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Der 8. Mai 1945 und eine andere Wirklichkeit

Von Martin Barkhoff

Der 8. Mai 1945 hat eine spirituelle Dimension. Geistige Größe kommt dem Zeitpunkt zu, in dem ein gewaltiger Drachen geschlagen ist und in seinen Abgrund zurücksinkt. Auch wenn der Bolschewismus in abgeschwächter Form noch mehr als vierzig Jahre weiter wütete, die schwerste Drachenzeit war vorbei und für große Teile Europas war sie zu Ende gekommen. Um das Format dieses Tages zu fassen, ist es notwendig, auf den geistigen Kampf zu schauen, der hier zu einer vorläufigen Entscheidung gekommen ist. In diesem geistigen Kampf verlaufen die Frontlinien anders als zwischen den äußeren Armeen.

Ein geistiger Krieg ist in der Menschennatur entbrannt. Sie hat sich aufgespalten, und nun kämpfen gegeneinander die Tiernatur und die Anlage zum schöpferischen Ich. Auf einen Vorläufer dieses Kampfes bereiteten schon die alten Mysterien vor. Wer die Schwelle zur geistigen Welt überschreiten will, hat diesen Kampf zu bestehen. Damals allerdings geschah das in abgeschiedener Seelendramatik und erschütterte nicht die sozialen Verhältnisse. Das aber ist in den letzten Jahrhunderten langsam anders geworden. Die bisherige einheitliche Persönlichkeit, in der das Gattungshafte und das zur Selbstentwicklung befähigte Ich in einer Einheit verschmolzen war, wird brüchig. In allen Menschen, die an der modernen Entwicklung teilnehmen, tritt diese Spaltung heute auf. Und wie die Menschen spalten sich auch die sozialen Institutionen auf, in denen bisher Gruppenzwang und Anregung zur Selbsterziehung in Vermischung miteinander leben konnten.Aber seit der Französischen Revolution treten soziale Gestaltungen auf, die sich verstärkt nur auf das eine oder andere Gemeinschaftsprinzip gründen.


Gruppierungen und Haltungen mit nie gekanntem gleichschaltendem Gruppenzwang entstehen, in denen der Mensch -- zum Teil mit Hingabe -- ganz zum Gattungswesen, zum höheren Tier wird. Andererseits zeigt sich zunehmend soziale Kompetenz zur Zusammenarbeit, zum Zusammenfühlen und -denken, soziale Bildekräfte zwischen Mensch und Mensch über alle geographischen, sozialen und kulturellen Schranken hinweg. Die Französische Revolution zeigt noch, wie die eine Sozialkraft unmittelbar in die andere umschlagen kann. Die beiden nachfolgenden Jahrhunderte brachten dann immer schärfer den Gegensatz zwischen den Kräften, die das kulturell und sozial Gewordene in platter Schablone verfestigten und daraus Massen-, Rassen- und Klassenbewegungen formten, während gleichzeitig scheinbar ohnmächtig kleine Ansätze, die auf die Werdekräfte im Menschen rechnen, unabweisebare Entwicklungsrichtungen markierten.


Zwischen den Nutznießern der sich verfestigenden Gattungsnatur des Menschen und den scheinbar versprengten Scharen derer, die den über die Gruppengrenzen hinaus wirkenden Weltmenschen in sich gebären möchten, ist die menschliche Gesellschaft in einem vertikalen Krieg, einem Krieg zwischen oben und unten begriffen. Die Chauvinismen, die den Ersten Weltkrieg heraufbeschworen, waren Reflexe dieses Streites. Die Ursachen des horizontalen Krieges der Völker kann man sehen in den Gewalten, die zwischen oben und unten miteinander im Streit stehen.


Eine spirituelle Geschichtsbetrachtung geht davon aus, daß einstige Gestaltungskräfte einer zeitlosen Welt sich in vielfacher Art als Richtkräfte, als Impulsatoren in den Rhythmen und Zyklen der Geschichte manifestieren. Die zeichenhaften Bilder der Apokalypse kann man als Schilderung solcher Richtkräfte verstehen. Zentrales Motiv in dieser Landschaft menschheitlicher Entwicklungsimpulse ist das Bild des siebenköpfigen Drachen, der gegen die gebärende Frau kämpft. Das Menschentier kämpft gegen die Seelenkraft der Höherentwicklung, die dabei ist, das Göttliche im Menschen zu gebären; und die wehrlose Gebärerin wird geschützt durch die Michael-Wesenheit, so daß die Geburt des Kindes, das einst herrschen wird, trotz der wütenden Attacken des Drachen gelingt.


Diese Kräfte sind aus der Innenwelt auf den historischen Schauplatz herausgetreten. Die alte, noch nicht zur Geburt des Höheren fähige Seelenverfassung verschwindet und die Drachenkräfte und die Kräfte der Frau prägen nicht mehr nur die Seelenwelt, sondern unmittelbar die soziale Realität. Das für Mitteleuropa bedeutendste Auftreten des apokalyptischen Tieres, des Entwicklungszerstörers, hatte Rudolf Steiner im Jahre 1924 präzise für das Jahr 1933 vorausgesagt. Dies geschah, nachdem er bereits früher für eben das Jahr 1933 von gewaltigen Manifestationen des Bösen gesprochen hatte in einer Vortragsreihe über die Apokalypse, die er für die Priester der Christengemeinschaft gab. Dort erläuterte er unter anderem das Einwirken der in der Offenbarung geschilderten Entwicklungskräfte auf Ereignisse der unmittelbaren Vergangenheit und Zukunft (GA 346).


Kann man versuchen, die Nazizeit vom Gesichtspunkt des vertikalen Kampfes aus zu charakterisieren? Der Auftritt des Tieres in Mitteleuropa 1933 war lange und wirksam vorbereitet. Der chauvinistische Wahnsinn des Ersten Weltkrieges setzte sich in dem aus gleichem Geist geborenen Versailler Frieden fort. Der Hunger der Weltwirtschaftskrise und die Ideologisierung in den politischen Kämpfen verstärkten die Vertierung. Diktaturen kamen in Europa auf; in Rußland hatte sich der Abgrund bereits geöffnet und das große Morden und die Kulturvernichtung waren fortgeschritten. Wilde Ängste und wilde Hoffnungen lähmten, durcheinander rasend, die Gemüter, ein ahrimanisch-luziferisches Magnetfeld bildend. 1933 trat dann das Zentrum dieser Kräfte -- der Magnetpol -- leibhaft auf, inkorporiert in ein Rednermedium. Er bannte die Massen durch weitere mit Greueln amalgamierte Hoffnungstaten und in Hoffnungen halbversteckten Terror.


Was ist nun unter dem Gesichtspunkt des vertikalen Kampfes die Tat dieses Wesens? Es zerstört Mitteleuropa, geistig, seelisch und materiell. Die Kulturlandschaft der Dichter und Denker, jene Kulturlandschaft, die sich seinerzeit am weitesten von Völker-, Staats- und Territorialgrenzen befreit hatte; eine Welt, in der Deutsche, Juden, Slawen, Romanen, Turanier in bunter Mischung durcheinanderwohnten; in der die Keime inneren Reichtums, innerer Entwicklung am reichhaltigsten gesät waren in Musik, Dichtung, Religion und Philosophie.


Die Frau, die mit den Entwicklungskräften schwanger geht, hatte hier ihren schönsten Garten. Wie eine pädagogische Provinz, abseits der sich bildenden Macht- und Wirtschaftsimperien, war Mitteleuropa eine Landschaft, die Idealismus atmete, eine Schule des geistigen Weltbürgertums: in der Kunst, in der ethisch-religiösen Haltung, im Denken. Die Mitteleuropäer liebten es, in der Welt der Seele und des Geistes zu leben, wo die Ideen die gestaltenden Mächte sind, und sie waren empfänglich für diejenigen, die dieser Welt die Impulse geben.


In diesem Pflanzgarten mußte die äußere Organisation zurücktreten, der Staat, gar der Nationalstaat; die Fruchtbarkeit des Gartens hing von der gelösten, innigen Durchdringung der Völker ab. Die deutsche Kultur, die deutsche Sprache gaben diesem Garten die grundlegende Gestalt. Das Judentum, schon durch die jiddische Sprache tief im Deutschen verwurzelt, gab den weitesten und entgrenztesten Impuls in diese Landschaft, während das Slawentum die vitalsten und elementarsten Entwicklungsschübe beitrug.


Diesen Pflanzgarten, diese Lebens- und Arbeitswelt der Frau unfruchtbar zu machen, mußte das Ziel jenes Geistes sein, der in der gewordenen Menschennatur herrscht und seine Herrschaft durch den Einschlag neuer Entwicklungskräfte verlöre. Schon in der fast ein Jahrhundert dauernden Vorbereitungsphase wird ja dieser Garten durchsetzt von Merkantilismus, immer chauvinistischer werdendem Nationalismus, immer derberem Materialismus. Dann kam das Bündnis des Adels mit der Industrie, das im Deutschen Reich Nationalstaaterei, Wirtschaftsimperialismus und Machtpomp des Westens in der Karikatur nachahmte. Der Adel in seiner atavistischen Seelenverfassung, die sich auf Blut (Vererbung) und Boden (Territorialbesitz) stützte, war der mitteleuropäischen Geistigkeit, in der alle Menschen Brüder werden, fremd geblieben. Die Industriebarone richteten das soziale Leben rein nach der materiellen Verwertbarkeit aus. Deren »Deutsches Reich« lähmte das geistige Leben auch im übrigen Mitteleuropa.


Um aber den Garten der Frau vollständig zu zerstören, mußte das Tier auf dem physischen Plan inkorporiert auftreten. Es galt, die Begeisterung für den Idealismus definitiv zu vernichten und das Menschengeflecht Mitteleuropa auseinanderzuschlagen. Im Sturm von Angst und Hoffnung gelang es, die natürliche Begeisterungsfähigkeit für Ideen in den Vollzug des großen Verbrechens einzubinden. Als weitherum spürbare größere Tatkraft wurde dieser blind gewordene ldealismus in den Naziverbrechen erlebt. Er gab ihnen einen besondere Kraft und Schärfe. Mit blutbefleckten Händen stand der naive Idealismus dann da -- der Idealismus, der die Geister nicht unterscheiden konnte.


Welche Untat hatte er ausgeführt? Mitteleuropa hatte er materiell in Schutt und Asche gelegt, Deutsche und Slawen räumlich, sozial und seelisch auseinandergebrochen und die Juden ermordet und vertrieben. Der Geist in der Gestalt der bloßen Idee, der Idee, die nicht Wahrnehmungsorgan ist, war von dem Tier zum Mittäter der eigenen Vernichtung gemacht worden. Der blinde Idealismus, der nicht durch die Ideen wie durch Scheiben in die geistige Welt schaut, er starb am 8. Mai 1945. Vor vollendeter Tat verschwand das Tier. Hat es gesiegt?


Der 8. Mai ist das alte europäische Michaelfest, das Fest des Erkenntnis-Kriegers, des Siegers im vertikalen Kampf. Die Verehrung der Michael-Geistigkeit breitete sich als durch Jahhunderte tragender Impuls in Europa aus nach der Schlacht bei Siponto (Halbinsel Monte Gargano) am 8. Mai 663. An jenem 8. Mai vertrieben die Langobarden die Sarazenen aus Italien und bewahrten die damalige Mitte Europas vor dem Arabismus. Die Kämpfer schrieben ihren Erfolg dem Eingreifen des Erzengels zu. Am 8. Mai gelangt der michael-inspirierten Jeanne d'Arc ihr wichtigstes Werk, die Eroberung von Orleans. Sollte das Kriegsende, der Tod Mitteleuropas, auf das Michaelfest gefallen sein als Hohn für seine Niederlage?


In schweigender geistiger Größe steht am 8. Mai 1945 der Michaelgeist vor den Seelen der Europäer und Nordamerikaner. Das Ende Mitteleuropas hatte sich unter ihrer intensivsten Beteiligung vollzogen. Mitteleuropa, die geistvolle Gemüthaftigkeit, der gemütvolle Geistraum, ist für immer Vergangenheit geworden. So wie das Römertum nach seinem Tode als Kirche weiterlebte, so wie das Keltentum als esoterisches Christentum auferstand, losgelöst von Völkern, losgelöst von Territorien, so wird die Seele Mitteleuropas wieder auferstehen, die verbrannte Mutter in Novalis' Märchen von Eros und Fabel. Der Geist des alten Mitteleuropa starb nicht nur aus einem Territorium heraus, sondern auch aus der verbrauchten Form des bloßen Idealismus. Als Geist einer weltumspannenden Verbindung von Menschen aller Länder und Völker, als Impuls kosmopolitischen Zusammendenkens, -fühlens und -wollens in schauenden Gedankenformen werden sich die Keime des Pflanzgartens über die ganze Erde ausbreiten, wie es die Musik Mitteleuropas schon getan hat.


Diese Zukunft ist ebenfalls in der Todesreinheit der schweigenerfüllten Stunde Null jenes 8. Mai anwesend. Sie erwartet die freie Menscheninitiative. Sie spricht aus dem Wochenspruch des 8. Mai, in dem das Wort »auferstanden« ertönt -- einmal in Rudolf Steiners Seelenkalender: Im Lichte, das aus Geistestiefen

Im Raume fruchtbar webend

Der Götter Schaffen offenbart:

In ihm erscheint der Seele Wesen

Geweitet zu dem Weltensein

Und auferstanden

Aus enger Selbstheit Innenmacht. Der Autor ist Publizist und Medienbeauftragter der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland. Zuerst erschienen in der Zeitschrift Das Goetheanum, 7. Mai 1995