Zur Gestalt des Revisionismus
Von Gerold Aregger
»In gewisser Weise ist das Phänomen so unfassbar wie der Holocaust selbst, und obwohl die Lügen, welche die Holocaust-Leugner vorbringen, niemandes Tod zur Folge gehabt haben, stellen sie doch eine grobe Missachtung der Überlebenden dar.« --- Deborah Lipstadt (1)
Aber sind es denn Lügen? Soll nicht erlaubt sein, die Geschichte zu befragen? Gibt es nicht viele Ungereimtheiten? Es ist doch immer so, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird!
Langsam!
Als Revisionismus wird hier und heute üblicherweise die Auffassung bezeichnet, welche den Zweiten Weltkrieg als deutschen Verteidigungskrieg versteht und insbesondere die massenhaften Vergasungen von jüdischen und anderen Menschen bestreitet. Die sogenannte Auschwitz-Lüge steht im Zentrum der Auseinandersetzung. Das sind nicht irgendwelche Sachverhalte, es sind die grauenvollsten Geschehnisse. Gewiss kann und darf alles bezweifelt werden. Um aber als Gesprächspartner ernstgenommen zu werden, müssen die Dinge geprüft werden. Wer dies unvoreingenommen tut -- natürlich nicht nur anhand revisionistischer Literatur -- wird feststellen, dass für beide der erwähnten Punkte erdrückende Gegenbeweise vorhanden sind: Zeugnisse von Tätern, Opfern und Zeitgenossen, Dokumente (siehe Literaturliste).
Und so ist die Ausgangssituation eben nicht die, dass es da zu einer fraglichen Angelegenheit zwei Auffassungen gibt, die mit Recht in einen Meinungsstreit treten sollen. Genau das aber streben die Revisionisten an. Was das Normale ist bei einer offenen Frage, nämlich sich darüber auseinanderzusetzen, beanspruchen sie für etwas, was auf der Faktenebene gesichert beantwortet ist. Dies ist bei Unbefangenheit ohne weiteres nachprüfbar, wobei es dem Neuling allerdings einige Arbeit kosten wird, glaubwürdige Quellen von zweifelhaften zu unterscheiden.
Die Methode der Revisionisten
Wie gehen nun die Revisionisten vor? Dies kann an einem Bericht im akademischen Bereich verdeutlicht werden.
»Professor X macht eine Theorie publik, und zwar ungeachtet der Tatsache, daß ein Übermass dokumentierter Fakten seinen Schlüssen widerspricht. In den höchsten moralischen Tönen drückt er seine Mißachtung für alles Beweismaterial aus, das Zweifel an seinen Erkenntnissen weckt. Seine persönlichen Angriffe gelten den Verfassern (relevanter) Werke auf dem bewussten Gebiet sowie den Leuten, die dumm genug sind, ihnen Glauben zu schenken. Die Wissenschaftler, welche die Zielscheibe jenes Professors bilden, können nicht umhin zu reagieren. Ehe man sich's versieht, ist aus ihm der 'kontroverse Professor X' geworden, dessen Theorie auch von Nicht-Profis, d.h. von Journalisten, ernsthaft diskutiert wird. Über kurz oder lang hat er sich zu einer vertrauten Erscheinung auf den Fernsehschirmen und im Rundfunk gemausert, wo er seine Idee Gesprächspartnern 'auseinandersetzt', die keine Herausforderung für ihn darstellen oder die Unwahrheit seiner Argumentation nicht entlarven können.«
Obwohl es erstaunlich klingt, muss die Methode der Revisionisten in Kürze folgendermaßen charakterisiert werden: Alle Indizien-Dokumente werden als Fälschung hingestellt, alle Zeugenbereichte als befangen abgelehnt, alle Geständnisse von Tätern als erzwungen erklärt. Dafür wird als Erklärung eine grosse Weltverschwörung angeboten -- der herrschenden Kreise, des Weltjudentums, des Kommunismus, oder alles zusammen. (In jüngster Zeit wird von revisionistischer Seite teils beteuert, man sei überhaupt nicht judenfeindlich eingestellt.) Gewaltig gross müsste diese Verschwörung allerdings sein, um all die behaupteten Fälschungen zustande zu bringen!
Revisionisten und Neonazis
Aber welches Interesse können denn Menschen haben, den Holocaust in Frage zu stellen? Ist es nicht doch unpopuläre Wahrheitsliebe (wie immer wieder behauptet) ? Ist nicht doch etwas dran? - Es ist etwas dran -- aber etwas ganz anderes. Die Holocaust-Leugner stützen sich auf Quellen, die direkt in die rechtsextreme Neonazi-Szene weisen. Ja, wer der Sache nachgeht, wird finden, dass der Ursprung der Auschwitz-Lügen-Theorie von Nationalsozialisten und ihnen Nahestehenden selber aufgebracht worden ist.
Damit sei nicht behauptet, alle Auschwitz-Leugner seien Neonazis. Es kann welche geben, die das zurecht von sich weisen. Es kann auch sein, dass Revisionisten sich teils nicht bewußt sind, wem sie Glauben schenken -- und wen sie damit unterstützen. Deutlich muss aber hier gesagt werden: Revisionisten wie deren Kronzeugen Robert Faurisson, David Irving, Ernst Zündel, Fred Leuchter und Thies Christophersen und viele weitere wissen, was sie tun. Sie verkehren alle aktiv in Neonazi-Kreisen. (3)
Vielleicht meint ein Leser: Nun gut, aber können Neonazis nicht auch einmal etwas Richtiges sagen? Das soll nicht generell bestritten werden. Aber solche Aussagen müssten dann mit doppelter Vorsicht überprüft werden.
Natürlich haben Revisionisten kein Interesse, ihre oft intimen Verbindungen zur rechtsextremistischen Szene an die große Glocke zu hängen. Und -- nochmals sei es erwähnt -- nicht alle Anhänger werden von solchen Beziehungen wissen. Es sei denn, sie hätten ihr Gedankengut bis an seine Quellen geprüft.
Irreführende Überzeugungskraft
Wer die revisionistische Argumentationsweise erlebt, wird wohl zuerst verblüfft sein von der Überzeugungskraft, die da auf ihn zutritt. Auf alles gibt es gleich eine Antwort, nichts vermag den Revisionisten in Zweifel zu setzen. Das kann einen Unvorbereiteten sehr verunsichern. Denn wir sind gewohnt, Sicherheit des Ausdruckes mit Wahrheit zu identifizieren. Revisionisten scheinen felsenfest von ihrer Anschauung der »GeschichtslügeInhaltlich erscheinen die Argumente von Revisionisten neuerdings mit Vorliebe in naturwissenschaftlichem Gewand. Es wird »Naturwissenschaftangebliche ZeugenVergasungsfragen Menschen (selten Wissenschaftlern) revisionistischer Prägung.
Mit auffallender Gelassenheit wird über die Gaskammern diskutiert. Für Robert Faurisson ist der Revisionismus das »grosse intellektuelle Abenteuer des Jahrhundertendes»Man könnte sogar sagen: der Revisionismus ist möglich, weil das emanzipierte Ich heute seine Urteile tatsächlich 'jenseits von Gut und Böse', d.h. frei von überkommenen Normen, Gewissens- und Gefühlsgründen fällen kann. So ungeheuerlich die Verbrechen des Nationalsozialismus seelisch auch wirken -- der wissenschaftliche Verstand kann sich völlig unbeeindruckt davon fragen: war das alles wirklich so? In der Tat wird jeder, der in diesen Fragen ein individuell gegründetes Urteil bilden will, über die blosse (ohnehin kurzlebige) moralische Empörung hinaus sich ein vorurteilsloses Bild verschaffen müssen. Genau in dieser moralischen Einsamkeit lauert aber einer der größten Gegner der Wahrheit: der Selbstbetrug. Nietzsche hat dessen Einflüsterungen so charakterisiert: 'Dies habe ich getan, sagt mein Gedächtnis; dies kann ich nicht getan haben, sagt unerbittlich mein Stolz; endlich gibt das Gedächtnis nach'
Wer sich die Mühe macht, den revisionistischen Argumenten nachzugehen, wird merken, wieviel schneller eine Behauptung aufgestellt ist als widerlegt (siehe dazu: Lipstadt). Der oder die Prüfende wird auf ein Gemenge von Halbwahrheiten, Verdrehungen und Lügen stossen, das ein Revisionist dem anderen abschreibt oder nachsagt. Man wird auch viele Stellen finden, wo sich Revisionisten untereinander widersprechen (wobei anzunehmen ist, daß sie im Zuge internationaler Kontakte rasch voneinander lernen werden). Kennzeichnend für Revisionisten ist jedoch, dass sich kaum je einer von einem nachgewiesenen Widerspruch hat ins Bockshorn jagen lassen.
Verführend
Wenn der Revisionismus bei einiger Erforschung der entsetzlichen Geschehnisse relativ leicht durchschaut werden kann, weshalb findet er überhaupt Anhänger? Einiges dazu wurde bereits angeführt. Manche nationalistischen Emotionen oder auch persönliche Unzufriedenheiten (Arbeitslosigkeit) mögen da hineinfunken. Anderes ist weniger leicht fassbar. Der moderne Mensch merkt, dass er für die geschichtlichen Ereignisse eine Mitverantwortung trägt. Wenn er diese ernst nimmt, geht ihm auf, dass in der Zeitgeschichte verschiedene Kräfte am Werk sind. Längst nicht alle durchschaut er gleich. Tatsächlich wirken ja in der Geschichte Hintergrundskräfte, einerseits in der äusseren Welt, aber auch im seelisch-geistigen Bereich. Es kostet viel Arbeit, darin ein Unterscheidungsvermögen zu entwickeln. So sind gerade Menschen, denen aufgegangen ist, dass die wahre Geschichte oft nicht in den Zeitungen steht, anfällig für Verschwörungstheorien aller Art, die durchaus Teilwahrheiten enthalten. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass eine einfache und äussere Erklärung für Schuldige bereitsteht. Das ist bequem, da so die eigene innere Auseinandersetzung wegfällt, der eigene Anteil. Wo aber Eigenaktivität nicht egriffen wird, entsteht Raum für fremde Besetzung.
Der Nationalsozialismus kann insgesamt als Realisierung einer gigantischen Verschwörungstheorie verstanden werden, mit dem »bolschewistischen Judentum.
Kernangriff
Die erkenntnismässige Vorgehensweise des Revisionismus lässt sich folgendermassen charakterisieren:
Einerseits wird der Forschungsblick eingeschränkt auf die physische Ebene und ganz bestimmte Orte. Sogenannte Fakten sollen allein zählen (zum Beispiel das Funktionieren der Gaskammern). Dass jemand sich nur an äussere Tatsachen halten will, kann zwar als einseitig bezeichnet werden -- Geschichtsereignisse können nur in ihrem Zusammenhang erfaßt werden, und dieser wird nicht auf der Ebene der äusseren Wirklichkeit gestiftet. Wir werden ihm trotzdem folgen können. Nun erweist sich aber, dass sich der Revisionismus nur den Anschein akribischer Fakten-Treue gibt. Die aufwendige Überprüfung der vorgestellten Tatsachen enthüllt diese als blinde Behauptungen. Und da, wo Tatsachen sind, werden sie weggeleugnet. So wird die eine Basis des Erkenntnisprozesses untergraben: die Sinneswahrnehmung der Welt.
Andererseits wird dem Denken eine hochabstrakte Verschwörungstheorie angeboten, die inneren Neigungen mancher Zeitgenossen entgegenkommt (zum Beispiel die Juden als Schuldige statt als Opfer). Es ist ein Denken, das sich wiederum in Behauptungen erschöpft. In sich mögen sie teils durchaus logisch erscheinen. Es ist die unangreifbare Logik des geschlossenen Systems. »Wer an dieser Vorstellung zweifelt, bestätigt dem von ihr Besessenen nur die Perfektion der vermeintlichen Manipulation. Ein geschlossenes System, das an den Zustand paranoider Patienten denken lässt, die sich meist auch als Träger besonderer Enthüllungs-Missionen fühlen.« Zusammengenommen ergibt sich ein explosives Gemisch. Denn wenn ein geschichtliches Ereignis von solcher Bedeutung wie die Massenvergasungen von Menschen massiv und ernsthaft -- so erscheint es manchen -- angezweifelt werden kann, wem und was kann dann noch geglaubt werden? Sind wir überhaupt imstande, geschichtliche Wahrheit zu überprüfen? Kann nicht alles und jedes manipuliert werden (Verschwörungstheorie)? -- Der Revisionismus sät tiefe Verunsicherung im menschlichen Erkenntnisbereich (Destabilisierung heisst das im Geheimdienst-Jargon). Die Sinnvolle Verknüpfung von Wahrnehmung und Gedanken wird zerrüttet. Seine Tendenz kann nicht anders bezeichnet werden als ein zentraler Angriff auf die Erkenntnisfähigkeit des Menschen.
Die Spaltung der Welt
Dadurch, dass neben die bestehenden Geschichtsauffassungen der Revisionismus tritt, wird es für den unzufriedenen Wahrheitssucher erschwert, in tiefere Schichten des Geschehens vorzustossen. Leicht wird man sich aus Furcht vor Verwechslungen zurückhalten oder wird zum Revisionismus gesogen. Das Errichten von Dualismen in der äusseren und inneren Welt hat Methode: im zwischenmenschlichen Freund-Feind, im Politischen Ost-West, Nord-Süd, im Technischen die Computeranwendung, im Erkenntnistheoretischen der naive Realismus (Ich-Welt, Subjekt-Objekt). Das Feld der geschichtlichen Auffassungen wird besetzt von Auseinandersetzungen zwischen herkömmlichen Geschichtsansichten und revisionistischen. Ein Drittes zwischen den zwei Blöcken scheint keinen Platz zu finden. Was wäre das Dritte? Eine vertiefte Geschichtsauffassung, die Mensch und Geschichte wesenhaft begreift.
Der Blick des Revisionismus
Neben der Art, wie er auftritt und was er bewirkt, kann der Geist des Revisionismus an einer Stelle besonders deutlich werden: Er verrät sich durch seinen Blick. Er schaut in die Gaskammern. Gerade dorthin schaut er, wo der Vernichtungswille sich am meisten gezeigt hat. Genauer: Tut so, als ob er dorthin schaue. Denn dort sieht er nichts. Weshalb? Weil er in Wirklichkeit gar nicht hinschaut (so werden -- zum Beispiel -- alle Zeugenaussagen für nichtig erklärt). Wer wirklich auf das furchtbare Geschehen in den Gaskammern schaut, blickt dem Bösen ins Auge. Der Revisionismus sieht dort nichts, weil durch den Revisionismus dieses Auge des Bösen uns anschaut. Es ist der Geist des Nationalsozialismus selber. So enthüllt sich -- bei genügender Aufmerksamkeit -- was verschleiert werden soll.
Es gehört zum gewaltigen Ablenkungsmanöver des Bösen, dass gerade diejenigen revisionistischen Kämpfer seine begehrtesten und wertvollsten sind, die nicht mit dem Nationalsozialismus zu identifizieren sind, ja, die einen möglichst guten wissenschaftlichen oder moralischen Ruf haben.
Die revisionistische Operation hat drei Stufen: Erstens wird das Böse ins Zentrum gerückt (Auschwitz stellvertretend -- wie ein Verbrecher, den es zum Tatort zieht). Zweitens wird beteuert: Da ist nichts (Auschwitz-Lüge). Drittens wird das Böse anderen, gar den Opfern, in die Schuhe geschoben (Verschwörungs-Theorie). Es ist eine unermesslich freche Geste.
Warum funktioniert der Bluff bei manchen Zeitgenossen? Weil der zur Enthüllung geforderte Blick in die Gaskammern dermassen Grauenerregendes zeigt, dass es niemandem leicht fällt, da hinzuschauen (es wäre erleichternd, wenn alles nicht wahr wäre). Dazu ist dem Revisionismus jedes Mittel recht, diesen Blick abzulenken, zu veriwrren, zu hypnotisieren. Und: der Bluff wird mit verblüffender Sicherheit ausgespielt. Das alles erweist die mächtige Hand des inspirierenden Geistes. (Man lasse sich nicht täuschen von dem kleinen Häufchen publizierender Revisionisten, sondern versuche, sein Potential zu erfassen).
Nach dem physischen Vernichten unzähliger Menschen in den Konzentrationslagern -- ausgerechnet mit diesem entsetzlichen Gas Zyklon B (5) -- soll nun auch die Erinnerung an diese Toten vernichtet werden.
Man kann sich zusätzlich fragen, was diese Leugnung für die Täter bedeutet, im weiteren für die Völker der Täter und der Opfer.
Fassen wir zusammen: Dort, wo vom Menschen tiefstes Mitgefühl und wärmste Anteilnahme durch das Geschehen gefordert wird, operiert der Revisionismus mit eiskaltem Verstand. Dieser will die schlimmsten Massenmorde (Vergasungen) bestreiten. Die Todessphäre wird vernebelt und verfinstert. Die Erinnerung wird gelöscht.
Eine Gestalt erscheint, die den Kern des Menschen, sein Ich, vernichten will: Das dem Sonnen-Ich, welches sich in Wärme, Leben, Licht, Zeit manifestiert, absolut entgegengesetzte dämonische Prinzip. Vermögen wir, dieses mit Hilfe des Sonnen-Ichs zu durchschauen? Gerold Aregger ist Redakteur der Schweizer anthroposophischen Zeitschrift Gegenwart. Aus: Zeitschrift Gegenwart. »Fortwirkender Nationalsozialismus«. Mit zahlreichen Artikeln und Literaturhinweisen. Beziehbar unter: Bärenplatz 2, CH-3011 Bern
Anmerkungen:
(1) Deborah E. Lipstadt: Leugnung des Holocaust. Rio Verlag Zürich, 1994, S. 11 (2) Lipstadt, S. 41
(3). Michael Schmidt, Heute gehört uns die Straße, München 1993
(4) Jens Heisterkamp. Aus einem Entwurf
(5) Siehe den Aufsatz von Herbert Flieger u.a. zu Zyankali in: Das Goetheanum Nr. 37, 9. September 1990
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