschwitz-Lüge« in die Welt setzt. Und es ist - ich wiederhole es - beschämend, dann auf Seite 252 noch die Formulierung lesen zu müssen: »Es besteht kein Zweifel, dass, solange man die Deutschen mit Hilfe der 'Kinder Ahasvers' zur Erde niederbeugt, diese sich nicht werden aufrichten können.«


Man möge nur weiter behaupten, meine Vorwürfe gegen das Buch seien »unbegründet« (Willem Veltmann) oder »nicht belegbar« (so Harrie Salmann in der Zeitschrift »Lazarus«). Es ist Ausdruck unverzeihlicher Naivität zu glauben, die Öffentlichkeit würde gerade den Anthroposophen einen leichtfertig-naiven Umgang mit dem Schicksal von Millionen ermorderter Menschen und den geschichtlichen Tatsachen des Zweiten Weltkriegs nachsehen. Verständnis und Toleranz für derartige Urteilsunfähgkeit - und gar für den so besonders mysteriösen Autor Bondarew, sind fehl am Platz. Wer nicht begreift, was hier auf dem Spiel steht, hat gar nichts begriffen.