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Berichte aus der Gegenwart

Leitmotiv „Zertrümmerung“ - Ravagli gegen Zander

Vor geraumer Zeit sorgte der Historiker Helmut Zander mit seinem kritischen Blick auf das Werk Steiners für erhebliche Irritationen im anthroposophischen Lager. Jetzt hat Lorenzo Ravagli mit seiner Polemik auf Zanders Erzählungen eine Antwort versucht. Die folgende Kritik seines Buches erschien in der Septemberausgabe von info3 - Anthroposophie im Dialog.

Von Ansgar Martins

Dass sein Werk Anthroposophie in Deutschland AnthroposophInnen Schwierigkeiten bereiten würde, war Helmut Zander anscheinend schon während der Zeit der Niederschrift bewusst. In einem eigenen Nachwort formulierte er seinen „Wunsch“, „dass Anthroposophen und Anthroposophinnen diese Arbeit nicht als Schwert des Scharfrichters, sondern als wissenschaftliche Analyse lesen.“ Er sei sich bewusst, dass seine „historische Kontextualisierung“ von vielen als „Ignoranz gegenüber den geistigen und praktischen Impulsen Steiners“ missverstanden würde. „Aber“, so Zander, er sei trotzdem „der Meinung, dass man Steiners Grenzen und eben auch Leistungen nur im gesellschaftlichen Kontext versteht.“ Dahinter stehe seine Überzeugung, „dass man historisch-kritisch Forschung nicht gegen spirituelle Weisheit ausspielen darf.“ Aber Zander weiß auch: „Wer im intellektuellen Diskurs westlicher Gesellschaften ernstgenommen werden will, muss sich dieser radikal kritischen – und das heißt im Wortsinn weiterhin: prüfenden – Analyse stellen.“ (S. 1719)

Zanders Oeuvre stellt umfassend Gesellschaft und Weltanschauung im 19. und frühen 20. Jahrhundert dar, beschreibt Vereins- und Sozialstruktur der Theosophischen Gesellschaften, zeitnahe Reformbestrebungen in Kunst und Religion, Pädagogik, Landwirtschaft oder Medizin. Innerhalb dieser heute oft kaum mehr bekannten Kontexte schildert Zander Rudolf Steiner, der hier mit „kreativer Intelligenz“ und „mutigen Brüchen“ den anthroposophischen Weltanschauungskosmos ausformte. Zander betont trotz dieser kontextualisierenden Textkritik und kritischen Quellensuche, dass „über den theologischen Stellenwert“ von Steiners „Deutungstheorien, die sich anderer Methoden als der historisch-kritischen bedienen, … damit kein Urteil gefällt“ sei, vielmehr sei Respekt vor dem „forum internum“ von Steiners „persönlicher Spiritualität“ geboten (S. 855). Bei allem Verständnis bringt er aber auch dessen antidemokratischen und autoritären Töne, seine Verleugnung und „Verdrängung seiner theosophischen Initiationsphase“ und die deterministischen Konsequenzen seiner Äußerungen über „Rassen“ mit Deutlichkeit zur Sprache.

Nicht erst hier brodelte es im mutmaßlich so „freien Geistesleben“ der anthroposophischen Szene gewaltig. Schon der Versuch, Steiner vor dem Hintergrund seiner Zeit zu sehen, stieß bei vielen wortgläubigen AnthroposophInnen auf heftigste Anfeindungen, ja: scheinbar auf Rachsucht.

Deutungshoheit durch Doppelgänger
In diesem Kontext ist auch die kürzlich erschienene Publikation Zanders Erzählungen des Erziehungskunst-Journalisten Lorenzo Ravagli zu verstehen. Ravagli stellt seinen LeserInnen schon auf dem Klappentext Zanders Arbeit als den Versuch einer „Zertrümmerung“ vor, dem durch „Zertrümmerung des Zertrümmerers“ begegnet werden müsse – im Fortgang des Buches bekommen wir dafür viele farbenfrohe Synonyme zu hören, da soll Zander wahlweise „entkräftet“, „dekonstruiert“, „revidiert“, „disqualifiziert“ oder „negiert“ werden. Dessen Versuch einer Kontextualisierung Steiners, weiß Ravagli zu berichten, sei in Wahrheit der Versuch, „Heiliges“ zu zerstören. „Anthroposophisch ausgedrückt“, ginge es darum, „statt den Engel das Tier im Menschen zu sehen, statt das höhere Ich den Doppelgänger…“. (S. 45) Schon beim ersten Vergleich beider Werke stellt sich die Frage, was um Himmels willen Ravagli offenbar in so rasende Wut versetzt hat. Dass Zander auf die „Grenzen“ seiner Arbeit hinwies, nur eine „Zwischensumme“ vorlegen und damit „weitere Untersuchungen“ anregen wollte, ist ihm anscheinend auch nicht recht: „In Wahrheit“, versichert er, melde Zander „einen Anspruch auf Deutungshoheit über die Anthroposophie im akademischen Raum an, der kaum mehr zu überbieten ist“ (S. 26). Dagegen präsentiert Ravagli seine Vorgehensweise bescheiden: „Unsere Auseinandersetzung vermeidet peinlich jegliche Form von Polemik, so sehr Zanders Schreib- und Denk[?]stil eine solche auch provozieren mag. Nüchtern und sachlich bewegen wir uns an seiner Untersuchung entlang…“ (S. 18). Angesichts der bereits zitierten Polemiken hat diese Äußerung allenfalls kabarettistischen Wert.
Wie nach diesem Missverständnis von Zanders Arbeit fast zu erwarten, gestaltet sich auch der Rest von Ravaglis Schrift: Wo Zander Texte vergleicht und auf Quellen Steiners hinweist, karikiert Ravagli bloß deren Unterschiede, wo Zander ungenau arbeitet, behauptet Ravagli, dass er, „wo er keine Quellen findet, einfach welche erfindet“, wo die Quellen fundiert sind, kontert Ravagli okkult und unterstellt spirituelles Unvermögen.

Dass eine umfangreiche Pionierarbeit wie die von Zander in einzelnen Details auch Fehler und Irrtümer enthält, ist weder verwunderlich noch als böswillige Absicht zu bezeichnen. Vielleicht ist auch sein häufiger Verweis auf die Querelen und Machtrangeleien im theosophischen Umfeld einseitig. Eigentlich hätten aber gerade AnthroposophInnen längst auf solche Patzer hinweisen und sich in fairer Weise auch an der historisch-kritischen Diskussion beteiligen können und sollen.(1) Ravagli aber arbeitet Zanders Fehler mit anmaßender Selbstgerechtigkeit ab. Er kritisiert dabei Einzelnes durchaus zurecht, wirft aber das meiste schlicht durcheinander. Bald mutiert selbst Steiners Rassentheorie zum Egalitarismus: Deren evolutionär hierarchisierte Auswüchse über „heruntergekommene“ „Rassen“ mit „verkommenem Innenleben“, das sich nicht mehr „von innen heraus“ „umbilden“ könne, werden zu harmlosen Schilderungen über „Metamorphosen der Lebenskraft“ (S. 277) und deren „unterschiedliche Ausprägungen“ (v)erklärt. Da erscheint dann auch bald die Frage dringlich, „ob nicht vielmehr Zander als ‚Rassist‘ bezeichnet werden müsste.“ (S. 291)

„Gemeinheit im Kostüm der Tugend“
Manchmal verschlägt es einem schlicht die Sprache. Meist dann, wenn Ravagli sich ohne jede Vorwarnung wieder über Zanders weltanschauliches Neutralitätspostulat echauffiert, das für ihn ja der Versuch einer Zerstörung von „Heiligem“ ist: „Es ist das Unheilige hinter der Fassade des Heiligen, das Triviale unter der Maske des Extraordinären, die Gemeinheit im Kostüm der Tugend – die mediokre, doch auf ihre Weise wieder geniale Existenz eines Hochstaplers, Lügners, Betrügers, der sich selbst betrog und durch diesen Selbstbetrug, an den er glaubte, zum frommen Betrüger der vielen wurde… Hier gibt es nichts Heiliges … nichts Bleibendes, das aus der Zerstörung hervorgeht, als die Einsicht in die Nichtigkeit eines fehlgeleiteten Bedürfnisses nach höherem Trost…“ (S. 431) Hier stand einem Autor offensichtlich Schaum vor dem Mund.

Auch für das Thema relevante Literatur wird ignoriert – etwa in der Untersuchung von Zanders nicht unbegründeter These, dass Steiner seine Biographie nachträglich mystifiziert hat und seine Abspaltung von der Theosophischen Gesellschaft von einer auf beiden Seiten polemischen und teils unfairen Debatte begleitet wurde. Während auf ersteren Umstand auch anthroposophische Autoren bereits hingewiesen haben(2), werden beide auch durch Dokumente und Briefe aus dem Nachlass des Theosophen Wilhelm Hübbe-Schleiden belegt(3), deren Wahrheitsgehalt in einer fairen Debatte mindestens ebenso zu bewerten ist wie der der Briefe Steiners in seiner Gesamtausgabe. Ravagli erwähnt all diese Belege gar nicht, sondern vergnügt sich damit, in immer neuen Formeln Zanders angebliche Zertrümmerungsabsicht zu beschwören. Ravagli träfe hier selbst ein Kritikpunkt, den Zander an seinen früheren Publikationen festmachte: „Ich möchte diese Anstrengungen nicht mit leichter Hand abwerten, aber in wissenschaftlicher Perspektive befriedigen diese … Ausführungen nicht. … Kontexte werden vor allem dann benannt, wenn die Hoffnung besteht, dass sie Steiner entlasten.“ (Zander, S. 624) (4) Auch dieses Buch Ravaglis spricht nur Abschnitte (Ravagli nennt diese die „Basisthesen“) von Zanders Arbeit an – überdies nur aus dem ersten Teil des Buches. Weitere Arbeit hält Ravagli aber nicht für nötig, da – quasi nach vollbrachter „Zertrümmerung“ – „das gesamte Gebäude der auf ihnen fußenden Schlussfolgerungen in sich zusammen“ stürze (S. 18).

Zanders Analysen im zweiten Teil seiner Arbeit fußen aber auf jeweils eigenen Quellen, Zusammenhängen und Sachverhalten, so dass auch diese Ansicht unseres Zertrümmererzertrümmerers keinen Sinn macht. Bedauerlich ist ferner die Tatsache, dass Walter Kugler von der Steiner-Nachlassverwaltung, inzwischen Professor an der Oxford Brookes University, in einem eigenen Vorwort der Zander-Deutung Ravaglis zustimmt und in die bloße Benennung von Kontexten „Misstrauen“ und Feindschaft gegen die Anthroposophie projiziert.

Die Existenz des Bahnhofs
Zanders Erzählungen lesen sich wie eine Kampfansage: Die „Wahrheit“ (Steiner) „negiere“ den „Irrtum“ – oder im negativen Fall eben umgekehrt, heißt es einleitend unter Berufung auf Hegels Dualismus von These und Antithese (S. 17). In der Einseitigkeit dieses Ansatzes liegt auch seine Tragik: Hegel spricht nämlich auch von der „Synthese“, die die vermeintlichen Gegensätze überhöhend integriert. Anthroposophische „Binnen-“ wie wissenschaftliche „Außenperspektive“ könnten hier nebeneinander stehen, ja, vielleicht könnte Zanders Opus zu bewusster, (selbst-)kritischer Reflexion und Neuausrichtung einer modernen Anthroposophie führen : Eine pluralistische Anthroposophie, die integriert, statt zu dämonisieren, die offen am gesellschaftlichen Leben teilnimmt, nicht als Sub- oder Alternativkultur. Eine solche Anthroposophie sollte nicht das Anliegen von sympathisierenden ForscherInnen wie Zander bleiben, sondern primäres Interesse von AnthroposophInnen selbst sein! Der Zug ist noch nicht abgefahren – noch nicht. Solange allerdings die Wortführer der gegenwärtigen Anthroposophie selbst den geneigtesten KritikerInnen noch durch „Zertrümmerung“ zu begegnen gedenken, scheint sich nicht einmal das Wissen von der Existenz des entsprechenden Bahnhofs verbreitet zu haben.

Ansgar Martins, Jahrgang 1991, besucht die Freie Waldorfschule in Mainz und setzt sich in seinem Blog konstruktiv-kritisch mit Anthroposophie und Waldorfpädagogik auseinander.

Anmerkungen
1. Zander selbst verweist in diesem Zusammenhang stets anerkennend auf die Publikation Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus des Steiner-Archivars Uwe Werner
2. So Felix Hau: Rudolf Steiner integral, info3 05/05
3. Herausgegeben von Norbert Klatt: Theosophie und Anthroposophie. Neue Aspekte zu ihrer Geschichte aus dem Nachlass von Wilhelm Hübbe-Schleiden (1846–1916) mit einer Auswahl von 81 Briefen, Göttingen 1993
4. Siehe auch meinen Artikel auf http://waldorfblog.wordpress.com/2009/07/15/ravagli-die-rassen-und-die-rechten/
5. So hieß es schon bei Konfuzius (Lunyü VII, 3) „Erkenntnis taugt nur dadurch zum geistigen Eigentum, dass sie allseitig diskutiert wird; übernommene Weisheit bleibt tot und wertlos.“

41 Responses to “Leitmotiv „Zertrümmerung“ - Ravagli gegen Zander”

Seiten: « 5 4 3 2 [1] Zeige alle

  1. 10
    Der Zug ist (noch!!!) nicht abgefahren « Waldorf Blog Says:

    [...] einen Kommentar von mir zu Ravaglis Polemik „Zanders Erzählungen“ zu drucken (Leitmotiv „Zertrümmerung“). Der Kommentar kritisiert die inadäquate Auseinandersetzung Ravaglis mit Helmut Zanders [...]

  2. 9
    Wie sich die Sinnfrage selbst als sinnlos erweist | Anthroposophie-im-Alltag.de Says:

    [...] ich eine zeitlang die Diskussion verfolgte, entschloss ich mich dann doch zu einem Posting auf info3. Ich fragte Andras Lichte, was er denn von seinen Gegnern im günstigsten Fall erwarte, in der [...]

  3. 8
    Helga Says:

    Nanu, da hast du doch glatt deine Werbesignatur vergessen. Ist dir das jetzt nicht ein bisschen peinlich?

  4. 7
    Andreas Lichte Says:

    @ Rainer

    ich habe bereits vor längerem mit meinem Anwalt über den von Felix Hau betriebenen blog “Nachsichten aus der Welt der Anthroposophie” gesprochen. Die Antwort meines Anwalts: “Sie können dagegen juristisch vorgehen …”

    Aber ist doch schön, wenn jeder selber lesen kann, wie sich die “Rainers” dieser Welt ihre Wirklichkeit zurechtlügen.

    Wer klagt - aus fadenscheinigen Gründen - ist die Anthroposophie. Und da haben wir schon wieder Lorenzo Ravagli. Na sowas.

    http://npd-blog.info/2009/04/28/npd-und-waldorfschule-uber-eine-zusammenarbeit-die-nicht-publik-werden-durfte/

    “NPD und Waldorfschule: Über eine Zusammenarbeit, die nicht publik werden durfte II

    NPD-BLOG.INFO hatte am 08. März 2009 einen Gastbeitrag von Andreas Lichte veröffentlicht. Darin ging es um die Arbeit des rechtsextremen Funktionärs Andreas Molau als Waldorflehrer sowie dessen Buchprojekt mit Lorenzo Ravagli, einem Vordenker der Waldorf-Pädagogik. Dieses Projekt hatte Ravagli kurz vor der Buchveröffentlichung im Jahr 2007 gestoppt - und es ist dem Anthroposophen offenbar noch immer unangenehm. So ging Ravagli wegen des Beitrags auf NPD-BLOG.INFO rechtlich gegen Andreas Molau vor, weil er in dem Interview Sätze aus dem Buch zitiert hatte. Und auch Autor Andreas Lichte sowie NPD-BLOG.INFO erhielten Post von Ravaglis Anwälten. Daher steht der Artikel “Über eine Zusammenarbeit, die nicht publik werden durfte” jetzt nur noch ohne die Zitate aus dem nicht veröffentlichten Buch von Andreas Molau sowie dem Anthroposophen Lorenzo Ravagli zur Verfügung. Hier der Artikel, die Zitate sind durch ein XXX gekennzeichnet: (…)”

  5. 6
    Rainer H Says:

    Herr Lichte, was ist los mit Ihnen: Eine Debatte, bei der es um die Rassismusfrage innerhalb der Anthroposophie geht und Sie haben noch nicht wie gewohnt mit Ihrem Anwalt oder mit der italienischen Botschaft gedroht…Werden Sie allmählich freundlich und zugänglich??

    http://nachsichten.anthroposophie.de/index.php?/archives/27-Andreas-Lichte-haelt-Saddam-Hussein-fuer-unschuldig.html

  6. 5
    Andreas Lichte Says:

    @ Dill

    Sie fragen: “Meine Frage wäre nun, wem oder was mit dieser Gebetsformel [„Ja, Steiner war ein Rassist“] gedient wäre?”

    Damit wäre der Wahrheit gedient.

    Und damit wäre auch der Anthroposophie gedient, die durch die fortgesetzten Lügen der anthroposophischen Führungsriege um Lorenzo Ravagli einen Glaubwürdigkeitsverlust sondergleichen erleidet. Siehe mein Interview mit den Ruhrbaronen, Auszug zu Steiners von der BPjM bestätigtem Rassismus, bzw. zu Helmut Zander:

    http://www.ruhrbarone.de/waldorfschule-vorsicht-steiner/

    “Waldorfschule: Vorsicht Steiner

    (…)

    Ruhrbarone: Sie sagten vorhin, dass in Atlantis „die Rassen entstehen“ …

    Lichte: Und nach anthroposophischer Auffassung bis mindestens zum Jahre 3573 bestehen bleiben, dann endet die „Fünfte Nachatlantische Kulturepoche“. „Rassen“ wie „Rassismus“. Das ist nicht meine Privatmeinung, sondern wurde von einer Deutschen Bundesbehörde, der „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien“ (BPjM) festgestellt, in ihrer Entscheidung zu zwei Büchern Steiners, Zitat: „Der Inhalt des Buches ist nach Ansicht des 12er-Gremiums in Teilen als zum Rassenhass anreizend bzw. als Rassen diskriminierend anzusehen.”

    Die BPjM nahm eine juristische Bewertung vor, sie konnte nur Textstellen beanstanden, die eindeutig ihren juristischen Kriterien entsprachen. Auch beurteilte sie nicht Steiners Gesamtwerk. Das tut der Historiker Helmut Zander in seinem preisgekrönten Monumental-Werk „Anthroposophie in Deutschland“, Zitat:

    „Steiner ordnete die Rassen einer Fortschrittsgeschichte zu, in der beispielsweise heutige Indianer als »degenerierte Menschenrasse« im »Hinsterben« (GA 105, 106, 107 [1908]) oder schwarze Afrikaner als defiziente Spezies der Menschen- und Bewusstseinsentwicklung, als »degenerierte«, »zurückgebliebene« Rasse (ebd., 106) erschienen. Umgekehrt habe die weisse Rasse »das Persönlichkeitsgefühl am stärksten ausgebildet« (GA 107, 288 [1909]). Dies sind nur Kernsätze einer Rassentheorie, die Steiner 1904 erstmals formulierte, um sie 1910 in einem komplexen System und in zunehmender Abgrenzung zu theosophischen Positionen auszufalten. Mit seinem Ausstieg aus der Theosophie hat er diese Vorstellungen keinesfalls über Bord geworfen, sondern sie 1923 nochmals in Vortragen vor Arbeitern des Goetheanum in vergröberter, »popularisierter« Form wiederholt, aber ohne Revision im inhaltlichen Bestand. Die weisse war nun »die zukünftige, die am Geiste schaffende Rasse« (GA 349, 67 [1923]). (…) Steiner formulierte mit seinem theosophischen Sozialdarwinismus eine Ethnologie, in der die Rede von »degenerierten«, »zurückgebliebenen« oder »zukünftigen« Rassen keine »Unfälle«, sondern das Ergebnis einer konsequent durchgedachten Evolutionslehre waren. Ich sehe im Gegensatz zu vielen Anthroposophen keine Möglichkeit, diese Konsequenz zu bestreiten.“

    Ruhrbarone: „Rassentheorie“ passt nicht zum Image der Waldörfler

    Lichte: Noch böser aber die Reaktion der Anthroposophie, die in ihrer Leugnung von Steiners Rassismus ihrem Ruf als „Sekte“ mehr als gerecht wird. Da setzt man sich auch ganz locker über Vereinbarungen mit einer Deutschen Bundesbehörde hinweg.

    (…)”

  7. 4
    Alexander Dill Says:

    Gestern habe ich den Philanthropen Hans Jecklin besucht, der ein Treffen von Vertretern der Weltreligionen moderiert hat. Seine Stiftung fördert das Projekt http://www.global-spirituality.info
    Als Jecklin in der Runde fragte, was man zuallerest tun könne, um zu einem gemeinsamen Gott zu finden, antwortete der islamische Vertreter: „Gott gehorchen.“ Als Jecklin ihn daraufhin ansprach, was solle das für ein Gott sein, der Gehorsam erwartet, verließ er den Raum und weinte.
    Auf der diskursiven Ebene von Bekenntnissen und Glaubenssätzen finden sich alle Religionen und Weltanschauungen immer noch in heute archaisch anmutenden Glaubenskriegen. Kommt dann noch die deutsche Vergangenheitsbewältigung hinzu, deren Projekt ja selbst leicht die Formen christlicher Praktiken von Schuld, Buße und Vergebung annimmt, so kann es geschehen, dass inmitten einer postmodernen Friedlichkeit und einer weitverbreiteten Sehnsucht nach gutem Leben, emotional aufgeladener Streit stattfindet.
    Manche empfehlen dann Reiki oder Meditation, aber man könnte ihn auch auf der diskursiven Ebene selbst mit einfachen Fragen therapieren, wie:
    Was soll eigentlich der Andere Deiner Meinung nach sagen oder tun? Wofür willst Du ihn gewinnen?
    Der rein hermeneutische Streit um die rechte Deutung, der seit Jahrtausenden die Schriftreligionen beherrscht hat, ist erst in der Praxis von Diakonie und Caritas beendet worden, nicht in ökumenischen Kommissionen.
    Um viel weniger sinnvoll ist so ein Streit in der doch sehr erfolgreich praxisorientierten Anthroposophie, von deren Förderern und Anhängern keine rituellen Bekenntnisse verlangt werden und die sich letztlich in der tätigen Teilnahme an ihren Angeboten manifestiert, nicht in Glaubenssätzen.
    Vielleicht aus diesem Grund stoßen viele Familien zu dieser in keiner Weise kompakten und konsistenten Weltsicht, ohne daß sie wissen können, sollen oder müssen, ob dieses aus den Schriften Rudolf Steiner abgeleitet, oder „nur“ Resulatat eines bald 100-jährigen Lernprozesses mit Eltern, Kindern, Tieren und Pflanzen ist. Das Letztere sollte nicht abgewertet werden, denn das Wissen (Sophia) um den Menschen (Anthropos) entsteht in den seltensten Fällen durch Offenbarung, äußerst selten durch die Lektüre von klugen Schriften und nie ohne die Erfahrung und das Leben mit und zwischen den Menschen.
    Amen!

    Antworten
    #

    50. Andreas Lichte | 2009/09/03 at 4:59

    @ Dill

    Sie fragen: „Was soll eigentlich der Andere Deiner Meinung nach sagen oder tun?“

    Anthroposophen sollen endlich sagen:

    „Ja, Steiner war ein Rassist“

    Lieber Andreas Lichte! Meine Frage wäre nun, wem oder was mit dieser Gebetsformel gedient wäre? “Der” Anthroposophie? Ihnen? Meines Erachtens können allenfalls jene Forscher wie Brigitte Hamann (”Hitlers Wien”), die sich mit den Rassenlehren der Jahrhundertwende und ihrem Umfeld beschäftigt haben, ein solches Urteil aussprechen. Für alle anderen ist es nichts als ein erzwungenes Glaubensbekenntnis, das das Gefühl hinterläßt, unter Druck eine symbolische Handlung vornehmen zu müssen, für die man dann gelobt wird. Ethik sieht anders aus.

  8. 3
    Andreas Lichte Says:

    Zusammenfassung der Kommentare 1 und 2:

    Die anthroposophische Politik wird von Lorenzo Ravagli gemacht. Im Auftrag einer anthroposophischen Führungsclique.

    Die anthroposophischen Führungsclique verbreitet dümmste Propaganda, scheut auch nicht davor zurück, einen moderaten Kritiker wie Helmut Zander aufs übelste zu diffamieren.

    “Der Zug ist abgefahren”, auch wenn Ansgar Martins - aus welchen Gründen auch immer - das Gegenteil behauptet.

  9. 2
    Andreas Lichte Says:

    “Kampf bis zur Erleuchtung – Lorenzo Ravagli und der Glaubenskrieg der Anthroposophie gegen Helmut Zander

    Von unserem Gastautor Andreas Lichte.

    Frühjahr 2009. Als Antwort auf Helmut Zanders preisgekröntes Standardwerk “Anthroposophie in Deutschland” erscheint Lorenzo Ravaglis Schmähschrift “Zanders Erzählungen”. Im Vorwort sagt Dr. Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach, Ravagli habe das Ziel gehabt, “zu retten, was noch zu retten ist” und dabei Mut bewiesen. Zum Beispiel so:

    Ravagli beschuldigt Zander, dieser verfolge mit seiner publizistischen Tätigkeit zur Anthroposophie eine “verdeckte Agenda” [S. 24].

    Ravagli stellt Zander als “Enthüllungsjournalisten marxistischer Orientierung” dar, der “trotz seiner katholischen Vergangenheit einem marxistisch inspirierten, historischen Materialismus verpflichtet ist” [S. 35].

    Ravagli stellt klar, dass nicht etwa die Anthroposophie eine Sekte ist, sondern: „Zander als Eingeweihter einer trivialaufklärerischen Entmythologisierungtradition strebt wie alle Angehörigen von Wissenschaftssekten (sic!) danach, die Normativität seiner partikularen Rationalität zu universalisieren und alle Angehörigen abweichender Traditionen oder Diskursgemeinschaften als Ketzer zu stigmatisieren.“ [S. 372]

    Möchte jemand versuchen, das zusammenzufassen? Wie wäre es damit: Helmut Zander – ein katholisch-marxistischer, materialistischer Verschörer der Sekte Wissenschaft gegen die Anthroposophie?

    Solch mutige anthroposophische Charakterisierungen Zanders haben Tradition. Ein Blick zurück:

    Sommer 2007. Nach Zanders Artikel “Jenseits von Steiners höherer Erkenntnis – Entmythologisiert die Anthroposophie!” kommt es im eigens eingerichteten Diskussionsforum der Stuttgarter Zeitung zu heftigsten Angriffen gegen Zander: (…)”

    weiter hier: http://www.ruhrbarone.de/kampf-bis-zur-erleuchtung/

  10. 1
    Andreas Lichte Says:

    Hallo Ansgar,

    du schreibst: “Bedauerlich ist ferner die Tatsache, dass Walter Kugler von der Steiner-Nachlassverwaltung, inzwischen Professor an der Oxford Brookes University, in einem eigenen Vorwort der Zander-Deutung Ravaglis zustimmt …”

    Das ist nicht einfach nur “bedauerlich”. Ich erinnere dich an ein Telefonat, das wir führten, und an einen entsprechenden Kommentar auf deinem blog, siehe:

    http://waldorfblog.wordpress.com/2009/08/21/von-nicht-vergehender-vergangenheit/

    Lorenzo Ravagli arbeitet im Auftrag der Anthroposophie und der Waldorfschulen.

    Ich führte kürzlich ein langes Telefonat mit Dr. Walter Kugler, Leiter des Rudolf Steiner Archivs in Dornach. Er bestätigte mir, dass Ravagli an entscheidender Stelle tätig ist. Ravaglis wichtigste Aufgabe ist es, die Öffentlichkeit über den Rassismus Steiners zu täuschen.

    So entstand für den Bund der Freien Waldorfschulen das Buch von Lorenzo Ravagli und Hans-Jürgen Bader: „Rassenideale sind der Niedergang der Menschheit – Anthroposophie und der Rassismusvorwurf.”

    Jana Husmann-Kastein sagt dazu im Artikel des Stern „Auf Tuchfühlung mit dem rechten Rand”, Zitat:

    (…) „Der Rassismus Steiners wird dabei von Bader und Ravagli nicht nur abgestritten, sondern zum Humanismus umgedeutet”, schreibt Husmann-Kastein. Kritiker Steiners würden von den beiden Buchautoren massiv diffamiert. „Insgesamt wird von Bader und Ravagli alles legitimiert, was Steiner zu ‘Menschenrassen’ gesagt und geschrieben hat. Das liegt nicht an der mangelnden Textkenntnis, denn die einschlägigen Rassismen Steiners werden zitiert.” (…)”

    Quelle: http://www.stern.de/politik/deutschland/waldorf-paedagogik-auf-tuchfuehlung-mit-dem-rechten-rand-602719.html

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