/bücher/September 2003

In Partnerschaft mit Amazon.de Drei Rezensionen

Zweimal Holocaust und eine Polemik über die neue politische Bußpraxis

Von Rupert Neudeck

Zur Gewinnung von Unterstützung für den Golfkrieg 1991 spielte die Rede vom Holocaust eine bedeutende Rolle. Der amerikanische Präsident George Bush sagte, Saddam Hussein sei schlimmer als Hitler. Es gab damals im US-amerikanischen Presse-Medien-Diskurs Geschichten aus fragwürdigen Quellen über Gräueltaten, die an die Nationalsozialisten erinnerten - beispielsweise hätten irakische Soldaten kuwaitische Neugeborene in einem Krankenhaus aus den Inkubatoren genommen und auf dem kalten Fußboden sterben lassen - erhielten in der Presse eine breite Berichterstattung. Allerdings - so berichtet der Autor Peter Novick gleich weiter, Beamte des State Department wurden nach dem 6. April 1994 angewiesen, das Ruanda Massaker nicht als 'Völkermord' zu bezeichnen«.

Das alles steht in einem der wichtigsten und ehrlichsten Bücher politischer Aufklärung, die ich in den letzten beiden Jahrzehnten gelesen habe. Der Autor Peter Novick ist Historiker und Professor für Geschichte an der Universität Chicago. Er hat, wie unsere deutsche Diskussion nicht müde wurde zu betonen, das bessere der beiden Bücher geschrieben, die jetzt deutsch herausgekommen sind: »Nach dem Holocaust. Vom Umgang mit dem Massenmord«. Es erschien vor zwei Jahren in Boston unter dem Titel »The Holocaust in American Life«, ein genauerer Titel, der sich aber, wie die DVA wahrscheinlich meinte, in Deutschland nicht so gut verkaufen lässt.

Das schlechtere Buch, wie man in der deutschen Debatte nicht müde wurde zu betonen, stammt von dem US-amerikanischen Juden Norman G. Finkelstein und trägt deutsch den Titel »Die Holocaust Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird«. Das Original erschien im vorigen Jahr bei Verso in London unter dem gleichen Titel.
Ich finde die beiden Bücher nicht vergleichbar. Das eine ist eine mit heißem Atem geschriebene Polemik, das andere eine gediegene ausgeruhte historiographische Studie über die Rolle, die Position, die Selbstfindung der Juden in den USA unter dem wachsenden Druck der eigenen Heimstatt Israel. Es ist zugleich eine Studie über die langsame Ver-Wirklichung amerikanischer Politik unter dem extremen Druck der Öffentlichkeit der stärksten Demokratie in der Welt..

Beide Bücher enthalten harte Lektionen über die US-amerikanische Politik, und inwieweit in ihr mit der Moral im allgemeinen und dem Holocaust im besonderen gearbeitet und Schindluder getrieben werden kann. Und es sind beides Bücher, die sich mit der Befindlichkeit von US-amerikanischen Juden befassen. Von Juden, die zumeist nicht mehr viel mit der Synagoge verbindet und von Juden, die die Erinnerung an den Holocaust als ihre letzte, große Stütze haben.
Das Buch von Peter Novick unterrichtet den deutschen Leser, ohne ihn zu belehren. Viele Politströmungen kann man nach der Lektüre besser einschätzen.

Ich kann die Empörung über die Herausgabe des Buches von Norman Finkelstein in Deutschland durch den Piper Verlag nicht begreifen. Finkelstein mag zu rauhbeinig mit den amerikanischen Holocaust-Organisationen umgehen, aber der unterrichtete Bürger weiß natürlich um die Gefährdung jeder guten Sache.
»Auch wenn meine verstorbene Mutter nur 3.500 US Dollar Entschädigung erhielt, haben andere, die am Reparationsverfahren teilhatten, recht gut abgeschnitten. Angeblich beläuft sich das Jahresgehalt von Saul Kagan, lange Zeit Erster Sekretär der Claims Conference, auf 105.000 Dollar.
Zwischen den Arbeitsphasen bei der Konferenz wurde Kagan in 33 Anklagepunkten wegen vorsätzlicher Zweckentfremdung von Geldern in seiner Funktion als Vorstand einer New Yorker Bank verurteilt. Alfonse d'Amato, der ehemalige Senator von New York, vertritt Holocaust Klagen gegen deutsche und österreichische Banken für ein Honorar von 350 US Dollar pro Stunden plus Spesen. Für seine Bemühungen in den ersten sechs Monaten nahm er 103.000 Dollar ein.
Lawrence Eagleburger, Minister unter Präsident Bush, verdient als Vorsitzender der Internationalen Kommission für Versicherungsansprüche aus der Zeit des Holocaust ein Gehalt von 300.000 Dollar jährlich. Was immer man ihm bezahlt, meinte Elan Steinberg vom World Jewish Congress, ist in jeder Hinsicht gut angelegt. Was meine Mutter für sechs Jahre Leiden unter der Nazi Verfolgung erhielt, kassiert Kagan in zwölf Tagen, Eagleburger in vier Tagen und d'Amato in zehn Stunden.«
Ich habe das deshalb so breit zitiert, um verständlich zu machen, was Finkelstein umtreibt. Er kann es nicht begreifen, dass ein veritabler Holocaustüberlebender sich mit so einem mikrigen Honorar begnügen muss, während die Funktionäre, Promotoren und Agenten der Holocaustorganisationen so viel Geld machen.

Das wird im Diskurs der Politischen Korrektheit in der Regel nicht anerkannt. Man redet nicht über Gehälter, man redet nicht darüber, das die Entwicklungshilfsindustrie mittlerweile auch verdorben und verrottet ist, weil sich eine große Schar von gut ausgebildeten Leuten aus Deutschland auf den Weg macht, um in den Habenichtse Ländern so viel Geld in wenigen Jahren zu scheffeln, daß sie danach eigentlich nur noch Weltreisen - touristische - machen können. Was ein Mitarbeiter der GTZ, wenn er sich für drei Jahre verpflichtet in Saudi Arabien verdienen kann, geht auf keine Kuhhaut irgendeines alten Fans des Peace Corps.

Ich habe das als Leser gut verstanden, und ich bin überhaupt nicht einverstanden damit, dass ausgerechnet diese Rechnungen den Antisemitismus anheizen können. Im Gegenteil: unverständlich, geschmacklos und kontraproduktiv waren die deutschen philosemitischen Bemühungen zumal deutscher ARD-Intendanten, das Buch und seine Verbreitung - ohne Erfolg natürlich - zu behindern.

Es gibt ein drittes Buch, ebenfalls eine Streitschrift, verfasst von einem akademischen Autor, Hermann Lübbe, das zu vielen Diskussionen Anlass bietet. Es gibt eine moderne korrekte Haltung, sich zu entschuldigen. Der Kniefall von Willy Brandt 1970 in Warschau vor dem Mahnmal der Opfer des Warschauer Gettos war eine symbolische Geste, die offenbar mit niemandem abgesprochen war.
Ganz anders waren die Worte einzuschätzen, die der US-Präsident Clinton bei einer Ansprache in Mukono, Uganda an die Kommunität der Kisowera-Schule richtete. Er meinte, in Anlehnung an das, was der ugandische Präsident gerade vor ihm gesagt habe: es sei nicht gut, zu viel über die Vergangenheit zu reden. Aber die historischen Fakten machten es nötig festzuhalten, »that the United States has not always done the right thing by Africa«. Und schon bevor die Amerikaner der USA eine Nation geworden wären, also vor den Europäern, konnte die Amerikaner die Früchte des Sklavenhandels ernten.

Über mehr als sieben Generationen hinweg hat der US-Präsident Clinton in Uganda und stellvertretend in Uganda für den Kontinent die Sünden der weißen Amerikaner einbekannt: »We were wrong in that«, heißt das in US-Englisch ganz lapidar. Und weiter in der an die katholische Kirche fast angelehnten Bußpraxis fuhr der Präsident fort: »Die schlimmste Sünde, die wir in Amerika gegenüber Afrika begangen haben, war die Sünde der Vernachlässigung und der Ignoranz«.
Lübbe kennt sich in den Ritualen der politisch angehauchten Theologie aus. Nach dem Bekenntnis der Sünden gibt der Beichtvater die Buße bekannt. In diesem Fall sagte der Delinquent, schließlich war es der Präsident der US-Amerikaner, selbst die Buße an: Die USA wünschen zu helfen. »Through a new initatitive, Education for Development and Democracy«. Über die nächsten zwei Jahre wollte man 120 Mio US $ in ein Programm schleusen, das die Erziehung verstärken soll.
Clinton besuchte um der verstärkten Symbolik willen dann in Senegal auch noch die Insel Goree, von wo die Sklavenschiffe nach Amerika aufgebrochen waren. Er meinte beim Besuch des Slave House auf dieser Insel, die Afroamerikaner in seiner Begleitung repräsentierten jetzt das größte Geschenk für die USA, nämlich die 30 Millionen Afro-Amerikaner.

Lübbe berichtet in seinem Buch, dass die Afrikaner das wörtlich nahmen mit der Buße, wörtlich katholisch oder evangelisch. Jedenfalls gab es kurz nach dem Besuch des US Präsidenten 1998 eine Erklärung des »African World Reparation and Repatriation Truth Commission«, die sich nach einer Sitzung in Accra und einer Analyse der für Afrika entstandenen Schäden durch den Sklavenhandel für die Benennung einer Schuld der Kolonisatoren von »777 Billionen Dollar als Entschädigung für die Versklavung« entschieden. Und die diese Summe auch gleich von den Kolonialmächten einforderten.

Zunächst, so schreibt der Autor, habe man in Deutschland gestutzt, das war gewiss eine Verwechselung der amerikanischen mit den deutschen Billionen- immerhin ein Unterschied um den Faktor 1000. Aber das englischsprachige Original war eindeutig, es sprach von »777 Trillions«, also deutsch 777 Billionen und forderte auf, diese Bußleistung bis zum Jahre 2004 zu erbringen.

Lübbe belastet seine luzid geschriebene Streitschrift mit einer Stellungnahme zugunsten von Ernst Nolte im deutschen Historikerstreit. Die Linke habe den Terror der Kommunisten in China wie in Rußland klein geschrieben. Unnötigerweise nimmt er Partei für den Historiker Ernst Nolte, der sich, wie Gunter Hofmann (Die ZEIT, 15. Februar 01) zu recht schreibt und Jürgen Habermas herausgearbeitet hat, sich in der Folgezeit aus der seriösen Zunft der Historiker herauskatapultierte.
Überflüssig zu betonen, dass das Buch ungewollt eine ganz neue Aktualität bekommen hat durch die Entschuldigungsgesten von Joschka Fischer, der Sühne und Buße ankündigte für die Schläge, die er - dokumentiert in einigen TV Sequenzen - einem deutschen Polizisten oder gar mehreren versetzt hatte im Gefolge der 68 Studentenrevolte und als Mitglied seiner Frankfurter Putzkolonne. Und der amtierende Minister für Umweltschutz Jürgen Trittin, entschuldigte sich öffentlich (widerstrebend zwar, aber dennoch) für den Aufruf des Mescalero, der damals nach dem Mord an dem Bundesanwalt Bublack »klammheimliche Freude« über den Mord signalisiert hatte.

Katholische Bußpraxis also, wie wir sie als Schüler schon untereinander karikiert hatten: Man beichte die eigene Sauerei, und dann kommt man federleicht aus dem Beichtstuhl heraus und kann zur Tagesordnung übergehen.
Das Buch erscheint mir wie die Vorwegnahme und die Einleitung zu einem größeren Buch, das sich über die Verzahnungen von Politischer Theologie, Bußpraxis und religiös angehauchter säkularisierter Politik mehr und systematische Gedanken machen müsste. Norman G. Finkelstein: Die Holocaust Industrie. Wie das leiden der Juden ausgebeutet wird. Piper Verlag München 2001 S. 234
Peter Novick: Nach dem Holocaust. Deutsche Verlags Anstalt Stuttgart 2001
Hermann Lübbe: »Ich entschuldige mich«. Das neue politische Bußritual. Siedler Verlag Berlin 2001