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Anthroposophie und Judentum

Anthroposophie und Judentum – von Kassel nach Warschau

Von Hans Bartosch

Wie hält es die Anthroposophie mit den Juden? Und wie hält sie es mit den Schmerzen und Schreien dieses Jahrhunderts? - Ein offener Brief an die Anthroposophenschaft von einem kritischen Freund.

Zwei Situationen dieses Sommers, die mich geweckt haben: Der Kasseler Kongreß "Ethik des Sterbens - Würde des Lebens", ein beachtliches, weltoffenes und sensibles Ereignis. Nur die Stimme der Christengemeinschaft, vertreten durch den Abendvortrag eines Oberlenkers, bleibt mir als Schatten und Ärgernis. Da wurde wieder einmal der jüdische Weg als der vergangene dem christlichen als dem zukünftigen Weg gegenübergestellt (dort die "Falschen" - hier die "Richtigen"). Dies alles geschah in wohlgesetzten Worten, eingebettet in kluge Gedanken und warme Gesten - und schreit doch zum Himmel.

Zweite Situation: Eine Reise nach Warschau. Das Mahnmal an der Stelle, wo dereinst das jüdische Ghetto stand. Es beeindruckt mich tonlos. Auf dem Weg zum Bahnhof das Grab des Unbekannten Soldaten, in den Ruinen des von den Nazis vernichteten Sächsischen Palais. Zwei junge polnische Soldaten patrollieren. Die Fackeln und das Feuer züngeln, Kränze sind abgelegt, ein paar Menschen kommen und schauen - und ein eigenwilliger Kreis der Stille ist um diesen Ort gezogen. In die Steine des Denkmals sind all die Orte eingemeißelt, wo dereinst Polinnen und Polen kämpften und litten.

Was habe ich an diesem Mahnmal gespürt, ja geradezu begriffen? Sie, die Polen, "haben sie dabei", ihre Toten, sie pflegen das Angedenken - an Gute und Schlechte, Helden und Feiglinge, Juden und Christen.

Was haben Kassel und Warschau miteinander zu tun? Ich werde versuchen, es zu beschreiben. Ich schreibe an die geschätzte Anthroposophenschaft, weil ich aus vielfältigen Begegnungen weiß: Da wird das Geistige ernstgenommen. Da wird das Geistige nicht diffus-esoterisch, sondern sehr klar und gleichzeitig diskret "gehandhabt". Da geht es um sehr handfeste Konsequenzen geistiger Erkenntnisse: sei es in Heilpädagogik, Medizin oder Landwirtschaft. Auch geht es dabei um Europa und um Geschichte in sehr wacher und klarer Sichtweise.

Dies allles schätze ich. Aber zugleich sitzt der Stachel mit der Ignoranz gegenüber den Juden. Vom Judentum als dem "Gesetzlichen". Und nun ist die arme Anthroposophenschaft neuerdings konfrontiert mit Rabbinern, die über Reinkarnation nachdenken und mit Damen, die sich für die wiedergeborene Anne Frank halten. Doch die Reaktionen aus Dornach und anderswo sind nicht: Klare Auseinandersetzung und Besinnung auf den Schatten der fast komplett fehlenden spirituellen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. In einem Artikel der Wochenzeitung "Das Goetheanum" wird sogar vor dem Judentum als gefährlichem Vergangenheits-Impuls gewarnt. Ich bin erschüttert. Und mir wird eines deutlich: Die reale geistig-historische Zäsur "Auschwitz" ist in weiten Teilen der Anthroposophenschaft noch gar nicht richtig verstanden worden. Schmerzhafte Prozesse, denen sich weite Teile der denkenden Intellektuellen, auch Teile der evangelischen und katholischen Kirche unterzogen haben, dies scheint an der anthroposophischen Bewegung - Ausnahmen bestätigen die Regel! - vorbeigegangen zu sein. Das hat nachhaltige Folgen. Gut, ich weiß, daß es anthroposophische Einrichtungen gibt, die nach dem Juden Janusz Korczack benannt sind. Und ich habe gelesen von spannenden anthroposophischen Impulsen in Israel. Aber andersherum: Elie Wiesel, der Nobelpreisträger und viele andere hatten in der Hölle von Auschwitz Christus-Erfahrungen, Gottes-Erfahrungen, die es uns streng (streng!) verbieten, vom Jüdischen als vom Vergangenen zu sprechen. Immerhin: dort, in Auschwitz, hat das Gottesvolk gelitten, vertreten durch "einfache" Frauen, Kinder und Männer. Hier hat Golgatha in eigenwilliger Neuzuspitzung stattgefunden. Hier hat sich der Antichrist ganz plastisch, feist und zugleich unendlich abgründig geoffenbart. Und während ich dies schreibe, weiß ich zugleich, daß alle Interpretationen vorläufig und vielleicht auch wieder gefährlich sind.

Mein Anliegen aber: Redet nicht mehr so daher über "die Juden", ihr Anthroposophen! Damit nehmt ihr - Verzeihung! - aber damit nehmt ihr Schaden an Eurer Seele.

Diese Nicht-Auseinandersetzung mit dem Martyrium des Gottesvolkes geht einher mit einer (wie es sich mir darstellt) im ganzen sehr spärlichen Auseinandersetzung mit den gewaltigen Schmerzen, die der Zweite Weltkrieg über die Völker Europas gebracht hat. Das nämlich war mein Evidenzerlebnis in Warschau: Die Präsenz der Toten, die Präsenz des Schmerzes geht uns Deutschen häufig ab. Erinnerung an die jüdischen und polnischen und russischen Toten "nervt" die Rechten. Erinnerung an gefallene deutsche Soldaten "nervt" die Linken. Erinnerung an Hunderttausende, die auf der Flucht vor der Roten Armee starben, dies ist bissiges Reservat der Vertriebenenverbände. Erinnerung an die im KZ ermordeten Sinti, Schwulen, "Asozialen", dies bleibt Kleingruppen am alternativen Rand der Gesellschaft vorbehalten.

Und was geht verloren? Die allgemeine und verbindende Nähe aller Toten und die Nähe des Schmerzes. Und ich habe die starke Vermutung, daß nur die Nähe der Toten und die Nähe des Schmerzes frei und froh machen kann - spirituell, psychisch, leiblich.

Noch einmal zum Kasseler Kongreß. da war natürlich viel die Rede von Biographiearbeit, von der Würde und von der Gestalt des Alters, speziell der Hochaltrigkeit. Nur: nie kam die Rede darauf, daß "die" Alten heute Menschen sind, die zutiefst geprägt sind von den Jahren 1930 bis 1950. Kann es sein, daß anthroposophische Medizin, Entwicklungspsychologie und Biographiearbeit - alles Dinge, die ich sehr, sehr achte! - kann es sein, daß die Tatsache noch viel zu wenig angekommen ist: Ja, wir haben es hier mit einer sehr speziellen Generation zu tun.

Natürlich gelten all die wunderbaren Gesetze und Rhythmen, die bereits in der anthroposophischen Medizin und Menschenkunde entdeckt und dargestellt werden. Aber: bevor die heutige Generation der Hochaltrigen über die Schwelle tritt, sollte es doch gerade eine anthroposophisch orientierten Bewegung angelegen sein, genauer hinzuschauen. Ein urteilsloser Blick (nicht: "Ihr Nazis!" oder "Ihr armen Flüchtlinge!"), ein tiefer Respekt vor der Signatur einer jeden Einzelgeschichte, eine Neugier über die immer eigene und immer andere Verbindung von Individuellem, Historischem und Geistigem, ist das nicht heute angefragt? Vielleicht brauchen wir eine neue Ellipse. Der eine Brennpunkt heißt dann: Blick auf den einzelnen, wie sie oder er eben ist mit 80, und der andere Brennpunkt sagt: Hier steht mir ein Vertreter des Jahrgangs etwa 1918 gegenüber - beides ist notwendig zu geistiger Erkenntnis und Handhabung.

Von Kassel noch einmal nach Warschau. Die Hochaltrigen in Deutschland und polen und die Vernichteten in den KZ's - dies ist eine Generation! Man muß dies als Bild einmal in Ruhe meditieren. Diese Menschen sind im noch jungen Jahrhundert gemeinsam angetreten auf diesem Weltenplan, gemeinsam in Europa. Und sie werden alle sehr besondere und doch auch verbindende Erfahrungen wieder mitnehmen - oder haben sie (durch Gewalt oder natürlichen Tod) schon mitgenommen. Und jetzt - nach 1989 - steht die Europa-Thematik wieder neu auf dem Plan...

Kann es sein, daß es viel umfassender, aber letztlich viel irdisch-realer ist, diesen Zusammenhängen auf die Spur zu kommen als - wie dereinst scheinbar - in Mode über Reinkarnationswege der Holocaust-Opfer nachzuraunen? Wird hier nicht der zweite Schritt vor dem ersten getan? Geht es nicht um eine grundlegende Besinnung auf den Begriff "Judentum" in den anthroposophischen Zusammenhängen? Hat nicht gerade Steiner in seinen Evangelien-Vorträgen zutiefst Respektvolles gesagt über die bleibende Mission des Judentums (und dies mitten im antisemitischen Wien und Berlin der Jahrhundertwende)? Müssen wir nicht überhaupt wieder lernen, die Nähe unserer Tote zu spüren, zu pflegen - nicht nur unserer persönlichen Toten (hier hat die anthroposophische Bewegung ja auch Entscheidendes entwickelt und gepflegt), sondern auch der "allgemeinen" Toten? Müssen wir nicht viel genauer (meinethalben: "goetheanistischer") umgehen mit dem Schmerz und den Lebensgeschichten und den häufig wunderbaren Alltagserlebnissen der Generation, die die erste Hälfte dieses Jahrhunderts miterlebt haben?

Bitte, macht nicht den zweiten Schritt vor dem ersten. dies möchte ich als Freund der anthroposophischen Bewegung in warmer Zuneigung und zugleich in kritischer Distanz zurufen. Ihr habt so viele kostbare Erfahrungen und Ergebnisse. Aber bitte, redet anders von (und lieber: mit) den Juden und mit dem Schmerz und mit diesem Jahrhundert. Ich glaube, daß viele darauf warten, die euch für sonderlich und "abgehoben" halten. Hans Bartosch ist evangelischer Pfarrer der Diakonie und schwerpunktmäßig im Bereich Altenpflege und Sterbebegleitung tätig.

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