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Info3 News

Internationales Online-Fachjournal für Waldorfpädagogik gestartet

22. Juni 2010

Die Alanus Hochschule in Alfter/Bonn und das Rudolf Steiner University College in Oslo geben ab sofort eine internationale Online-Fachzeitschrift zur Waldorfpädagogik heraus. Das Ziel des Journals „RoSE - Research on Steiner Education“ ist es, Grundlagenforschung und empirische Beiträge zur Waldorfpädagogik zu fördern. Das Journal wird im Peer-Review-Verfahren publiziert. Bei diesem in der Wissenschaft etablierten Verfahren entscheiden unabhängige Wissenschaftler und Experten über die Publikation der eingereichten Artikel.
Für die Herausgeber ist die kritisch-konstruktive Auseinandersetzung mit der Waldorfpädagogik von besonderem Interesse. Zielgruppe des zweimal pro Jahr erscheinenden Journals sind Wissenschaftler und Praxisforscher, die sich mit der Waldorfpädagogik und den durch sie angeregten Fachdiskussionen beschäftigen. Jede Ausgabe von RoSE enthält einen grundlagenwissenschaftlichen Teil mit Anknüpfungsmöglichkeiten an philosophische, psychologische oder soziologische Fragestellungen. In der Rubrik „Beiträge zur empirischen Forschung“ können Ergebnisse praxisrelevanter Studien vorgestellt werden. Das online für jeden zugängliche Journal umfasst Texte in Englisch und Deutsch.

Buchneuerscheinung: Der Weg des Lichts

10. Juni 2010

„Seit 1999 besitze ich die Gabe, medial sprechen und schreiben zu können. Es waren verschiedene allwissende geistige Wesenheiten, die mir dieses heilige Wissen anvertrauten und vermittelten. Seit geraumer Zeit sind es die Kräfte des Erzengels Raphael, die mich impulsieren, so dass ich überhaupt fähig war, dieses Buch schreiben zu können. Seit kurzem werde ich auch unterstützt von der kraftvollen, klärende, bewusstseinsbildenden Kraft des Erzengels Michael.“

Mit diesen Worten beschreibt die Autorin Waltraud Clara Jeiler-Heitmann, 1948 in Lübeck geboren, den Hintergrund der besonderen Inhalten, die sie jetzt in ihrem Buch „Der Weg des Lichts“ niedergelegt hat.

In dem ersten der Bücher, das auf eine ganze Reihe hin angelegt ist, geht es um die universelle Bedeutung des Lichts: Aus Mitteilungen höherer Intelligenzen ergibt sich ein differenziertes Bild der Wirkung des Lichts für Erde, Kosmos und Mensch. Kreisläufe des Lichts werden beschrieben, in denen kosmische und menschliche Prozesse innig verwoben sind. Außerdem finden sich Hinweise auf bestimmte Kraftorte der Erde, wichtige Zivilisationserscheinungen und Krankheitsbilder, die alle vom Standpunkt der Lichtwirkung aus betrachtet werden.

Die Art dieses Buches wird für unterschiedliche Reaktionen sorgen: während es heute viele Menschen gibt, für die mediale Durchgaben selbstverständliche Orientierungshilfen darstellen, werden andere solchen Mitteilungen gegenüber skeptisch bleiben. Wieder andere sehen in höheren Wesen metaphorische Perspektiven auf das eine, Mensch und Welt umfassende Bewusstsein. Die Grundbotschaft des Buches ist, unabhängig davon, ob man selbst an Engel “glaubt”, eine überaus positive Energie, eine Ermutigung für den Menschen, als Lichtwesen Verantwortung für sich selbst und die Erde zu übernehmen.

Waltraud Clara Jeiler-Heitmann: Der Weg des Lichts. Neues heiliges Wissen aus der Geistigen Welt über die Zusammenhänge des Lebens zu Beginn des Wassermannzeitalters.
Info3 Verlag, 2010, 332 Seiten, Euro 28,-

Über jede Buchhandlung oder hier bestellen.

Neue Schulen braucht die Welt

7. Juni 2010

Berliner Volksinitiative „Schule in Freiheit“ sammelt bis November 20000 Unterschriften

Von Astrid Hellmundt

„Die Entwicklung einer freien Gesellschaft fängt bei den Schulen an“, so Kurt Wilhelmi vom Berliner Büro der Bürgerinitiative OMNIBUS für Direkte Demokratie in Deutschland, deren zentrales Anliegen die Realisierung der Bedingungen zur Einführung der dreistufigen Volksabstimmung ist. Auf dem arbeits- und dornenreichen Weg dahin besinnt man sich derzeit in Berlin besonders auf das größte Kreativitätspotenzial jeder Gesellschaft – unsere Kinder, und damit auf ihre Entwicklungs- und Lernbedingungen. Ein Arbeitskreis bereitete inhaltlich und organisatorisch die Volksinitiative vor, sie startete am 18. Mai 2010 im Haus der Demokratie mit Pressekonferenz und Fototermin.

Nicht kleckern, sondern klotzen – nach diesem Motto geht es bei der Initiative nicht um irgendwelche Forderungen nach bildungspolitischer Detailkosmetik, sondern gleich ans große Ganze. Drei Grundsätze will man im Berliner Schulwesen etablieren: Alle Schulen sollen Inhalte und Qualitätsmaßstäbe ihrer Arbeit selbst bestimmen können, gleichberechtigt finanziert werden und organisatorisch selbstständig arbeiten können. Oder kurz und salopp die Bedingungen für Schule als zentralem Ort der Gesellschaft auf den alles entscheidenden Nenner gebracht: Staat raus, Geld rein. Der Ansatz der Dreigliederung des sozialen Organismus nach Rudolf Steiner wird deutlich, die Freiheitsfrage, die Frage nach dem Wesen des Geldes und damit untrennbar verbunden die Rechtsfrage sind immanent und bedürfen notwendigerweise einer völlig neuen Betrachtung. Insofern sprengt die Bedeutung dieser Berliner Volksinitiative den regionalen Rahmen und erhält einen global interessierenden Charakter. Wohl und Wehe jeder Gesellschaft und Zukunft hängen von richtigen Gedanken und Taten in der Richtung einer Schule in Freiheit ab.

Mit diesem Griff nach den Sternen durch die Organisation einer Volksinitiative soll das Thema in die öffentliche Diskussion gebracht werden. Das Berliner Abgeordnetenhaus muss sich nach Erreichen der geforderten Unterschriftenanzahl damit beschäftigen und die Initiative dort Rederecht erhalten. Ein Anfang ist das allemal, Weiteres wird sich finden.

Als kräftigen Anschub und zur Substanzbildung für das gerade angelaufene Unternehmen, quasi als Schule für die Schule, wurde am 28. und 29. Mai in Berlin eine Tagung mit dem Autor, Künstler und Beuys-Schüler Johannes Stüttgen veranstaltet: „Begriffe bilden – Schule begreifen“. Vortrag und Seminar widmeten sich der Zeitsituation und der Notwendigkeit der Gestaltung stimmiger Formen und Bewegungen einer neuen Gesellschaft. Als erste Voraussetzung müssen im Denken der Freiheitsbegriff und der Demokratiebegriff neu gefunden werden, das praktische Mittel könnte die Direkte Demokratie sein. Sie erfordert es, Verantwortung zu übernehmen, Risiken einzugehen, Fehler und deren Korrekturen zuzulassen. Sie ist damit ihrem Charakter nach eine Kunst, das Kunstwerk ist die Soziale Plastik – und freie Schule die Urzelle dieser Plastik.

Berliner Volksinitiative Schule in Freiheit www.schule-in-freiheit.de
OMNIBUS für Direkte Demokratie www.omnibus.org

Gesichter mit Zukunft

26. Mai 2010

Ein Themenband zum Thema „Zukunft geben“

Was haben ein Eurythmielehrer, eine Sängerin, ein Musiker und ein Unternehmer, die in diesem Buch auftreten, gemeinsam? Sie alle haben etwas zu geben. Und was sie geben, hat mit Zukunft zu tun.

Natürlich geht es dabei auch um Geld: um Schenkungen und Stiftungen. Vor allem aber geht es um Initiative: Konkrete Projekte wie die Sanierung eines verfallenen Gutes in Sachsen beispielsweise oder übergreifende Ansätze wie der Einsatz für eine Vermögensabgabe in Deutschland, die der selbst vermögende Dieter Lehmkuhl vorantreibt. Mit dabei sind auch Peter Piechotta von den Stockmar-Farben, die Sängerin Nena mit ihrer Schulgründung in Hamburg oder Maritta Stille, die mit der „Aktion Kulturland“ landwirtschaftliche Flächen für Zwecke der Landschaftspflege verfügbar macht. Oder der Umwelt-Pionier Georg Winter, der den Bundesdeutschen Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M.) ins Leben rief. Oder der Musiker Ludwig Güttler, einer der Initiatoren des Wiederaufbaus der Dresdner Frauenkirche. Neben einigen bundesdeutschen Größen rund um das Thema Stiften und Schenken (z. B. Rupert Graf Strachwitz) findet sich ein Artikel über Otto Scharmers „Theorie U“-Ansatz in der Freiwilligenarbeit und ein Beitrag von Coenraad van Houten über die Seminarmethode „Neues Erwachsenenlernen“. Die Sozialphilosophin Prof. Marianne Gronemeyer plädiert in ihrem Vorwort für eine „Zukunft“ als die „Möglichkeit des ganz anderen“.

Zu verdanken ist diese spannende thematische und menschliche Mischung dem umtriebigen Georg Pohl von der Gemeinnützigen Treuhandstelle Hamburg, der mit fast allen Beteiligten durch seine Arbeit in Verbindung steht. Pohl setzt außerdem mit gedanklichen Variationen rund um das Thema „Geben“ immer wieder poetische Scharnierpunkte für den Sammelband.

Der grafisch anspruchsvoll gestaltete Band wartet am Ende noch mit einem Extra auf: Vier Ziermarken des Hamburger Künstlers Martin Graf warten darauf, verschenkt zu werden.

Zukunft geben. 23 Skizzen zum Stiften. Herausgegeben von der Gemeinnützigen Treuhandstelle Hamburg. Info3 Verlag Frankfurt am Main 2010, 140 Seiten, kartoniert, € 24,-

Sternstunde für Steiner

13. Mai 2010

Anthroposophen freuen sich über wichtige Doppelausstellung in Wolfsburg

Von Jens Heisterkamp

Zum Thema Anthroposophie weiß man oft nicht viel mehr, als dass wohltuende Farben an Waldorfschulen und irgendwelche Kuhhörner in der Demeter-Landwirtschaft damit zu tun haben. Über Rudolf Steiner, zuletzt noch vom Spiegel als einer der „größten Irren der deutschen Kulturgeschichte“ tituliert, weiß man dagegen kaum etwas Genaueres und wollte es bislang auch wohl nicht so recht.

Dass diese Ausklammerung Steiners aus dem intellektuellen Diskurs künftig nicht mehr haltbar sein könnte, signalisiert die soeben eröffnete Doppelausstellung zu seinem Werk im Kunstmuseum Wolfsburg. Gleich zwei namhafte Institutionen, das ambitionierte Kunst-Raumschiff in der Autostadt und das Vitra-Design-Museum aus Weil, rücken den „Kosmos Steiner“ mit größter Selbstverständlichkeit in die Gegenwart. „Steiner wäre heute ein Star in den Talkshows und auf Diskussions-Podien“, erklärte dazu der Wolfsburger Museumschef Professor Markus Brüderlin bei der überfüllten Eröffnungs-Pressekonferenz. Und Mateo Kries, Leiter des beteiligten Vitra Design-Museums, ergänzte: „Welche andere Figur hat eine solche Spanne von der Goethezeit über Nietzsche, den beginnenden Expressionismus bis hin zur Postmoderne?“

Gewiss, auch in den zurückliegenden Jahren schon wurde Steiner immer wieder in Ausstellungen als Teil der künstlerischen Avantgarde gewürdigt. Seine Beuys-affinen Wandtafelzeichnungen waren in großen Häusern rund um die Welt zu sehen. Nun aber scheint sich eine neue Stufe der Auseinandersetzung zu öffnen: Denn beiden Ausstellungen geht es ausdrücklich um die philosophischen und gesellschaftlichen Dimensionen des Anthroposophie-Gründers. Erstaunt stellen etwa die Ausstellungsmacher fest, dass jener „Kosmos Steiner“ heute in bio-dynamischen Lebensmitteln, in Naturkosmetik oder ethischem Wirtschaften „längst omnipräsent ist“. Und fast zwangsläufig wird man neugierig, welche Ideen und welches Bewusstsein eigentlich hinter all dem steht: „Nachdem Neurologen beginnen, mit Buddhisten über Hirnforschung und Meditation zu diskutieren, scheint es an der Zeit zu fragen, was Steiners Erkenntnistheorie für die Wissenschaftstheorie und für alle daraus ableitbaren Forschungszweige leistet oder eben auch nicht leistet“, so Brüderlin.

Dabei hat er vor allem Steiners erweitertes Wirklichkeitsverständnis im Blick, das heute durch die Erkenntnisse der Neurologie und der Intuitionsforschung hoch aktuell sei. Und das Erstaunliche: Indem Nicht-Anthroposophen wie Brüderlin, Mateo Kries oder die Stuttgarter Museumsdirektorin Ulrike Groos solchen Fragen nachgehen, entstehen diesmal nicht die von Anhängern oft befürchteten Zerrbilder ihres großen Vorbilds, sondern kompetente Würdigungen und Aufschließungen seiner Impulse. Dies spiegelt sich vor allem in den Beiträgen der beiden hervorragenden Ausstellungs-Kataloge, deren Erscheinen allein schon Meilensteine in der Wirkungsgeschichte Steiners bedeuten.

Natürlich bedurfte es dazu auf anthroposophischer Seite auch offener Brückenbauer. Ganz vorn zu nennen ist hier der inzwischen zum Oxford-Professor avancierte Leiter des Dornacher Steiner Archivs Walter Kugler, der zusammen mit seinen KollegInnen – ähnlich wie zuvor schon bei anderen Ausstellungen – auch diesmal im Hintergrund beteiligt war. Insbesondere in der Schau des Design-Museums über Steiners „Alchemie des Alltags“ im Obergeschoss des Hauses ist seine Handschrift (etwa durch Raritäten wie einen Originalbrief Kafkas an Steiner) spürbar. Gleich zu Beginn des Rundgangs werden die BesucherInnen mit einer schreinartigen Installation der über 300 Bände umfassenden Gesamtausgabe konfrontiert, um dann in eine stimmungsvoll aufgebaute Gesamtschau seines Schaffens von der Gebrauchsgrafik über Architektur, Bewegungskunst bis hin zu Möbel- und Schmuckdesign einzutauchen.

Ganz anders das Konzept der Ausstellung „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“ im Erdgeschoss der Kunsthalle: Hier werden grundlegende Elemente nicht nur der Ästhetik Steiners, sondern seiner Weltsicht überhaupt in einen Werk-Dialog mit der Gegenwartskunst gebracht. Obwohl die beteiligten 17 Künstler mit Ausnahme von Joseph Beuys keinen direkten Bezug zur Anthroposophie haben, gelingt es mit diesem Kunstgriff, Steiner der Isolation in einem binnen-anthroposophischen Milieu zu entreißen. Die Frage nach der Wirklichkeit verbindet alle Objekte. Die riesige Farb-Flächenskulptur von Katharina Grosse zum Beispiel oder die kosmisch-geometrischen Formen von Olafur Eliasson könnten wie freie Variationen von Steiners oft mehr skizzenhaft gebliebenen Visionen gesehen werden. Die Italienerin Meris Angioletti setzt sich in ihren Werken auf eigene Weise mit übersinnlichen Phänomenen auseinander. Fast alle Beteiligte haben sich im Vorfeld der Ausstellung intensiver mit Steiners Schriften beschäftigt, wobei z.B. der Installationskünstler Manuel Graf besonders die sozialen Ideen Steiners hoch aktuell findet und sogar anregt, in wenigstens einer der vielen dm-Filialen einmal eine Alternative zur Bezahlung nach Stundenlohn auszuprobieren.

Fazit: So offen, so dialogisch, so konstruktiv und so kompetent war Steiner bisher kaum im öffentlichen Rahmen wahrzunehmen. Die Krisenstimmung der jüngsten Gegenwart und das Bedürfnis nach Alternativen habe einen Paradigmenwechsel auch im Blick auf Steiner zur Folge, war aus dem Umkreis des Wolfsburger Museums zu hören. „Wir wollen Steiner den Anthroposophen entreißen“, meinte Markus Brüderlin scherzhaft. Das schließlich wäre wohl die schönste Ironie der Geschichte: Dass Steiners Beiträge mit unbefangenem Blick erst außerhalb der binnen-anthroposophischen Szene erschlossen würden, professioneller und wirksamer, als dies aus einer Innenansicht heraus je geschehen könnte.

Informativer Kurzfilm zur Ausstellung vom TV-Sender NDR.

Zu beiden Ausstellungen ist ein eigener, jeweils hochwertig ausgestatteter Katalog erschienen.
Kunstmuseum Wolfsburg: Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart. Dumont Verlag, Euro 39,95.
Vitra Design Museum: Rudolf Steiner – Die Alchemie des Alltags. Mit Beiträgen von Mateo Kries, Walter Kugler, Julia Althaus, und Philip Ursprung, Euro 75,-.

Diese Bücher können Sie auch hier bestellen.

Die Ausstellung läuft bis einschließlich 3. Oktober und wird anschließend in Stuttgart zu sehen sein.

Karmakonsum - Wirtschaft von innen ändern

20. April 2010

Vor vier Jahren prägten die beiden Nachhaltigkeits-Enthusiasten Christoph Harrach und Noel Klein-Reesink den Begriff „Karmakonsum“. Gemeint ist mit dieser spirituellen Anspielung ein Konsumentenverhalten, das sich der Folgen wirtschaftlicher Prozesse bewusst ist. Kein Wunder, dass dies auch Unternehmen aus dem anthroposophischen Umfeld anspricht. Bei der diesjährigen Karmakonsum-Konferenz in Frankfurt am 25. und 26. Juni in Frankfurt sind daher die Bochumer GLS-Bank, die Triodos Bank, Wala und Voelkel-Säfte mit dabei. Die zentrale Frage lautet diesmal, wie Unternehmen von innen mehr „Empowerment“ entwickeln können. Info3 ist wieder als Medienpartner engagiert und sprach vorab mit den beiden Initiatoren über die Schwerpunkte des Kongresses.

Die Karmakonsum-Konferenzen waren bisher stark von der Aufbruchs-Euphorie bestimmt, durch bewussten Konsum Einfluss auf die Wirtschaft zu nehmen. Wie stellt sich das für Euch heute dar?

Christoph Harrach: Das gilt sicher auch weiterhin. Aber wir wissen auch, dass wir die Welt mit Alnatura, Hess Natur und Wala allein nicht retten können. Die Marktanteile sind einfach zu gering, selbst wenn dort weiterhin starke Wachstumszahlen zu verzeichnen sind. Anders sieht das aus, wenn große Unternehmen wie C&A oder Walmart ihren Nachhaltigkeitsanteil verdoppeln würden: dann haben wir es mit einem völlig anderen Volumen zu tun. Deshalb gehen wir in diesem Jahr vom Programm etwas vom Thema Verbrauchermacht weg und haben mehr im Fokus, wie sich durch Elemente der Organisationsentwicklung ganze Unternehmen anheben lassen. Das Thema „Sinnsuche“ und das Bedürfnis, ganzheitlich zu leben, werden ja auch innerhalb der Unternehmen immer wichtiger, weil nicht nur die Kunden, sondern auch die eigenen Mitarbeiter so denken.

Wie könnte so ein Einfluss auf große Firmen aussehen?

Noel Klein-Reesink: Wir werden auf der Konferenz auch über die Rolle von Unternehmen in der heutigen Zeit sprechen. Gerade große Konzerne werden sich in Zukunft stärker darauf einstellen müssen, dass auch ihre eigenen Mitarbeiter einen nachhaltigeren Lebensstil wollen. Der Friedensnobelpreisträger M. Yunus hat ja schon darauf hingewiesen, dass jedes große Unternehmen ein Abbild der Gesellschaft im Kleinen ist. Es geht darum, die „guten Zellen“ auch in den nicht-grünen Unternehmen stärker zu aktivieren. Die Zerrissenheit, selbst schon einen anderen Lebensstil zu wollen, aber im Unternehmen noch die „böse Rolle“ spielen zu müssen, werden die Menschen immer weniger ertragen, das betont auch der Führungskräfte-Coach Paul Kothes, den wir als Sprecher dabei haben werden. Die Sehnsucht der Mitarbeiter nach Integrität innerhalb der Unternehmen wächst und wird sicher Rückwirkungen auf diese haben. Der Drang zum Wandel wird also stärker aus den Unternehmen selbst kommen, nicht mehr nur im Blick auf den Markt oder durch Beratungsagenturen von außen aufgeprägt.

Entwickelt sich auch die Diskussion um den Begriff Nachhaltigkeit weiter?

Christoph Harrach: Auf jeden Fall. Wir wollen von dem verbreiteten Green-Glamour-Bild weg, wo es darum geht, einen schicken Toyota Prius zu fahren oder den Karibik-Urlaub durch Kompensation Co2-neutral zu halten, und mehr nach grundsätzlicheren Dingen fragen. Da geht es z.B. auch um Entschleunigung und Vereinfachung. Die ganze Slowfood-Bewegung gehört für uns zum Beispiel dazu oder das Thema „maßvoll Wirtschaften“, zu dem Andreas Neukirch von der GLS-Bank sprechen wird. Ingesamt wird die Frage nach dem neuen Spirit mehr in den Vordergrund rücken.

Was erwartet die Teilnehmer beim Ablauf der Konferenz?

Christoph Harrach: Es wird auf keinen Fall einer dieser üblichen Kongresse, sondern es wird auch ein Öko-Kabaret geben, außerdem ein breites Marktforum mit Ständen verschiedenster Unternehmen und Projekte. Und am Ende erwartet die Teilnehmer noch ein besonderes Highlight: Der Sänger Thomas D., der selbst sehr authentisch nachhaltig lebt und dafür wirbt, wird am Abend den Karmakonsum Gründerpreis überreichen.

Programm, Preise Anmeldung hier.

Alanus-Studenten wehren sich gegen Elite-Vorwurf

15. April 2010

(Medienstelle Anthroposophie) Ein tendenziöser Artikel in der taz sorgt für Unmut unter den BWL-Studenten der privaten Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Die Fachschaft hat reagiert und fordert eine Richtigstellung.

Unter dem Titel „Elite-Kids auf dem Esoteriktrip?“ erschien in der Druckausgabe der taz am Osterwochenende (3./4./5. April 2010) ein Artikel von Denny Carl über den BWL-Studiengang „Wirtschaft Neu Denken“ an der anthroposophischen Hochschule. Er vermittelt den Eindruck, das Studium sei eine Art Spielwiese für verwöhnte Wohlstands-Kinder: „Ganzheitliche BWL lehrt die private Alanus Hochschule in Alfter. Die Eintrittskarte zur sozialen Marktwirtschaft mit anthroposophischem Mehrwert kann sich allerdings nicht jeder leisten.“ Zwar werden die alternativen Studien-Angebote differenziert dargestellt und auch Professor Lars Petersen, der Leiter des Fachbereichs, sowie verschiedene Studenten zitiert, die sich zu den für sie positiven Aspekten des Studiums wie etwa den interdisziplinären Austausch, Praxisbezug durch ausgedehnte Praktika oder künstlerische Aktivitäten äußern. Dennoch zieht sich der Vorwurf des Elitären durch den Text: „Wer vorher bereits auf einer Waldorfschule war, der wird wohl wissen, dass Ganzheitlichkeit oft auch das ganze Portemonnaie fordert.“

Die Studenten der „Waldorf-Uni“ (taz) haben prompt reagiert. In einem Schreiben an die taz setzte sich Sarah Deutschmann, Fachschaftssprecherin im Bereich Wirtschaftswissenschaften, zur Wehr und drückte ihre Verärgerung über die einseitige Darstellung aus. „Eine reißerische Überschrift auf Bildzeitungs-Niveau sowie ein oberflächlich recherchierter Artikel und eine vorurteilsbelastete Bildunterschrift machten die altmodische Auffassung gegenüber privaten Universitäten deutlich.“ Den Vorwurf, das Studium eigne sich vor allem für Studenten aus wohlhabenden Elternhäusern, wies sie scharf zurück und forderte eine Richtigstellung: „Mit Ihrer Überschrift haben sie viele meiner Kommilitonen/-innen (mich eingeschlossen) beleidigt, die sich das Studium, ohne eines der zahlreichen Vollstipendien unserer Praxispartner, nicht leisten könnten.“

In einer der Medienstelle vorliegenden Stellungnahme distanziert sich Denny Carl, der Autor des Artikels, gegenüber den Studenten „ausdrücklich“ von der vom zuständigen Redakteur gewählten Überschrift, die er als „niveaulos“ und zur Intention seines Artikels „unpassend“ empfinde und bezeichnet darüber hinaus einzelne Passagen der redigierten Schlussfassung in der Druckausgabe als „inakzeptabel“. Er selbst habe im Gegenteil während seiner Recherchen „den Eindruck gewonnen, dass die Alanus-Hochschule mit dem BWL-Studiengang ein sehr interessantes, zeitgemäßes Studium anbietet, das auch Antworten auf die damit verbundenen hohen Studiengebühren gibt.“
Als Begründung für die offenbar verfremdende Bearbeitung des ursprünglichen Artikels führt Carl die Tatsache an, dass das Thema „Anthroposophie“ in der taz „durch eine sehr kritische Leserschaft begleitet“ werde, sowohl von Seiten der „Steiner-Befürworter als auch Gegner“, weshalb „der redaktionell Verantwortliche um eine Balance zwischen Kritik und positiver Darstellung sehr bemüht sein muss. Das dies nicht immer gelingt, liegt in der Natur der Sache.“

Zwei Seelen für die Anthroposophie

7. April 2010

Kritisch, dialogisch und dabei noch unterhaltsam geht ein überzeugter Anthroposoph mit Rudolf Steiner und sich selbst ins Gericht. Das neue Buch von Taja Gut ist ein wichtiges Signal an die Szene, dass sich kritische Eigenständigkeit gegenüber Steiner und Leidenschaft für die Anthroposophie nicht ausschließen müssen.

Von Jens Heisterkamp

„Die Anthroposophie der Gegenwart leidet an einem ungesunden Steiner-Glauben“ – ein harter Satz. Und nur einer unter vielen ähnlichen aus einem neuen Buch zum Thema Anthroposophie. Der Autor: Eine neue Kritiker-Stimme, wieder mal einer, der sich „nicht richtig mit Steiner auseinandergesetzt“ hat, ein „Gegner“ gar oder ein „Verwässerer“ der Anthroposophie?

All das lässt sich vom Autor des neuen Buches Wie hast du’s mit der Anthroposophie? schwerlich sagen. Denn Taja Gut zählt seit Jahrzehnten zu den profunden Kennern von Steiners Werk, er ist Mitarbeiter im Rudolf Steiner-Verlag in Dornach und hat in diesem Rahmen bereits etliche Vorträge Steiners editiert. Sein Büchlein „Aller Geistesprozess ist ein Befreiungsprozess“ über den Menschen Rudolf Steiner, das vor einigen Jahren erschien, ist eine einzige Liebeserklärung an den Gründer der Anthroposophie. Und doch sind bei Taja Gut auch bedrängende Fragen aufgetreten in all den Jahren der Auseinandersetzung. Spät, aber nicht zu spät hat er sie jetzt in einem bemerkenswerten Buch zur Sprache kommen lassen.

Es sind Fragen, die manche Charakterzüge Steiners, schwer Nachvollziehbares in seiner Biographie oder auch seine Inszenierung als „Guru“ der Anthroposophenschaft betreffen. Einer der Eigenarten, an denen Taja Gut immer wieder Anstoß nimmt: Steiners Neigung zum Apodiktischen in der Argumentation und sein „unsäglicher Hang zum Absoluten“. Jede LeserIn Steiners kennt sie zur Genüge diese “Stellen”, wo wir überzeugt werden sollen, die Antworten auf sämtliche Lebensfragen seien nur und ausschließlich in der Anthroposophie zu finden - und nirgends sonst, falls man es immer noch nicht verstanden haben sollte. Originalton Taja Gut: „Egal ob Feldweg oder Autobahn: Er (Steiner) fährt unbeirrbar mit Bleifuß, auch wo er sich selbst als Geisterfahrer entgegenkommt.“ Auch Steiners wenig ausgebildete Neigung, widersprüchlich Wirkendes in seinem Werk aufzulösen oder inhaltliche Positionsverschiebungen – wie im Falle Nietzsches – später auch einzuräumen, ist dem Kenner nicht verborgen geblieben. Auf der anderen Seite immer wieder sein tiefster Respekt vor einem überragenden Lebenswerk und nicht zuletzt der persönliche Dank Steiner gegenüber, bei der eigenen Sinnsuche entscheidenste Anstöße gegeben zu haben.

Beide Seelen in seiner Brust: den überzeugten Anthroposophen und den leidenschaftlichen, kritischen Wahrheitssucher, lässt Taja Gut in seinem Buch zu Wort kommen, und zwar in Form eines Dialogs, der sich zwischen den hin- und hergerissenen „Stimmen“ innerhalb des Autors abspielt. Hin und her geht deshalb auch der lebendige Diskurs, und was dabei der „Kritiker“ dem „Anthroposophen“ vorhält, sind beileibe keine nur rhetorisch gemeinten Fragen, die dann nach bekanntem Muster „geklärt“ würden. Ein Beispiel: Frage: „Und Steiners Einzigartigkeit?“ – Antwort: „In den Augen seiner Anhänger ist jeder beliebige Sektenführer einzigartig“. Das sitzt!

Auf scharfe Kritik stoßen auch Bemerkungen Steiners gegenüber dem Judentum, dem dieser in einem frühen Aufsatz die Existenzberechtigung innerhalb des modernen Lebens rundum absprach: „In solchen Äußerungen fällt Steiner weit hinter sich zurück“, so Taja Gut, und legt im Blick auf die sogenannten „Arbeitervorträge“ Steiners vor den Handwerkern des ersten Goetheanum-Baus mit ähnlichem Inhalt noch ein’s drauf: „… sie sind mir in der burschikosen Art, mit der er auf alle erdenklichen Fragen vor ihnen Antworten aus dem Hut zaubert, nicht geheuer…. Sie haben etwas Anbiederndes, bis in den Tonfall hinein.“ Ebenfalls beeindruckend: Taja Gut kritisiert, obwohl selbst der Institution nahestehend, Teile der Editionspraxis der Steiner-Nachlassverwaltung, die in der Vergangenheit etwa persönliche Anreden Steiners an seine Frau Marie („Mein Liebling!“) zugunsten einer vermeintliche objektiveren Wirkung wegretuschierte. Ebenso bezweifelt Gut ob es richtig war, Steines Anweisung zu folgen und in frühen Büchern und Vorträgen das Wort „Theosophie“ pauschal durch „Anthroposophie“ zu ersetzen – und dadurch einer „Theosophisierung“ der Anthroposophie Vorschub geleistet zu haben. Dann aber wird immer wieder auch tiefste Sympathie, Verständnis, ja Mitgefühl für Steiner spürbar, dessen Leben und Nachleben von soviel Missverständnissen und Hindernissen gezeichnet war und ist, dass ihn Taja Gut einmal als „einen der wirkungsmächtigsten Parias der Geschichte“ bezeichnet.

Taja Gut ist - auch wörtlich literarisch gesehen - das Kunststück gelungen, ein kritisches Buch über Steiner zu schreiben, das doch an keiner Stelle nörgelnd-überheblich wirkt und in der Konsequenz eher dazu anregt, sich selbst mehr mit Steiner zu beschäftigen, nicht weniger. Kontrapunktisch, ja zwiespältig aufgebaut von der Form her, ergibt sich aus ihm dennoch ein konstruktives Ganzes: Nicht ein „Bekenntnis“ zur Anthroposophie freilich, sondern dazu, auch in der leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit ihr dem eigenen Wahrheitsstreben verpflichtet zu bleiben, und das ist mehr.

Taja Gut: Wie hast du’s mit der Anthroposophie? Eine Selbstbefragung. Pforte Verlag, Dornach, 160 Seiten, Euro 17,-

Traditionsreiches Emerson College muss schließen

22. Februar 2010

Das Emerson College in England, eine der traditionsreichsten anthroposophischen Bildungsstätten, muss zum Jahresende 2010 schließen. In einer Mitteilung des Verwaltungsrats der Einrichtung heißt es, dieser schwere Schritt sei angesichts der ungesicherten Finanzierung der Einrichtung nicht zu vermeiden. In der Mitteilung ist von 80.000 Pfund Unterdeckung im Monat die Rede. Ursache dieser Entwicklung seien anhaltend zu geringe Studentenzahlen, eine Änderung dieser Situation sei nicht in Sicht.
Das in den 60er Jahren gegründete und im idyllischen Sussex gelegene Emerson College war ein international geschätztes Bildungszentrum, das von Studierenden aus aller Welt zum Kennenlernen und zur Vertiefung der Anthroposophie besucht wurde. Schon 2007 war die Einrichtung durch eine größere Krise gegangen.
Der kurzfristig aufgekommene Plan, das College mit Hilfe der Anthroposophischen Gesellschaft in Großbritannien zu sanieren sei nicht weiter verfolgt worden, weil es kein aussichtsreiches Konzept für das College gebe. Mit dem Verkauf von Gebäuden und Grundstück sollen nun wenigstens die Kreditgeber bedient werden.

Zwischen Himmel und Erde – Anthroposophie im Film

4. Februar 2010

Der neue Dokumentationsfilm des Schweizer Regisseurs Christian Labhart will vor allem Fragen wecken. In der Schweiz ist der Film schon in den Kinos, in Deutschland läuft er ab März.

Von Laura Krautkrämer

Ein Mann in wallenden Schleiern bewegt sich dynamisch zu Musik durch einen Raum. Eine Lehrerin schaut durchs Fenster in den Schulhof, wartet auf die Ankunft der ersten Schüler. Ein Bauer geht am frühen Morgen über sein Feld, ganz still und versunken … „Was bedeutet Anthroposophie für Sie?“ – Auf diese Frage kann man von verschiedenen Menschen ganz unterschiedliche Antworten erhalten, höchst individuell sind die Möglichkeiten, sich dem Thema zu nähern. Mit eben dieser Frage eröffnet Christian Labhart seinen neuen Dokumentarfilm Zwischen Himmel und Erde – Anthroposophie heute, genauer gesagt: mit tastenden Antworten darauf, denn man hört keine Frage aus dem Off.
Wie in einem Kaleidoskop fächert Labhart die Positionen von sieben Protagonisten auf und diesem Gestaltungsprinzip bleibt er auch in den folgenden rund 80 Minuten treu. Gezeigt werden Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenszusammenhängen, sie alle sind oder waren mit der Anthroposophie verbunden, fünf von ihnen waren überdies Waldorfschüler. Labhart und sein Kameramann Otmar Schmid machen eine Reise durch die Schweiz, durch Deutschland und nach Ägypten, sie zeigen eindrucksvolle Landschaftsbilder und überzeugende Persönlichkeiten, die mit starkem Bewusstsein ihren Platz im Leben einnehmen.

Keine Projekte, sondern Menschen
„Es war mir wichtig, keine Projekte zu zeigen, sondern Menschen“, betont Labhart. Die Auswahl der Porträtierten war das Resultat von etwa einem Jahr Recherchearbeit, in dem der Regisseur herumgereist ist, etwa dreißig Institutionen besucht und sehr viele Menschen kennengelernt hat. „Entscheidend für die Auswahl war es, Menschen zu finden, die authentisch sich selbst darstellen können und wollen“, erklärt er. „Die Ausstrahlung der Personen, ihre Überzeugung muss im Film spürbar werden.“

Diesem Anspruch wird der Film gerecht, auch das Spektrum ist interessant. Da ist Susanne Wende, eine engagierte Waldorflehrerin in Kreuzlingen, die mit ihrer Klasse eine mehrtägige Alpenwanderung plant. Bodo von Plato, Vorstand des Dornacher Goetheanums, nimmt souverän und eloquent Stellung zu kritischen Fragen: „Die Gefahr des Sektiererischen haftet dem Anthroposophischen genau so an wie die Gefahr des Dogmatischen. Dass man bestimmte Auffassungen als Wahrheit erklärt und die dem Diskurs nicht mehr zur Verfügung stehen.“

Einer der Porträtierten ist info3-Redakteur Sebastian Gronbach, und seine Rolle ist ganz klar die des „Jungen Wilden“. Labhart zeigt ihn auf dem Weg zum Rave, beim Boxen, am Computerbildschirm, aber auch während der Meditation. „Anthroposophen versuchen oft, alles Böse zu vermeiden. Darum geht es grundsätzlich nicht. Es war immer Steiners Ding, nicht das Böse wegzuschieben, sondern das Böse anzuschauen und damit umzugehen.“ Gronbach, wie wir ihn kennen und lieben.

Der Eurythmist Christoph Graf wird während seiner Arbeit auf der Sekem-Farm in Ägypten gezeigt, Claudine Nierth, Politaktivistin auf Sylt, setzt sich ans Steuer ihres „Omnibus für direkte Demokratie“: „Wenn ich es mit der Idee der Anthroposophie wirklich ernst meine, muss ich es auch ernst machen, muss ich gesellschaftspolitisch an den Menschen ran“, betont sie. Man sieht den bio-dynamisch arbeitenden Bauern Martin Ott bei seiner Arbeit im Stall, er spricht über Rudolf Steiners Anregungen für den respektvollen Umgang mit der Erde, mit Pflanzen und Tieren und über seine eigene Vision der Zusammenführung von Landwirtschaft und Pädagogik auf Gut Rheinau.

Sehr behutsam nähert sich die Kamera den porträtierten Menschen, es gibt geradezu intime Szenen, etwa während der Hüttentour, die Susanne Wende mit ihren Schülern unternimmt. Die körperliche Grenzerfahrung der Schüler und lediglich angedeutete Frustrationen finden eine berührende Auflösung in der zärtlichen Berührung Wendes durch eine Schülerin, die im Bett liegend ihre Hand umschlingt.

Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ablehnung
Christian Labharts letzter Dokumentarfilm Zum Abschied Mozart (2006) hatte ein Chorprojekt an der Steinerschule Wetzikon begleitet, die auch seine eigenen Kinder besucht haben. „Es hat mich überzeugt, dass die Kinder dort ihren eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten entsprechend gefördert werden und nicht aufgrund irgendwelcher äußerer Ansprüche oder wirtschaftlicher Interessen“, fasst er seine positiven Erfahrungen zusammen. „Die Auseinandersetzung mit der Anthroposophie war für mich sehr bereichernd und spannend, führte aber auch immer wieder zu Fragen.“

Er selbst empfindet eine „Ambivalenz zwischen Bewunderung und Ablehnung“, die auch im Film spürbar ist, am deutlichsten sicherlich in der Person des Sängers Christoph Hombergers, der während seiner Arbeit mit dem renommierten Musiktheater-Regisseur Christoph Marthaler in Maria Sils gezeigt wird. Seine Aussagen zeigen ihn hin- und hergerissen zwischen Faszination und Zurückweisung, eine immer noch tief sitzende Verletztheit aufgrund persönlicher negativer Erfahrungen ist spürbar. Dennoch bleibt seine Kritik recht vage, richtet sich eher allgemein gegen Dogmatismus und Vergangenheitsfixierung in der Szene sowie fehlende „Ecken und Kanten“ in der anthroposophischen Kunstauffassung.

Wesentlich für den Charakter des Films ist Labharts grundsätzliche Prämisse, auf Kommentare zu verzichten. „Es ist für mich geradezu Ehrensache, dass meine Filme keine Kommentare haben. Das ist der große Unterschied zu TV-Produktionen, die zugemüllt werden mit Kommentaren“, betont er. „Ich denke, bei meinem Film muss der Zuschauer wirklich selbst etwas tun, er muss beobachten, hat vielleicht manchmal auch Fragen, die nicht beantwortet werden. Ich bin nicht bereit, dem Zuschauer alles auf dem Tablett zu servieren, sondern er muss selbst eine gewisse Anstrengung leisten. So kommt er vielleicht zu weiteren Fragen, nicht unbedingt zu Antworten.“

Herausgekommen ist ein wohltuend undidaktischer Film, der keinerlei Belehrung versucht, sondern sich ganz aufs Zeigen beschränkt. Dabei zeigt er viele eindrückliche Bilder, allerdings auch eine Vielzahl von Aussagen. Sehr viele Themen werden angerissen – vielleicht wäre weniger mehr gewesen, zumal sich auch mitunter dramaturgische Längen ergeben. Menschen, die ohne Vorwissen in den Film kommen, werden kaum in der Lage sein, die jeweiligen Aussagen einzuordnen. Vielleicht werden sie aber doch neugierig, sich später selbst weiter zu informieren. Das wäre ganz im Sinne des Regisseurs, der mit seinem Film auch Leute ansprechen will, die lediglich „schon mal von der Anthroposophie gehört haben“ oder auch einfach allgemein spirituell interessiert sind.

Auch für diejenigen, denen die Anthroposophie vertraut ist, hält der Film Gesprächsstoff bereit. „Natürlich hoffe ich, dass der Film von anthroposophischer Seite beachtet wird, und mein Ziel wäre erreicht, wenn er Diskussionen auslöst. Ich finde es sehr wichtig, dass in der anthroposophischen Szene die Diskussionskultur mehr gepflegt wird, dass man auch verschiedene Meinungen und Ansätze zu einem Thema stehen lassen kann.“

Nach dem Film ist vor dem Film – natürlich hat Christian Labhart schon Pläne für ein neues Filmprojekt. Zwei sehr unterschiedliche Themen beschäftigen ihn derzeit, eines davon könnte Inhalt seiner nächsten Arbeit werden, die dann zur Abwechslung mal wieder den anthroposophischen Bereich verließe: Einmal der Maler Giovanni Segantini, Vertreter des realistischen Symbolismus, dessen spannungsreiche Biographie voller Brüche sicherlich satten Filmstoff hergäbe, zum anderen der sogenannte „Schwarze Block“. Labhart würde sich zu gerne intensiver mit Menschen aus der autonomen Szene beschäftigen, ihren Beweggründen und Idealen auf den Grund gehen. So verschieden die Themen, kann man doch erahnen, dass den Filmemacher Labhart ein zutiefst idealistischer Impuls antreibt, ein großes Interesse für soziale Fragen. Dass er seine kreative Energie in den vergangenen beiden Jahren der anthroposophischen Bewegung zugewendet hat, ist für diese sicherlich ein Gewinn.

Zwischen Himmel und Erde – Anthroposophie heute
Buch und Regie: Christian Labhart, Schweiz 2009
Kinostart: 4.2.2010 (CH) bzw. 4.3.2010 (D)
Aufführungsorte und Termine

www.zwischenhimmelunderde.ch