basement/projekte/Schande für Steiner

Zu Bondarews Buch »Anthroposophie auf der Kreuzung«

Schande für Steiner

Von Jens Heisterkamp

Daß die Weichen der großen Politik nicht in Parlamenten und öffentlichen Kongressen gestellt werden, weiß jeder, der sich mit Weltgeschichte beschäftigt. Wer in seine Gedanken die Möglichkeit einbezieht, daß in der Politik inoffizielle, auch mit okkulten Methoden arbeitende Gruppierungen eine Rolle spielen, weiß aber auch um die scharfe Grenze, die Kenner von Dilettanten auf diesem Gebiet unterscheidet. Ein wesentliches Merkmal der Dilettanten ist ihre Geschwätzigkeit. Pseudospirituelles Stammtischgeschwätz ist die hervorstechende Eigenschaft eines Buches des russischen Anthroposophen Gennadij Bondarew, das im vergangenen Jahr erschien.


Als Einbandmotiv stimmt den Leser ein Bild mit dem Titel »Schlaf der Vernunft« auf ein Buch ein, das mit Warnungen vor den »Aufwallungen des Massenwahnsinns« und einem »Amen« endet.

Dazwischen wird auf fast 500 Seiten so ziemlich alles aufgerührt, was in der okkultistischen Literatur über Freimaurerbünde, Jesuiten, politische Geheimdienste und internationale Vereinigungen zu finden ist.


Dabei steht über weite Strecken die in der Tat tragische deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts im Vordergrund. Die in zum Teil primitivster Diktion gehaltenen Ausführungen schwelgen dabei in den Kategorien von Rasse und Nationalität. In entstellendem und unerträglichem Mißbrauch von Äußerungen Rudolf Steiner versucht Bondarew, seine oft genug an Nazigedankengut erinnernden »Thesen« spirituell einzufärben -- ein »Schwarzbuch« auch das.


Unter inflationären Beschwörungen »deutschen Geistes«, gegen den sich hier die gesamte Welt wieder einmal verschworen haben soll, »enthüllt« Bondarew nach und nach das klassische Repertoire des altbekannten historischen Revisionismus: Die Deutschen haben für ihn mit dem Nationalsozialismus »von zwei Übeln das kleinere gewählt« (S. 178); der Angriff auf die Sowjetunion war ein »Präventivkrieg« (S. 182); den Nationalsozialismus haben die späteren Siegermächte selbst erfunden ebenso wie die Juden den Bolschewismus und die Gaskammern (S. 234/235). Während Bondarew als Ziel von West-Alliierten und Sowjets im Zweiten Weltkrieg die »Ausrottung der Bevölkerung Mittel- und Osteuropas« (S. 179) ausmacht, finden sich in Bezug auf die Ausrottungsaktionen der Deutschen nur vielsagende Auslassungen: von Seite 241 der Publikation an, wo es um das Schicksal des europäischen Judentums während der nationalsozialistischen Herrschaft geht, erklärt der Verlag in einer Fußnote: »Die heute in Westeuropa allgemein geltenden Rechtsvorschriften zwangen die Redaktion, dieses Kapitel um einige Abschnitte zu kürzen. Es bleibt zu hoffen, dass der geneigte Leser den Gedanken des Autors trotzdem zu folgen vermag.« Dies fällt allerdings nicht schwer. Jene »Rechtsvorschriften« beziehen sich ebenso wie die durch Klammern angedeuteten Passagen Bondarews auf die mittlerweile auch in der Schweiz strafbare Leugnung der Massenvernichtung der europäischen Juden im Dritten Reich. »Müssen wir uns jeden Schwindel, jede Lüge anhören und uns damit ihren Folgen generationenlang unterwerfen?« fragt Bondarew (S. 251) und hofft darauf, daß sich hier die von ihm bereits Seiten zuvor angekündigten »Störungen und Arrythmie im Nervensystem und Blutkreislauf« einstellen, die dann als Beweis einer erfolgten »Umerziehung« gelten würden. Die insgesamt 14 Selbstzensuren im Zusammenhang mit der Leugnung des Holocaust sind nicht nur ausreichend, das Buch in wissenschaftlicher Hinsicht zu disqualifizieren, sondern auch ein Ausdruck extremer Feigheit von Autor und Verlag. Und wie Hohn wirkt es, wenn Bondarew dann auch noch von anderen eine nur »durch Erkenntnis und moralische Reinigung« erreichbare Geschichtsbetrachtung verlangt (S. 237) und an die »Christianisierung der Seele« zu appellieren wagt.

Zurück bleibt der Eindruck eines heillosen Sektierertums. Was immer Bondarew in Rußland während der schweren Jahre des sozialistischen Regimes geleistet haben mag - dieses Buch ist eine Schande für Rudolf Steiner und die Anthroposophie. Aus: Info3 6/1997


Gennadij Bondarew: Anthroposophie auf der Kreuzung der okkult-politischen Bewegungen der Gegenwart. Moskau-Basel Verlag, Basel 1996. Gebunden, 487 Seiten.