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Das Info3 Blogland

Berichte aus der Gegenwart

Kulturfaktor mit Eintrittskarte?

Kritisch-konstruktive Überlegungen darüber, ob die Anthroposophischen Gesellschaft heute der Wirksamkeit der Anthroposophie mehr schadet als nützt hat info3 in der Oktober-Ausgabe vorgestellt. Der Artikel von Ramon Brüll wird seither lebhaft und kontrovers diskutiert. Wir stellen den Beitrag deshalb für weitere Debatten online.

Mit der Weihnachtstagung 1923 / 1924 hat Rudolf Steiner die (Allgemeine) Anthroposophische Gesellschaft neu begründen wollen. Im Innern mit dem sogenannten „Grundsteinspruch“ und der Verankerung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft als Herzstück der Anthroposophischen Gesellschaft und äußerlich durch eine neue Konstitution, die der anthroposophischen „Weltgesellschaft“ neue soziale Formen verleihen sollte. Was ist daraus geworden und sind diese Formen heute noch zeitgemäß?

Zunächst einmal muss festgestellt werden, dass weder die Freie Hochschule noch die Anthroposophische Gesellschaft im Sinne der Vision, die Steiner vor Augen stand, vollendet werden konnten. Steiner hat nur einen Bruchteil der Mantren, die die meditative Grundlage für die Hochschularbeit bilden, zu Papier bringen können. Von den sogenannten „Klassentexten“ liegt nur ein erster Teil für die erste von drei vorgesehenen Klassen vor. Und die meisten Mitglieder der neuen Anthroposophischen Gesellschaft selbst haben wohl kaum den Schritt von im Verborgenen, intim für sich arbeitenden theosophischen Zirkeln zu einer weltoffenen Gesellschaft vollzogen. Noch heute spricht man vom „Zweig“ und „Zweigabend“ (für Mitgliedertreffen), einem Begriff, dessen sich im deutschsprachigen Raum sonst wohl nur die Banken (die „Zweigstellen“ unterhalten) bedienen und der von der englischen Branche herrührt, also unmittelbar aus dem theosophischen Sprachgebrauch übernommen wurde. Steiner jedenfalls hat während der gesamten Weihnachtstagung, wo auch die neue Satzung verabschiedet wurde, diesen Begriff nicht verwendet. Stattdessen stellte er sich örtlich und thematisch arbeitende Gruppen vor, die berechtigt wären, selbst neue Mitglieder aufzunehmen.

Das alles muss nicht heißen, dass die Arbeit in diesen alten Formen schlecht ist. Ganz im Gegenteil. Die Freie Hochschule am Goetheanum in Dornach zeichnet sich durch eine beeindruckende Zahl von Tagungen aus und die meisten ihrer Sektionen haben ein engmaschiges Netz von Verbindungen zu Fachleuten innerhalb und außerhalb der anthroposophischen Bewegung geknüpft. An vielen Orten in der Welt haben sich die „Zweige“ zu beachtlichen Institutionen entwickelt, wo intensiv an der Weiterentwicklung der Anthroposophie (in internen Arbeitskreisen) und deren Verbreitung (in öffentlichen Vorträgen und Kongressen) gearbeitet wird. Diese Arbeit soll hier keineswegs kritisiert werden. Dennoch stellt sich die eingangs erwähnte Frage nach Sinn und Zweck einer (Allgemeinen) Anthroposophischen Gesellschaft und inwiefern diese heute noch zeitgemäß ist, dringender denn je. Ihre Beantwortung ist aber, das muss vorausgeschickt werden, ein unbequemes Unterfangen. Wagen wir dennoch den Versuch:

Abschied von der Inselposition
1923 gab es zwar bereits einige tausend Mitglieder, Menschen, die sich begeistert von Steiners Worten anregen ließen. Die Zahl der zuverlässigen Mitarbeiter, die eine selbständige Position vertreten konnten, war jedoch äußerst gering. Die Sektionen der Hochschule wurden eher zufällig nach den Fähigkeiten (und Berufen) vorhandener Mitstreiter eingerichtet (so fehlten zum Beispiel damals eine landwirtschaftliche und bis heute eine theologische Sektion) und obwohl Steiner deutlich von unterschiedlichen Gremien, nämlich der Leitung der Hochschule und dem Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft sprach, besetzte er beide mit denselben Menschen. Die praktische anthroposophische Arbeit in Gestalt von Waldorfschulen, der Heilpädagogik, der anthroposophischen Medizin oder der biologisch-dynamischen Landwirtschaft stand erst in den Kinderschuhen, ganz zu schweigen von dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem noch keinerlei Verständnis für Steiners spirituelle Sichtweise zu erwarten war. Wie lange hatte er nicht in den unterschiedlichsten Kreisen um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, bis er endlich bei den Theosophen Gehör fand? Insofern ist es nur zu verständlich, dass Steiner für den Zugang zur Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, deren Ziel Geistige Forschung war und ist, hohe Hürden aufwarf und mit der Anthroposophischen Gesellschaft, deren Ziel die Förderung dieser Forschung ist, eine Schutzhülle installierte, in deren Mitte erst das Klima für eine gedeihliche Entwicklung der Anthroposophie entstehen konnte. Obwohl Steiner von Begin an die Öffentlichkeit im Blick hatte, war die Inselposition zunächst unvermeidlich.
Das hat sich seit 1923 grundlegend geändert. Schon ein flüchtiger Blick in das aktuelle Adressenverzeichnis Anthroposophie verrät die Existenz von rund 6.000 Einrichtungen allein im deutschsprachigen Raum. Über 70 Dach- und Fachverbände kümmern sich um die Belange ihrer Mitglieder in den verschiedenen Arbeitsbereichen. Darüber hinaus spricht jede Waldorfschule oder jeder Steinerkindergarten unzählige Eltern an, jede anthroposophische Praxis behandelt hunderte oder tausende von Patienten, jeder Demeterladen bedient ebenso viele Kunden. Nicht zuletzt wird auch mit jeder verkauften Tube Zahncreme von Weleda oder Wala ein Quäntchen anthroposophische Produktphilosophie in die Welt gesetzt. Mit anderen Worten: Anthroposophie ist durch ihre Früchte längst in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen. Und diese selbst hat sich seit 1923 immens gewandelt. Themen wie Reinkarnation und Karma, Spiritualität, Meditation sind in aller Munde und auch andere, zeitgenössische Autoren bemühen sich um ein Verständnis der geistigen Welt – dafür eine Insel schaffen zu wollen wäre heute aberwitzig.

Wollte Steiner, und wollten wir nicht mit Steiner, dass Anthroposophie Kulturfaktor wird? Ohne falsche Bescheidenheit können wir getrost davon sprechen, dass sie heute Kulturfaktor geworden ist. Aber in aller Bescheidenheit sollten wir uns auch vergegenwärtigen, dass sie noch vor dem Durchbruch steht, als solcher erkannt zu werden. Wie mag das kommen? Wieso besteht einerseits die Sorge, über die „Töchter“, wie Steiner sagte (die Fachbewegungen also) würde die Mutter (die Anthroposophie selbst) vergessen werden? Und wieso fordern andererseits manche Kritiker, die Waldorfschulen etc. sollen sich doch endlich von dem „geistigen Ballast“ ihres Gründers befreien?

Keine Frage: ohne Studium der Anthroposophie verarmt die Waldorfbewegung zur Anwendung einer dann schnell links überholten pädagogischen Methode. Ohne geisteswissenschaftliche Menschenkunde wird die anthroposophische Medizin zum Rezeptbuch für Weleda-Medikamente, ohne Einsichten in das Gefüge der Wesensglieder ihrer Schützlinge die anthroposophischen Heilpädagogik zur Weltanschauungsschule; ohne Meditation über das Wesen der Pflanzen, Tiere und des Kosmos die biologisch-dynamische Landwirtschaft zur kaum besseren Bio-Methode und die Präparat-Anwendung zur EU-sanktionierten Normerfüllung. Daher gebe ich allen recht, die mit einer Besinnung auf die geisteswissenschaftlichen Grundlagen einer Verflachung ihrer praktischen anthroposophischen Arbeit begegnen wollen. Aber: brauchen wir dazu eine („die“) Anthroposophische Gesellschaft?

Grenze von Innen und Außen

Die Anthroposophische Gesellschaft hat den Anspruch, Anthroposophie zu vertreten. Sie tut dies an verschiedenen Stellen in der Welt unterschiedlich gut, hat mal mehr, mal weniger öffentliche Wirksamkeit erzielt. Sie tut dies aber immer, und kann das ihrem Selbstverständnis nach auch gar nicht anders tun, als mit einem Alleinvertretungsanspruch: Anthroposophie – das sind wir. Wie gut oder schlecht eine anthroposophische Gesellschaft auch immer organisiert sein mag: sie schafft unausweichlich ein Innen und ein Außen. Entweder Du bist Mitglied, oder Du bist es nicht. Das gilt auch dann, wenn diese Gesellschaft eine noch so gute Konstitution hätte, noch so „weltzugewandt“, noch so demokratisch, offen, stark, umfassend oder vielseitig sein sollte. Die Haut zwischen Innen und Außen wird immer da sein. Damit steht sie aber der Entwicklung der Anthroposophie zum Kulturfaktor im Wege. Denn welcher andere Kulturfaktor verlangt schon eine Eintrittskarte? Welcher einen Mitgliedsausweis?

Solange es eine anthroposophische Gesellschaft gibt, handelt es sich um eine bestimmte Menschengruppe, die „die“ Anthroposophen sind. Und damit um eine begrenzte Menschengruppe. Sie grenzt zugleich die Anthroposophie als solche auf diese Menschengruppe ein. In der öffentlichen Wahrnehmung wird Anthroposophie deshalb solange auch immer als Partialinteresse auftauchen, nicht als allgemein-menschlicher Kulturimpuls*. Für andere Weltanschauungen, die keine entsprechende Lobby haben und auch nicht sonderlich intensiv gepflegt werden müssen, gilt das nicht. Weder die Evolutionstheorie Darwins noch die Ideen Freuds noch diejenigen von Einstein haben ihren Eingang in das Denken der Gegenwartskultur einer speziellen Darwin’schen, psychoanalytischen oder quantenphysikalischen Gesellschaft zu verdanken.

Damit sind wir beim Kern des Problems: Die Existenz der Anthroposophischen Gesellschaft verhindert die Entwicklung der Anthroposophie.

In großen Zügen könnte man die Entwicklung der Anthroposophie charakterisieren von einer Geheimgesellschaft (ab ca. 1913), über eine „durchaus öffentliche“, aber organisatorisch begrenzte Interessensgemeinschaft (ab 1923) bis hin zu einer Bewegung, die durch die Gründung vieler lebenspraktischer Einrichtungen (Höhepunkt in der Post-68er-Phase) öffentliche Anerkennung findet. Der nächste Schritt muss konsequenterweise sein, Anthroposophie als öffentliches Gedankengut, also als Teil des allgemeinen Kulturlebens und nicht länger als Alternative zu ihm zu verstehen. Um das zu erreichen, darf Anthroposophie gar nicht mehr organisatorisch vereinnahmt werden und folglich müsste die Anthroposophische Gesellschaft aufgelöst werden.

Besser in unabhängiger Selbstverwaltung
Hoppla! Immer wenn ich diesen Gedanken bei früheren Gelegenheiten einmal vorsichtig geäußert habe, wurde mir entgegengehalten, ohne die Anthroposophische Gesellschaft könne man etwa das Goetheanum in Dornach nicht finanzieren. Das Argument wiegt schwer, das sehe ich ein, es trifft aber nicht den Kern der Sache. Denn wäre die Anthroposophische Gesellschaft nur das Finanzierungsinstrument des Goetheanums, müsste man geradezu von Misswirtschaft sprechen. Wie viel von dem, was in der ganzen Welt eingesammelt wird, kommt denn in Dornach an? Seien Sie beruhigt: Ich will nicht das Goetheanum sprengen. Ich stelle nicht die Arbeit der Sektionen der Hochschule in Frage. Und selbstverständlich will ich niemanden daran hindern, sich am Mittwochabend mit anderen zu treffen um gemeinsam die Werke Steiners zu studieren. Ich denke nur: wenn es um Finanzierungsfragen geht, oder darum, Gesinnungsfreunden zu begegnen, lassen sich auch andere Formen finden, – umso besser, je weniger der schädliche Alleinvertretungsanspruch erhoben wird. Je nachdem, ob man das Goetheanum als Kongresszentrum, als Festspielhaus, als Verwaltungszentrale, als Bildungszentrum oder als Architekturdenkmal erhalten will, es gibt genügend Erfahrung im Umgang mit Geld unter den Menschen, die sich für ein solches Projekt begeistern können, dass sich sicher Lösungen finden lassen. Vieles, sehr vieles von dem, was heute in den Formen eines alten Einheitsvereins (denken Sie nur an die Figur des „Generalsekretärs!“ Wo gab es den doch gleich sonst noch?!) betrieben wird, lässt sich auch, und zwar besser, in Selbstverwaltung unabhängiger Initiativen, Einrichtungen und Unternehmen verwirklichen.

Aus dieser Sicht hat die Anthroposophische Gesellschaft ihre historische Rolle, die Steiner’sche Geisteswissenschaft zur öffentlichen Anerkennung zu bringen, erfüllt. Nachdem das erreicht ist, täten die in ihr Tätigen und die für sie Verantwortlichen gut daran, eine geordnete Auflösung vorzubereiten. Denn solange man das aus freien Stücken, aus Einsicht in die Notwendigkeit tut, hat man alle Freiheit der Welt, neue, passende, zeitgemäße Formen für die Finanzierung und Durchführung anthroposophischer Forschung und Ausbildung zu entwickeln. Tut man das nicht, dann wird Anthroposophie sich gewalttätig von alten Fesseln befreien, denn sie selbst will öffentliche Wirksamkeit. Die durchweg schlechtere Alternative wird dann eintreten: der Zusammenbruch, durch Konkurs etwa. Das sei Schwarzmalerei? Ich brauche mir doch nur unbefangen die Geschäftspolitik des derzeitigen Schatzmeisters der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft anzusehen, und muss hier zur Verdeutlichung leider ausnahmsweise Namen nennen. Nicht nur, dass Legate und Erbschaften schon als fester Bestandteil des Budgets eingeplant werden – das ist das typische Indiz für fehlende Akzeptanz des Angebotes sowie für betriebswirtschaftliche Ineffizienz – Cornelius Pietzner ist außerdem fleißig dabei, „das Tafelsilber zu veräußern“. Als im Spätsommer 2007 die Kapitaleinlage der Weleda AG erhöht werden sollte, hat Pietzner quasi über Nacht Anteilsscheine der Weleda, an eine Investmentgesellschaft weiterverkauft (zum Kurs wurde bisher trotz besorgter Fragen aus der Mitgliedschaft geschwiegen). Damit wurde ausgerechnet jenes Betriebskapital, das einmal für assoziatives Wirtschaften im Sinne der Dreigliederung stand, unverkäuflich und treuhänderisch in anthroposophischer Hand bleiben sollte, den Mechanismen des anonymen Marktes ausgeliefert. Das ist, in Anbetracht der Ziele dieses Unternehmens, ohne Weiteres ein Sündenfall. Ohne Not wird kein guter Geschäftsführer so handeln. Das bereits vollzogene Geschäft ist somit für Kenner der Materie ein ernstes Indiz dafür, dass dem Schatzmeister das Wasser bis zum Hals beziehungsweise die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft kurz vor dem Konkurs steht.
Somit befinden sich heute die inneren und die äußeren Gründe, die Existenz der von vielen so liebgewonnenen Gesellschaft grundsätzlich in Frage zu stellen, in beachtenswerter Harmonie.

*) Das gilt für andere Strömungen, die einen Alleinvertretungsanspruch erheben, übrigens genauso: der Katholizismus, das sind die Mitglieder der katholischen Kirche. Die Freimaurer, das sind die Angehörigen der Loge. Ausnahmen treten nur dort auf, wo die entsprechende Organisation auf den Alleinvertretungsanspruch verzichtet: kein ADAC-Funktionär käme auf die Idee, einem Nicht-Mitglied den Status als Autofahrer abzusprechen, und auch die Allgemeinen Menschenrechte sind nicht von Amnesty International gepachtet. Man darf für sie eintreten, ohne als Außenseiter oder gar als „Gegner“ bezeichnet zu werden.

20 Responses to “Kulturfaktor mit Eintrittskarte?”

Seiten: [2] 1 » Zeige alle

  1. 20
    In welcher Zeit lebt die Anthroposophie? - Schachtelhalm Says:

    [...] von Christian Grauer in Anthroposophie Kommentare (0) | Trackbacks (0) Der info3-Artikel  ”Kulturfaktor mit Eintrittskarte?” von Ramon Brüll hat viel Staub aufgewirbelt. Seiner These, dass die anthroposophische Gesellschaft [...]

  2. 19
    Uwe Mannke Says:

    Nachtrag:
    Die Verzweiflung steht den Organisationsebenen ins Gesicht geschrieben:
    Man ist einmal Mitglied, bekommt aber 4 Spendenaufforderungen: AAG, Landesgesellschaft, Mitteilungen, Arbeitszentrum.

    Wie hieß es kürzlich beim Gesetzgebungsentwurf in der BRD: Die Firmen dürfen weiterhin ihren Kunden auch gegen deren Willen Werbepost zusenden.

  3. 18
    Uwe Mannke Says:

    Sehr geehrter Herr Brüll,
    die Infragestellung einer Organisation wie die AAG in einem publizistischen Organ gehört zu den Reinigungsmechanismen in einer offenen und demokratischen Gesellschaft; sie unterscheidet sich von einem Antrag, den eine respektable Zahl von Mitgliedern auf einer Landesversammlung stellen könnte.

    Die Einzigartigkeit und “Unsterblichkeit” der AAG und ihrer Ableger besteht einerseits in ihrem klaren und offenen Bezug auf das Werk Rudolf Steiners und dem damit verbundenen Ziel, das wesenhafte daran zu verlebendigen. Dazu gehört auch der Wettbewerb der Verlage, die sich auf die Originale berufen. Damit ist allerdings zunächst nur ein geistiges Fundament geschaffen. Eine weltweit agierende Organisation will Einheitlichkeit und organisatorische Kraft kontinuierlich schaffen, wo sonst ein Zweig nur lokal wahrgenommen wird. Diese Einheitlichkeit und Kraft steht im Dienst der Originalität. Wird diese gepflegt und wirkt sie impulsierend, so ist der hierarchische Aufbau zum Sammeln auch materieller Ressourcen gerechtfertigt und wird von den Mitgliedern entsprechend getragen.

    In diesem Zusammenhang ist das Goetheanum Mittel und nicht (Selbst-)Zweck. Vielleicht ist das Goetheanum ein Tempel der nicht gleichzeitig Verwaltungsgebäude sein kann.
    Wer in der Hochschule zB mit Mantren arbeiten will, muß nicht unbedingt für diesen Tempel zahlungsverpflichtet werden. Er muß auch nicht den komplexen Apparat einer Landesgesellschaft mit ihren kulturellen Vorlieben und hohen Eigenverwaltungsanteil einschließlich unentwirrbarer Verflechtungen in andere eigentlich rechtlich selbständige Einrichtungen bezahlen.

    Mit der Vokabel “Auflösung” könnte/sollte unwiderruflich ein Prozess in Gang kommen, neue flachere Strukturen zu schaffen, wo Verantwortlichkeit und Verbindlichkeit wieder zur Arbeitsgrundlage werden. Natürlich fällt dann so mancher Posten und so manche Ämterhäufung weg; bestimmte Immobilien mit Mehrfachnutzung dividieren sich dann zumindest rechtlich; Synergien werden auf ihre Tauglichkeit geprüft, Zöpfe werden abgeschnitten.

    Schließlich könnte man, so wie man den Begriff Zweig in Frage stellt, darauf kommen, dass eine Gesellschaft auch verantwortliche Gesellschafter braucht; man wird sie finden, allerdings mit sehr unterschiedlichem Vermögen. Als Indikator für Verantwortlichkeit nehme man die letzte Mitgliederversammlung in Stuttgart, die es sich leistete, den größten Teil der Zeit für eine zwar zuendegebrachte aber wenig glanzvolle Satzungsdiskussion zu verbringen - eine Debatte, wo man vorsichtig fragen muß, wer sich da von vorneherein davon verabschiedet hatte; man kann das auch partielle innere Kündigung nennen oder schlicht Überforderung. So mancher alte Hase nannte diese Versammlung dann eine Zusammenkunft der Inkompetenz.

    Also Anlass zur Infragestellung besteht genug - möge ein stirb und werde besseres hervorbringen. Der Übergangsprozess stellt ein Risiko dar; der Zeitpunkt ist gut zu wählen.

  4. 17
    Johannes Mosmann Says:

    Sehr geehrter Herr Brüll,

    Vielen Dank für diesen interessanten Artikel. Sie legen da den Finger, ich will nicht sagen in die, aber doch in eine Wunde. Ich stimme Ihnen zu, was die Form der anthroposophischen Gesellschaft angeht - diese entspricht nicht ihrer Aufgabe. Gleichzeitig sehe ich wie Sie, dass eine zeitgemäße Form den Interessen des Goetheanums widersprechen müsste.

    Aber genau damit wäre man ja vielleicht einen Schritt weiter: Anthroposophische Gesellschaft und Goetheanum - das sind zwei. Bzw., man würde dann wieder an die Spekulationen anknüpfen, die ja schon seit längerem kursieren: Sind Goetheanum und Gesellschaft gegen den Willen Steiners zusammengelegt worden (Rudolf Menzer: Die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft von Weihnachten 1923 und ihr Schicksal, Verlag Tidata)?

    Ich vermag nicht zu beurteilen, ob da etwas dran ist. Aber man könnte doch mal versuchen, nicht eine Frage, sondern zwei verschiedene Fragen zu stellen: Was braucht das Goetheanum, und was braucht die Anthroposophische Gesellschaft?

    Wenn man sie unabhängig vom Goethenaum denken kann, dann würde man vielleicht auch gar nicht von einer “Auflösung” der Anthroposophischen Gesellschaft sprechen, so wie sie das tun, sondern eben von einer Umgestaltung. Sie sagen ja selbst: unabhängige Gruppen müssen vor Ort selbständig Mitglieder aufnehmen können - damit machen Sie ja schon einen Vorschlag für eine Umgestaltung.

    Wenn man auf der einen Seite die Gesellschaft in eine dynamische und offene Form bringen würde, dann bliebe es ja auf der anderen Seite einer Gruppe von Menschen unbenommen, sich im Goetheanum zu Gunsten eines bestimmten Geistesgutes zusammenzufinden, so wie es jeder Gruppe von Menschen unbenommen bliebe, sich zur Pflege ihrer gemeinsamen Interessen zusammenzuschliessen.

    Die Anthroposophische Gesellschaft wäre dann die Begegnung verschiedener Initiativen, unter denen der Goetheanums-Verein nur einer wäre.

    Ich fürchte mich nicht davor, dass die anthroposophischen Ideen verwässern, wenn sich die Gesellschaft mehr öffnet - ich habe aber keine Zweifel daran, dass sie dann verwässern werden. Und in diesem Punkt habe ich dann allerdings meine Schwierigkeiten mit Ihrem Artikel: Zwar halte ich es für notwendig, sich zu öffnen und eine Verwässerung in Kauf zu nehmen. Nur muss man es dann auch als eine Verwässerung erkennen. Sich öffnen heisst nicht, alles andere in “Anthroposophie” umzubenennen, sondern anderes als solches, also gerade den Unterschied zu erkennen und sich damit auseinanderzusetzen. Das scheinen Sie mir etwas durcheinanderzubringen. Sie schreiben nämlich über die Anthroposophie:

    “Anthroposophie ist durch ihre Früchte längst in der gesellschaftlichen Gegenwart angekommen. Und diese selbst hat sich seit 1923 immens gewandelt. Themen wie Reinkarnation und Karma, Spiritualität, Meditation sind in aller Munde und auch andere, zeitgenössische Autoren bemühen sich um ein Verständnis der geistigen Welt – dafür eine Insel schaffen zu wollen wäre heute aberwitzig.”

    Themen wie Reinkarnation und Karma, Spiritualität, Meditation usw. haben ihre Popularität nicht der Anthroposophie zu verdanken. Zu Steiners Zeiten sind die spirituellen Bewegungen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Reinkarnation und Karma, Spiritualität, Meditation usw. waren vor Steiner populärer als heute. Und die meisten der heute existierenden esoterischen Gruppierungen haben ihre Wurzeln nicht in der Anthroposophie, sondern in anderen esoterischen Strömungen, häufig auch einfach in den großen Religionen.

    Die Anthroposophie ist nicht Buddhismus, sie ist nicht Holon-Netzwerk, und sie hat nichts mit Wasser-Veredelung zu tun. Sie ist etwas eigenes, sehr konkretes neben all diesen ebenfalls sehr konkreten Erscheinungen. Diese Anthroposophie hat im Unterschied zu Buddhismus und anderen noch keinen Platz in der Gesellschaft gefunden. Dass sich viele Menschen Demeter-Rübensaft aufs Brot schmieren, das bedeutet z.B. nicht, dass sie den Erkenntnisprozess so begreifen, wie er in der Philosophie der Freiheit auseinandergesetzt wurde, denn dann könnten sie z.B. nicht glauben, dass der Rübensaft aus Atomen bestünde - was sie aber tun.

    Das Wenigste von dem, was in der Info3 zu spirituellen Themen geschrieben wird, hat Wurzeln in der Anthroposophie. Da ist das Goetheanum schon näher dran. Aber: eine Anthroposophische Gesellschaft müsste eben der Ort sein können, um solche Auseinandersetzungen zu führen. Und das Goetheanum bräuchte sich davor auch nicht zu fürchten. Fürchten müsste es sich vor etwas ganz anderem, was Sie ebenfalls angesprochen haben: davor nämlich, wie es selbst im sozialen Leben steht, insbesondere im Wirtschaftsleben.

    freundliche Grüße
    Johannes Mosmann
    http://www.dreigliederung.de/freiheit/

  5. 16
    Michael Eggert Says:

    Jostein Saether führt die Diskussion weiter: http://www.gamamila.de/2008/11/die-anthroposophische-gesellschaft-als.html

  6. 15
    volker Says:

    lieber herr brüll,

    erstmal vielen dank für diesen an-regenden ;-) artikel.

    was mir ein wenig zu schaffen macht ist das wort “auflösen”.

    zitat: Nachdem das erreicht ist, täten die in ihr Tätigen und die für sie Verantwortlichen gut daran, eine geordnete Auflösung vorzubereiten.

    die denke, “töchter” können (wenn sie wollen) zu müttern werden
    und “die mutter” bekommt dann! eine neue aufgabe,
    nämlich die der gross-mutter.

    grüsse aus saarbrücken
    v.frohnhoff

  7. 14
    ruth bamberg Says:

    lieber herr brüll,

    ich verstehe das man die frage nach sinn und nutzen der aag stellen kann und sogar auch, dass man zu der ansicht kommen kann die aag gehöre abgeschafft. letztere ansicht ist nach meinem dafürhalten ausdruck einer möglichen position innerhalb einer diskussion die, wie sie sicher wissen, geführt wird, von manchen anthros, von zu der anthrobewegung sich zählenden, von anthrosympathisanten etc.

    was ich noch nicht verstehe ist ihre argumentation, die sich für mich verkürzt so liest: heutzutage sind einheitsvereine die sich nach aussen abschliessen obsolet und deshalb müsste die aag konsequenterweise sich selber abschaffen.
    ich gebe ihnen recht, dass die form der aag und ihre erscheinung nach aussen nicht gerade mainstream sind, aber reicht diese feststellung aus zu fordern exotische nebenbächlein trocken zu legen? ich denke nicht. ihnen muss ich garnicht sagen, das die cooleren partys viel eher auf kleinen booten auf nebenflüssen stattfinden.
    ich meine, dass die karteninhaber und deren weltvertretungs- verwaltungsorgan garnicht den anspruch haben im gleissenden scheinwerferkegel die spirituelle errettung des planeten durch die anthroposophie zu kommunizieren. ich habe viel eher den eindruck, dass sie das garnicht könnten, selbst wenn sie es wollten. sie wollen und könnten es sogar dann nicht, wenn sie es zum 100 000 000sten mal weltkulturimpulse nennen.

    daran ist meiner ansicht nach nichts verkehrt. die fragen die sie aufwerfen werden auch innerhalb der aag bewegt, allerdings nicht homogen oder statisch nach dem motto: entweder oder, sondern als permanenter prozess. es ist etwas in bewegung, das jedenfalls ist mein erleben. zugegeben, es werden manchmal seltsame blühten, gewachsen aus jenem prozess an der oberfläche sichtbar, die sie in ihrem artikel auch benennen. ich bekomme auch immer mal wieder eine krise angesichts dieser blühtenpracht.
    ich schliesse mich michael eggert an: der zeitpunkt die aag jetzt abzuschaffen oder radikal umzuformen ist zu früh projiziert. da sind wir noch nicht, ist aber in arbeit.

    beste grüße ruth bamberg

  8. 13
    Herbert Salzmann Says:

    Meine Mitgliedschaft verstehe ich als Fördermitgliedschaft, ganz im Sinne des Vereinszwecks “Förderung der Hochschule” und durchaus vergleichbar mit meiner Mitgliedschaft bei Greenpeace. In beiden Fällen zahle ich gerne, muss aber nicht identifiziert sein, sondern darf und muss eine kritische Haltung bewahren. Warum die AG nicht dezidiert in einen freiwilligen Förderverein umwandeln, der die Initiativen der Hochschule unterstützt? Das Geld hätte eine andere Qualität, die Mitgliederzahl würde vielleicht steigen, die Hochschule würde sich noch mehr um Akzeptanz in der Gesellschaft - nicht nur in der AG - bemühen.

    Dass manche frühere Mitglieder ihren Selbstwert aus der Exklusivität einer Gesellschaft heraus bezogen haben, zu der man berufen sein muss, ist psychologisch bedenklich und passt nicht in unsere Zeit. Die Hochschule hingegen darf durchaus höherschwellig organisiert sein, indem die entsprechenden Vorkenntnisse für eine Mitarbeit verlangt werden, wie an jeder anderen Hochschule auch.

  9. 12
    Herzog Says:

    @Eggert

    “Ehrlich, ich wäre lieber in einem Zweig engagiert, der Essen verteilt!” Süss, dann machs doch. Das sind doch Vorschläge aus der Mottenkiste der Post-Beuys-Jahre, an der schon die evangelische Kirche gescheitert ist.

  10. 11
    Walter Says:

    @ Michael Eggert

    was schlagen Sie eigentlich vor?

    ein Modell à la “TSG 1899 Hoffenheim”?

    ein Multi-Milliardär kauft sich einen Fussball-Club …

    so wie sich Götz Werner mal eben die Anthroposophie kauft?

    oder hat er schon?

    und was machen Sie, Michael Eggert?

    träumen Sie von einem Posten als Cheftrainer?

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