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Das Info3 Blogland

Berichte aus der Gegenwart

Neuerscheinung: Meditationen zum Vaterunser

8. Februar 2010

Die Weisheit religiöser Lehren, tiefe Gottergebenheit und lebensfreudige Selbstentwicklung – das sind die Farben, die in dem neuen Buch von Baruch Rabinowitz über das Vaterunser zum Leuchten kommen.

“Der Weg der leeren Hand” ist das ansprechend gestaltete Büchlein betitelt - was darauf hinweist, dass der Weg zu innerer Befreiung und Erleuchtung nur dann möglich ist, wenn wir dem göttlichen Mysterium “mit der leeren Hand” begegnen, also völlig offen und von allen Bildern und Vorstellungen loslassend.

Jenseits aller konfessionellen Enge deutet der Autor das Vaterunser aus der jüdischen Verwurzelung von Jesus Christus, er stellt Beziehungen zu den zehn Geboten und dem jüdischen Alphabet her und zeigt Bezüge auch zu anderen großen Weltreligionen auf. Aus jeder Zeile des Vaterunsers werden aber vor allem konkrete Übungsanweisungen für das eigene innere Wachstum entwickelt. Die einfache und herzlich direkte Sprache des Autors sind eine zusätzliche Einladung, dieses älteste Gebet der Christenheit neu zu entdecken und auf neue Weise zu praktizieren.

Zum Autor:

Baruch Rabinowitz wurde 1973 in Moskau als Sohn polnischer Juden geboren, studierte Theologie, Judaistik und Journalismus in Dänemark, Ungarn, Israel, Deutschland und den USA. Er versteht sich als religiöser Universalist und spiritueller Grenzgänger.

Baruch Rabinowitz: Der Weg der leeren Hand. Meditationen zum Vaterunser

Info3 Verlag, Frankfurt am Main, 142 Seiten, gebunden, Euro 12,-

ISBN 978-3-924391-45-4

Die spirituelle Wende zur Wir-Kultur

19. Januar 2010

Die großen Herausforderungen der Zeit erfordern einen Schulterschluss auf kollektiver Ebene, die Gemeinschaftlichkeit jenseits alter Kollektivismen und Autonomie jenseits der Egozentrik integriert. Einblicke in das Forschungslabor einer neuen Wir-Kultur.

Von Nadja Rosmann

„Wie sieht eine Welt aus, in der wir morgens aufwachen und wissen, dass es nur einem Menschen unter fast sieben Milliarden nicht gut geht? Und in der wir auch gleichzeitig alles Erforderliche geben würden, damit auch dieser Mensch seinen Platz im Leben findet?“, so fragt der spirituelle Lehrer Thomas Hübl, der im Zuge seiner Arbeit die große Vision verfolgt, zur Entwicklung einer neuen Wir-Kultur beizutragen. Die Überwindung des Egozentrismus, die Anbindung an eine Dimension, die das einzelne Individuum übersteigt und damit einen gemeinsamen Entwicklungsraum für die gesamte Menschheit schafft, ist seit jeher ein großes Leitthema der spirituellen Traditionen der Welt. Und sie ist längst nicht mehr allein eine Frage der Transzendenz und des persönlichen spirituellen Wachstums, sondern manifestiert sich als konkrete Herausforderung im öffentlichen Leben, gewissermaßen auf dem Marktplatz.

Das Ich stößt an seine Grenzen

Das 21. Jahrhundert hat sich in vielerlei Hinsicht zu einem Zeitalter der Bedrohungen entwickelt. Internationaler Terrorismus, Massenarbeitslosigkeit und Klimawandel sind nur einige der beängstigenden Szenarien, mit denen sich die Weltgesellschaft konfrontiert sieht. Doch damit, dass konstruktive Antworten auf diese beunruhigenden Entwicklungen nur auf kollektiver Ebene entstehen können, tun sich viele Menschen schwer. Nicht zuletzt der Klimagipfel in Kopenhagen, der zwar Absichtsbekundungen, aber wenig Konkretes zum Ergebnis hatte, hält uns vor Augen: Wir sehen durchaus die Notwendigkeit zu einem neuen Wir zu gelangen, wagen es aber kaum, das Ich mit seinen egobezogenen Interessen dieser Perspektive anzuvertrauen.
Andererseits – und hier besteht Grund zur Hoffnung – manifestieren sich immer mehr Bewegungen, die den Weg zu dieser Wir-Perspektive ebnen. Schon vor fast einhundert Jahren dachte Rudolf Steiner in die Richtung einer Gemeinschaftsbildung durch Individuen, die durch innere Arbeit an sich selbst Raum für ein höheres Bewusstsein schaffen. Dieses Bewusstsein würden sie zwar selbst bilden, gleichzeitig wäre es mehr als die Summe der Individuen, es überragte sie und aus ihm heraus könnten sie die hinderlichen Aspekte ihrer Individuation mehr und mehr überwinden. Zeitgenössische spirituelle Lehrer wie Thomas Hübl oder Andrew Cohen folgen einem ähnlichen Impulus und engagieren sich seit Jahren für einen Transformationsprozess, der über das Ego-Bewusstsein hinaus führen soll. Und in jüngster Zeit bekommen sie Schützenhilfe aus den etablierten Wissenschaften. So verkündete Amitai Etzioni, der weltweit renommierte amerikanische Soziologe und Kommunitarist und Träger des durch die Identity Foundation, Düsseldorf, und die Universität zu Köln verliehenen Meister Eckhart Preis 2009, im Dezember 2009 in seiner Rede anlässlich der Preisverleihung sogar explizit die Notwendigkeit einer „spirituellen Wende“, wenn wir vor den großen Menschheitsfragen nicht kapitulieren wollen.

Spiritualität auf dem Radar der Wissenschaft

Die wachsende Erkenntnis innerhalb der Sozialwissenschaften, dass ein nachhaltiges Wechselspiel zwischen Individuum und Gemeinschaft sich nicht allein auf der personalen Ebene entwickeln kann, sondern eines Vorstoßes in den transpersonalen Raum bedarf, mag unspektakulär daher kommen (und ist für spirituell bewegte Zeitgenossen seit jeher Teil ihres Selbstverständnisses), stellt jedoch einen Quantensprung dar. Wo Wissenschaft sich bisher hauptsächlich auf das von außen Beobachtbare, auf das intersubjektiv Beweisbare einlassen konnte, ist die Einsicht in die Begrenztheit dieser rein „objektiven“ Perspektive ein Meilenstein, der zu einer essenziellen Öffnung beiträgt und es möglich macht, die disziplinenübergreifende Evolutionsdynamik in Wissenschaft und Spiritualität greifbar zu machen. Hier treten spannende Parallelen in der Argumentation von Amitai Etzioni und beispielsweise Rudolf Steiner zutage, die es nahe legen, dass die Entfaltung des Ich in den transzendenten Raum hinein nicht alleine eine spirituelle Dimension hat, sondern eine gesellschaftliche Frage erster Ordnung ist.

Kein Ich ohne Wir

Für Steiner stand nie außer Frage, dass das Individuum die Gemeinschaft braucht, um sich persönlich entfalten zu können, um zum vollen Bewusstsein des eigenen Selbst zu gelangen. Dabei steht für ihn die Gemeinschaft nicht über dem Individuum, sondern entwickelt sich gemäß dem Bewusstseinsstand ihrer Mitglieder immer mehr dahin, der Entfaltung des individuellen Eigenlebens so wenig wie möglich entgegenzustehen, wie Steiner es seinem „sozialen Hauptgesetz“ formulierte. Die kommunitaristische Perspektive Etzionis steht dieser Einschätzung in nichts nach. „Wir sind soziale Wesen, die aufeinander angewiesen sind“, sagt Etzioni unmissverständlich. Und: „Unsere Gemeinschaften sind ein Teil dessen, was uns bestimmt. Wenn man eine Person aus den gesellschaftlichen Bezügen löst, zerfällt ihre Persönlichkeit in kürzester Zeit.“
Doch wie kommt es, dass uns diese gesellschaftlichen Bezüge heute brüchiger denn je erscheinen? Warum denken wir bei Gemeinschaft häufig als erstes an die eigene Familie, vielleicht noch an unseren Freundeskreis, weniger jedoch an die gesamte Menschheit als globale Gemeinschaft? Haben wir selbst unsere ursozialen Bezüge verloren oder sind unsere Institutionen schlicht nicht mehr in der Lage, uns eine gemeinsame, allesumfassende Heimat zu geben? Folgt man Steiners Gesetz zur sozialen Kausalität, trifft im Kern beides zu, denn es bestehen permanente Wechselbeziehungen zwischen der Verfassung der Individuen und den Gemeinschaften, die sie bilden.

Altlasten der Postmoderne

Ein Blick auf die von integralen Denkern wie jüngst von Steve McIntosh beschriebene Dynamik menschlicher Evolution verdeutlicht, warum wir heute um Gemeinschaft eher ringen müssen. Die Moderne markierte (im Westen) einen Siegeszug der Individualität und gewissermaßen den Abschied von traditionellen Gesellschaftsstrukturen, die durch ein Primat der Gemeinschaft geprägt waren (das in vielen östlichen Kulturen noch weitgehend Gültigkeit hat, sich aber gemäß dem traditionellen Verständnis hauptsächlich auf die eigene Gruppe, Kultur oder Nation beschränkt). Die Kultur der Postmoderne hat sich zwar einen neuen Gemeinsinn bei großer Toleranz von Verschiedenheit auf die Fahnen geschrieben, doch ist es gerade dieses Hohelied der „heiligen Diversität“, das der Entwicklung eines größten gemeinsamen Nenners häufig entgegensteht. Wo jedes Ich im Prinzip unhinterfragbar Recht hat, schrumpft ein möglicher transpersonaler Raum wieder auf die personale Sphäre.

Spirituelle Wende

„Was wir jetzt suchen müssen, ist die Erweiterung dieser Gemeinschaft, die allumfassende Gemeinschaft. Der Hauptgrund, warum wir den Bereich unserer Identität erweitern müssen, liegt darin, dass technologische und ökonomische Prozesse globalisiert wurden und unsere moralischen und politischen Institutionen nicht mit der Entwicklung der ökonomischen und technologischen Kräfte Schritt halten. Eigentlich befinden wir uns während der gesamten Geschichte seit der Moderne immer in einer Art Aufholjagd“, konstatiert Amitai Etzioni. Wie schwer sich die globale Gemeinschaft damit tut, im Zuge dieser Aufholjagd neue institutionelle Formen zu schaffen, zeigt das weltweite Ringen um eine gemeinsame Position im Hinblick auf den Klimawandel. Eine Gesellschaft (und damit auch eine Weltgemeinschaft) kann im Sinne Steiners jedoch immer nur so weit entwickelt sein, wie es das Bewusstsein ihrer Mitglieder ist. Dessen ist sich auch Etzioni bewusst, weshalb er einen Transformationsprozess propagiert, der einerseits die individuelle und soziale Dimension umfasst und andererseits für beide einen Shift auf eine höhere Ebene fordert: „Wir brauchen einen Prozess der Transformation, um unserem Selbst in unserer Gemeinschaft und unserem ökonomischen System einen Sinn zu geben, um somit mehr Zufriedenheit in kommunitarischen und transzendentalen Projekten zu finden. Mit kommunitarischen Projekten meine ich, mehr Zeit mit unseren Familien, Freunden und in unseren Gemeinschaften zu verbringen, mit transzendental meine ich, unseren spirituellen Bedürfnissen mehr Raum zu geben.“

Elegant entwickelt der Meister Eckhart-Preisträger hier eine neue Basis für die Beziehung zwischen Individuum und Gemeinschaft, indem er ihr gemeinsames Sinnfundament auf eine höhere Ebene verlagert. So wird der im Alltag von vielen Menschen schmerzlich wahrgenommene, aber dennoch vermeintliche Widerspruch zwischen dem Ich und einem Wir, das wirklich alle Menschen umfasst, in der spirituellen Sphäre transzendiert, denn in dem Moment, in dem das Ich seiner Transpersonalität gewahr wird, ist es das Wir und die bisherige Trennung und damit Entfremdung von der kollektiven Verbundenheit wird obsolet. Amitai Etzioni betritt hier als Soziologe Neuland, gehört der transzendente Raum doch nicht unbedingt zu den Forschungsfeldern der Soziologie. Doch er legt mit seinem Vorstoß eine wichtige Fährte, weil er das Vorstellbare in Disziplinen, die sich vom Spirituellen bisher eher distanziert haben, erweitert und damit grundlegende spirituelle Fragen in einen umfassenderen gesellschaftlichen Diskurs einbringt.

Das Wir in der Praxis

Doch welche praktischen Folgen erwachsen aus diesen Erkenntnissen? Wie wird aus der Idee gelebte Praxis? Gerade einige zeitgenössische spirituelle Lehrer haben sich dieser Fragen mit dem expliziten Ziel, zur Entstehung einer neuen Wir-Kultur beizutragen, bereits angenommen. Mit seiner Methode „Sharing the Presence“ versucht Thomas Hübl beispielsweise, die Wahrnehmung für verschiedene Standpunkte zu fördern, so dass statt Widerstreit ein gemeinsamer Entwicklungsprozess hin zu transpersonaler Einsicht stattfinden kann. Hübl unterscheidet hierbei verschiedene Grade der Ichbezogenheit beziehungsweise der Fähigkeit, das Wir bereits zu erleben:

- Wir sind sehr im Ich gefangen.
- Wir haben die Fähigkeit, mit dem, was auftaucht, nach einem Prozess der Bewusstwerdung in eine Wir-Perspektive zu gehen.
- Wir erleben alles, was auftaucht, aus einer Wir-Perspektive.
- Wir haben die Welt in allem, was auftaucht, eingebunden.

Entwickeln und fördern lässt sich diese Fähigkeit einer erweiterten Wahrnehmung durch eine spirituelle Praxis des „Sich-aufeinander-Beziehens“. „Sich vom individuellen Fokus loszulösen, schafft Raum. Als Wir leben wir nicht mehr bloß in der Struktur unseres eigenen Zuhauses, sondern zugleich in einem intersubjektiven Raum. Wir schaffen Platz für Kreativität – eine kollektive Kreativität. Sie ist die Grundlage für ein neues Wir. Wir stellen unsere Individualität in den Dienst eines großen Ganzen und werden zu einem Ton in einer Harmonie, die wir erst jetzt erkennen und heraushören“, so Thomas Hübl.

Auch die von Genpo Roshi entwickelte Methode „Big Mind“ kann dazu beitragen, das Wir zu schmecken und es so immer mehr im Alltag zu realisieren. Die Stimme von Big Mind sagt uns: „Es gibt nichts, was ich nicht bin. Ich bin der Beste der Besten, und ich bin auch das Böseste allen Bösen. Ich bin sowohl Heiliger auch eine Sünderin. Nichts ist von mir getrennt oder von mir abgesondert, nichts ist nicht ich.“ Erlauben wir es uns, in diesen Wahrnehmungsraum einzutreten, dann wird das Ich zum Wir. Eine Erfahrung, die so erhebend sein kann, dass wir leicht Gefahr laufen, bei ihr verweilen zu wollen – und uns so wieder in unser Ich zurückziehen. „Nicht um meiner Selbst willen, sondern um des Ganzen willen“, fordert deshalb Andrew Cohen. „Wenn das unsere spontane Reaktion wird, dann ist etwas sehr Bedeutsames geschehen. Unser zuvor eigennütziges Motiv hat sich weiter entwickelt, so dass es sich nun in Übereinstimmung mit dem Beweggrund des expandierenden Universums befindet: der reinen Leidenschaft des Urknalls, dem Gottesimpuls, der unser eigenes authentisches Selbst ist“, hält Cohen die Perspektive des Wir aufrecht.

Wo die persönliche Erfahrung den Schritt vom Ich zum Wir auf der individuellen Ebene markiert, könnte der nächste Schritt auf der gesellschaftlich-gemeinschaftlichen Ebene die Formulierung einer Global Governance sein, die einen entsprechenden politischen Rahmen schafft. So schlägt der integrale Theoretiker Steve McIntosh vor, analog zu Vorbildern wie der Europäischen Union oder den Vereinten Nationen eine Weltgemeinschaft zu bilden, die wirklich das Wir adressiert. In seiner Erklärung für den Wert von Global Governance schreibt er: „Die Welt kann durch die Evolution von Bewusstsein und Kultur zu einem besseren Ort werden. Wir sind alle dafür verantwortlich, Fürsorge und Mitgefühl gegenüber anderen Menschen und den natürlichen und kulturellen Umwelten, in denen wir leben, zum Ausdruck zu bringen. Um diese Verantwortung zu erfüllen und die Errungenschaften des Weltfriedens, der Gerechtigkeit und des Wohlstands zu sichern, brauchen wir eine neue Form von Global Governance, die ihre rechtmäßige Macht durch die Zustimmung der Teilnehmenden erhält.“ Eine Zustimmung, die immer wahrscheinlicher wird, je mehr Menschen ein Wir-Bewusstsein verwirklichen.

Aus Sicht der Anthroposophie sind die von Amitai Etzioni propagierte spirituelle Wende und die Programme spiritueller Protagonisten wie Thomas Hübl und Andrew Cohen zur Entwicklung einer neuen Wir-Kultur nicht grundlegend neu. Rudolf Steiner hat ähnliches bereits vor mehr als hundert Jahren formuliert. Neu ist hingegen der akute Leidensdruck der Weltgesellschaft, diese Wir-Perspektive endlich zu verwirklichen, will sie sich nicht ihrer Zukunftschancen berauben. Und neu ist auch, dass erstmals in größerem Stil über verschiedene Traditionen und Disziplinen hinweg Vertreter aus Spiritualität und Wissenschaft einen virtuellen Schulterschluss proben – ein gutes Zeichen dafür, dass die Bewusstseinsevolution bereits in vollem Gange ist.

dieser Artikel erscheint in der februar-Ausgabe des Magazins info3 - Anthroposophie im Dialog

Literatur
Andrew Cohen: Erleuchtet Leben. Ein Aufruf zur Evolution über das Ego-Bewusstsein hinaus, Via Nova 2003
Amitai Etzioni: Die Verantwortungsgesellschaft. Individualismus und Moral in der heutigen Demokratie, Ullstein 1999
Amitai Etzioni: Die aktive Gesellschaft. Eine Theorie gesellschaftlicher und politischer Prozesse, Vs Verlag 2009
Amitai Etzioni: Preisrede zur Verleihung des Meister Eckhart Preises, Identity Edition, Band 4 (Herausgeber: Identity Foundation, Düsseldorf), J.Kamphausen, 2010 (erhältlich über www.identity-foundation.de)
Thomas Hübl: Sharing the Presence: Wo warst du bis jetzt? Wie Präsenz dein Leben transformiert, J.Kamphausen 2009
Steve McIntosh: Integrales Bewusstsein und die Zukunft der Evolution. Wie die Integrale Weltsicht Politik, Kultur und Spiritualität transformiert, Phänomen Verlag 2009
Dennis Genpo Merzel Roshi: Big Mind: Großer Geist – großes Herz, Aurum 2008

Von der Liebe in Zeiten des Wandels

18. Dezember 2009

Zu Weihnachten: Der beliebteste Text des Jahres 2009 aus info3 zum Weiterschenken

Credo einer wahren Beziehungskultur

Von Cordula Mears-Frei und Jens Heisterkamp

Die Zeiten der unausgesprochenen „Geschäftsbeziehungen“ zwischen Menschen beruhten bislang auf dem Gesetz: „Ich gebe dir ein wenig von dem, dafür gibst du mir ein bisschen davon“. Das gilt im Berufsleben oder in der Wirtschaft ebenso wie in Beziehungen mit Kindern oder zwischen Partnern. Wir haben dieses Motto lange geübt und gut gespielt. Aber wenn etwas perfekt wird, verliert es seine Kraft und die Evolution zwingt uns in eine neue Entwicklungsstufe.

Diese neue Form von Beziehung beruht auf absoluter Freiwilligkeit. Und: auf absoluter Verantwortlichkeit. Dadurch, dass offenbar werden wird, wie alles, was ist, eine direkte Antwort ist zu dem, was ICH selbst bin. Das Schuldspiel wird aufhören. Das Opfer-Tätersystem funktioniert an vielen Stellen nicht mehr. Nicht zwischen Patient und Arzt, nicht zwischen Schüler und Lehrer, nicht zwischen Eltern und Kind, nicht zwischen Regierung und Wählern.

Wir können das an unseren Kindern beobachten: Sie spielen schlichtweg nicht mehr mit, stoßen uns zurück und verzichten lieber auf einige Nettigkeiten, als sich in diesen Strukturen einfangen zu lassen. Beziehung beruht heute auf einer neuen Form der Gemeinschaftlichkeit, auf Ebenbürtigkeit, auf dem vollen Respekt, dass All-Es, was ich im anderen sehe, auch „Ich“ selbst bin.

Der Prozess, der alle verbindet

Wir sehnen uns mehr denn je nach umfassender Ganzheit und das wird immer offensichtlicher, während die Ersatzbefriedigungen mehr und mehr wegfallen und wir einen Geschmack davon bekommen, dass die Erfahrung einer authentischen Lebensform möglich ist. Manche von uns haben das bereits in biographischen Ausnahmesituationen dramatisch und eindrucksvoll erleben können. Das Ego – der unbewusste Mensch in uns –, noch in den alten Strukturen denkend, stürzt sich gierig auf diese kostbaren Sternstunden und möchte sie archivieren, festhalten, einfrieren; so, dass sie immer neu wiederholbar werden. Aber wir stellen immer mehr fest, dass es keinen individuellen Beziehungsprozess mehr gibt, alle gehen und alles geht durch dieselben Prüfungen, dieselben Strukturen, dieselben Schatten. Buchstäblich alle erleben die gleiche Glückseligkeit, wenn sich für einen kurzen Moment das Ego zurückzieht und echte Begegnung von Herz zu Herz und Geist zu Geist im Tempel des Körpers möglich wird. Das ist nichts Einzigartiges; wirklich alle können und werden das erfahren und alle werden deshalb in eine große Krise stürzen. Unser eingeschränktes Selbst will sich in seiner Einzigartigkeit suhlen: „Endlich habe ich den Partner, das Projekt, die Aufgabe gefunden, mit dem es anders wird. Endlich! Ich bin gesehen und erkannt und ich erkenne den anderen ganz.“ Und nach kurzer Zeit wiederholt sich das Drama, weil das Kollektiv der Menschheit noch keine neuen Formen erschaffen hat, welche, Lichtbahnen gleich, eine Spur vorgeben würden, wie das Neue gelebt werden könnte. Immer wieder suchen wir Sicherheit in Konventionen und äußeren Formen, wo sie doch alle so offensichtlich versagt haben.

Worin liegt das Kommende? In der neuen Liebe werden wir zum Gefäß für ES; und alles, was wir noch für uns selbst haben möchten, wird sich verlieren, in der gemeinsamen Kraft, die wir durch einander potenzieren, wenn wir die alten Muster auflösen. Wir werden erstaunt sein, dass man sich trennt, ohne Schmerz und ohne Verhaftung, wenn dieser nächste Schritt für den einen oder anderen von uns (noch) nicht möglich ist oder er ihn nicht zu gehen wünscht. Keine alten Schulden bleiben bestehen. Wir sind frei und erschaffen genau jetzt einen Beziehungsraum der freien Liebe. Sie ist absolut bedingungslos und absolut verbindlich. Die Verbindlichkeit richtet sich nicht mehr auf die Person, sondern auf die Bereitschaft, den eigenen inneren Prozess selbstverantwortlich und in voller Tiefe zu bejahen.

Die Arbeit, die jeder tun muss

Dies bedeutet, dass wir eine große Arbeit zu verrichten haben, denn als Erstes müssen alle alten Glaubensmuster und Projektionen erkannt und transformiert werden. Dabei gilt es aufzuräumen, überall da, wo wir noch Altlasten im Keller haben: Bei und mit unseren Eltern (auch wenn sie vielleicht schon gestorben sind), bei unseren Kindern, bei unseren Ex-Partnern und bei allen Menschen, die uns einmal in irgendwelcher Form verwundet haben und die wir verwundet haben. Der Wandel der Zeit fordert, dass wir an diese Orte zurückgehen, innerlich oder direkt, allein oder mit therapeutischer Hilfe, und vor Ort diese Schmerzen klären und bereinigen. Wir werden fühlen müssen; die unbändige Wut, die Trauer, den Schmerz, der in uns allen verborgen lebt für alles, was uns vorenthalten und in uns verdrängt wurde; für jeden Augenblick der Unwahrheit und der Lüge, die wir für einen anderen leben mussten oder einem anderen zugemutet haben.

Wenn wir den Schmerz ganz fühlen, dann fallen wir sofort und unweigerlich in die Liebe. Zu genau all diesen Menschen. Und dieser erste Schritt ist unerlässlich, ist das erste Tor für eine Heilung, um überhaupt in dieser Welt beziehungsfähig zu werden! Wir wollen nicht länger mit Leichen, toten Kindern und längst verlorenen Ehepartnern verheiratet sein, ohne ihre schattenhaften Auswirkungen auf unsere Herzensunschuld zu erkennen. Wir wollen nicht mehr unsere Kinder, Geschäftspartner, Freunde und Geliebten bedrängen und zerstören, indem wir mit der Brille einer gespenstischen Vergangenheit auf sie blicken.

Und wie können wir beginnen? Kein Weg öffnet diese Türe, außer jenem der vorbehaltslosen Erkenntnis, dass es anders keine Weiterentwicklung geben kann. Wir werden sonst gleich maskenhaften Fratzen immer dieselben Dramen wiederholen und immer neue Menschen dazu benutzen, die alten Spiele fortzusetzen. Aber das greift immer weniger und immer weniger sind Menschen dazu bereit. Das bisschen Befriedigung, das sich das Ego daraus zieht, ist ein Staubkorn gegen das Versprechen, von dem wir wissen: das Versprechen einer neuen Ebenbürtigkeit. Die neue Beziehungsform bezieht sich nicht mehr auf den anderen. Sie bezieht sich auf das Dritte zwischen uns – gleich einem Dienst an der Welt. Dieses Dritte aber umfasst den ganzen Zauber, nach dem wir uns sehnen, denn der Gast zwischen uns ist dann die Liebe selbst.

Beginnen wir also, die Liebe anzubeten und nicht mehr unseren Partner. Dabei müssen wir Geduld entwickeln für viele mühevolle Schritte, so klein sie auch scheinen. Wir werden erbarmungslos und hart sein, vor allem gegen uns selbst, wenn die Liebe es fordert, aber wir dürfen auch dem anderen nicht erlauben, seine alten Projektionen fortzuführen.

Und natürlich werden wir dabei verletzt werden, immer aufs Neue, in einer Art und Weise, dass wir vielleicht sterben möchten. Aber wer wird verletzt? Und wer schneidet hier? Es ist das Schwert des Todes, welches das Alte besiegt und sterben lässt. Es ist ein Sterben. Wir wissen das und fühlen es und es erfüllt uns mit Grauen. Denn es gibt keinen Tod mehr, der nicht schon zu Lebzeiten vollzogen werden müsste.

Das Dunkel, durch das wir gehen

Was wir jetzt erleben, fühlt sich wie die Hölle an. Aber wir entwickeln uns daran, wir ent-wickeln die ganze Menschheitsstruktur von Gewohnheiten und Erwartungen, wir entwirren die Vermischungen von Fremdbestimmung und Fremdbeeinflussung und wir schürfen uns dabei frei von all dem, was unsere Persönlichkeit im Gefängnis der Illusion bewahren möchte. Die große Illusion, dass Liebe sich in der Person des anderen beantworten könnte. Wir fahren alle Abwehrmuster auf, die es nur geben kann, um dieser Realität aus dem Weg zu gehen; Beschuldigungen, Abwehr, Flucht, Isolation, Hass, Kritik, Rückzug, Angriff, Manipulation, Kontrolle. Alle diese emotionalen Strukturen sind wir; sind wir Menschen. Das ist unsere Realität – die eine Realität, die wir immer neu umgehen wollen. So sind wir beschaffen, das ist der Stoff, aus dem wir gewoben sind. Und wenn wir ein neues Kleid suchen, dann muss der Stoff aus neuen Kräften erst gewoben werden, aus eigener Kraft, aus eigenem Willen und aus kontinuierlicher Arbeit. Nicht, weil wir dann mehr lieben würden – sondern damit die Liebe per se in uns einziehen kann. Die Kräfte, die dies ermöglichen sind Mut, Ausdauer, Treue, Kompromisslosigkeit, Ehrlichkeit und Echtheit.

Und nur wenige werden diesen Weg weitergehen. Viele schlafen ein, lassen sich von den ersten Gespenstern erschrecken, welche uns grotesk und zugegeben horrorhaft unsere wahren Gesichter zeigen. Alles wird sich zeigen und alles wird auf diesem Weg bloßgelegt. Das ist schwer zu verkraften und lässt uns oft verzweifeln. Ruhe und innere Sicherheit können wir dabei gewinnen, wenn wir immer wieder in uns selbst zurücksinken und wahrheitsgetreu hinterfragen, was der andere mir über mich selbst zu sagen weiß.

Wir brauchen den anderen dabei, denn alleine sind wir gar nicht fähig, diese Strukturen aufzubrechen, es sei denn wir wären bereits spirituelle Meister, die sich selbst im Antlitz der eigenen Meisterschaft die dunkelsten Schatten spiegeln können. Wenn wir aber nur das Licht suchen, ohne uns selbst in dem zu begegnen, was im Innern der Umwandlung bedarf, dann lagern wir Verantwortung aus, übertragen diese Aufgaben anderen Menschen. Und dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Partner, der den Weg willig mit uns gehen wollte, einen anderen Partner finden wird, der sich in Treue zu einer Entscheidung so hineinstellt, dass er verantwortlich sein kann für all seine eigenen inneren Bilder und Glaubensmuster.

Die Liebe, die zwischen uns einkehrt

Eines ist auf diesem Weg unabdingbar: Wir müssen alle Bilder fahren lassen, die wir uns vom anderen und von Beziehung gemacht haben; jede Vorstellung von Zukunft, jede Erwartung zerstört den zarten Keim dessen, was die Liebe mit uns vorhat. Das gilt für den Liebsten und die Liebste, es gilt aber genauso für unsere Kinder und für jede Initiative, die wir gemeinsam mit anderen anpacken, auch die Projekte, die wir mit unseren spirituellen Bewegungen verbinden. Wir müssen es so gänzlich loslassen, dass „es“ in absoluter Reinheit und Klarheit zu uns kommen kann, ohne das wir es „gemacht“ haben. Ohne dass wir es gedacht haben. Ohne dass wir es wiederholen möchten. Ohne dass wir darin ein Ziel festlegen. Ohne dass wir daraus einen Nutzen ziehen wollen. Gänzlich und vollkommen frei, von allen Absichten.

Wenn die Liebe zwischen uns einkehrt, dann wird es ungemütlich, denn als erstes zerstört sie alles, was wir an Vorstellungen noch in uns tragen. Sie verbrennt uns, und wir werden leiden. Und wir werden ekstatisch jubeln. Und dann wieder leiden. Und so weiter, bis auch der letzte Rest von Asche noch verbrannt ist – und nichts mehr übrigbleibt, als eine unendliche, bedingungslose, treue und absolut verbindliche Liebe zu allem und jedem Sein auf dieser Erde. Solange wir noch selektieren, solange wir einen bestimmten anderen oder etwas bestimmtes anderes lieber mögen, wenn wir ausgrenzen und filtern, oder wenn der andere nur so und anders nicht richtig für uns ist – solange hat die Liebe uns noch nicht richtig durchfeuert und gebrannt. Dann halten wir noch an Trennung, Separierung und Exklusivität fest. Ein gutes Liebespaar, gute Eltern oder eine gute Führungskraft wird man daran erkennen, inwieweit sie nicht mehr favorisiert, bevorzugt, fördert, kritisiert – inwieweit sie stattdessen alles in ihrer Liebe umfassen und bestehen lassen kann. Wer sich so entwickelt, wird dabei nicht nett sein und auch nicht umgänglich. Er oder sie wird fordern, brüllen und toben. Er oder sie wird gütig sein und voll von Geduld. Aber niemals, niemals wird hier ein Ziel eine Rolle spielen, welches zwischen ihm oder ihr und dem anderen Menschen steht, er oder sie wird sich kein Bild machen und statt dessen in absoluter Offenheit das sehen, erkennen und in das eigene Herz nehmen, was ist.

Unser Herz wird auch groß genug sein, den anderen innerlich sterben zu sehen und ihn seine eigenen Wege gehen zu lassen. Wir werden gelassen und voller Geduld wissen, dass, wohin auch immer der andere geht, er immer neu die Liebe erfahren wird; die Liebe, die unbezähmbar, unvorhersehbar, unkontrollierbar ihren Weg nimmt und sich nicht darum schert, wie viele Tränen sie dabei verursacht. Sie fordert alles und noch mehr, sie fordert, dass All-Es NICHTS wird.

Vollkommene Leere und Stille, Geistesruhe. In dieser vollkommenen, perfekten Ruhe, wo alles geschehen ist und nichts mehr sein muss, gebiert sie sich aus ihrer eigensten überpersönlichen Kraft in das zutiefst Menschliche. Und wenn dieser Tempel geöffnet wird, um andere Menschen, Projekte, Ideen und Geistesfunken als eine neue Art der geistigen Elternschaft zu begleiten, dann feiern wir ein neues Fest der Initiation, wo sich Menschen zusammentun – tun, das heißt in einem willentlichen Akt und nicht in fremdbestimmter innerer Abhängigkeit. Dann offenbart sich das Potential, das auf der Erde sichtbar machen wird, wohin wir in der evolutionären Entwicklung gerade eben hinstreben. Nichts weiter als das. Und dann kommt das Nächste. Und wieder gilt es zu sterben, und ein neues Fest zu feiern, wenn ein neues Leben erwacht.

So war es immer und wird es immer sein. Wenn wir uns dabei selbst nicht so wichtig nehmen, entsteht Ruhe und Gelassenheit. Und es kann das geschehen, was unweigerlich früher oder später geschehen wird.

Dieser Text erschien in der Oktoberausgabe 2009 der Zeitschrift info3 - Anthroposophie im Dialog

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Kapital als Verantwortung

11. November 2009

Alanus Hochschule und info3 diskutieren neue Firmenmodelle / Buchneuerscheinung Kapital=Geist gab den Anstoß

Von Nadja Rosmann
Die Wirtschafts- und Finanzkrise illustriert eindrücklich, wie sehr sich die Kapitalmärkte in den letzten Jahren von der Realwirtschaft entfernt haben. Längst sind Aktien oder Kredite nicht mehr allein ein Mittel, das Unternehmen dazu dient, die eigene Geschäftstätigkeit zu finanzieren, sondern sie wurden zum Spekulationsobjekt an sich. Die Alanus Hochschule warf in einer gemeinsamen Veranstaltung mit dem info3 Verlag die Frage auf, wie eine Neudefinition von „Kapital als Verantwortung“ aussehen könnte. „Kapital ist aus der Vergangenheit geronnen und es stellt sich die Frage, wie wir damit die Zukunft gestalten können“, formulierte Prof. Dr. Steffen Koolmann, Leiter des Instituts für Sozialwirtschaftliche Unternehmensführung der Alanus Hochschule, den Arbeitsauftrag des Werkstattgesprächs.

Die anthroposophischen Unternehmen Stockmar, Wala, Sonett und der info3 Verlag selbst stellten innovative Ansätze vor, mit denen sie ihre Eigentumsverhältnisse „neutralisiert“ haben. Dabei geht es ihnen nicht darum, privates Eigentum per se zu diskreditieren, sondern neue Perspektiven zu schaffen. Wenn Stockmar-Geschäftsführer Peter Piechotta davon spricht, dass „ein Raum entsteht, in dem etwas stattfinden kann“ oder Sonett-Geschäftsführerin Beate Oberdorfer darauf hinweist, dass sich das „Wesen eines Unternehmens“ am besten außerhalb eines Korsetts von Besitzverhältnissen entfaltet, wird augenscheinlich, welcher Kategorienfehler sich in den letzten Jahrzehnten im Wirtschaftssystem etabliert hat. Wo vielerorts Geld, Waren und Gewinn im Vordergrund stehen, betonen die anthroposophischen Unternehmer schöpferische Potenziale und menschliche Entfaltung.
Vor dem Hintergrund einer aus den Fugen geratenen Weltwirtschaft mutet dieser Blickwinkel vielleicht idealistisch an, doch bei näherem Hinsehen erkennt man leicht: Gerade das Fehlen solcher substanziellen Bezüge über viele Jahrzehnte hat letztlich zur Überhitzung der Märkte geführt, ja dazu, dass es in vielen wirtschaftlichen Prozessen längst nicht mehr um dem Menschen dienende Entwicklungen geht, sondern schlicht darum, abstrakte Kapitalinteressen zu bedienen. Und gerade diese Eigendynamik eines entpersönlichten Marktes ist es, der sich anthroposophische Unternehmen mit ihren neutralisierten Besitzverhältnissen entziehen. „Wenn man sich wie Wala nicht über den Kapitalmarkt finanziert, sondern aus den Unternehmensgewinnen, die über ein Stiftungsmodell in die Liquiditätssicherung fließen, hat man hohe Freiheitsgrade“, sagt etwa Wala-Geschäftsführer Dr. Philip Lettmann. Und gerade diese Freiheit ist es, die dem Unternehmertum wieder eine lebensfördernde Ausrichtung verleihen kann, denn: „Das Ziel des Wirtschaftens ist nicht Gewinn, sondern die Befriedigung von Bedürfnissen“, so info3-Geschäftsführer Ramon Brüll.

Genau hier stößt das konventionelle Wirtschaften zunehmend an seine Grenzen, denn immer mehr Lebensbereiche werden einer Kommerzialisierung unterzogen, die ausschließt, anstatt zu dienen. Die Privatisierungswelle in Ländern und Kommunen der letzten Jahre illustriert, dass selbst elementare Notwendigkeiten wie der Zugang zu Wasser und Strom oder dem Dach über dem Kopf nicht mehr menschlichen Bedürfnissen folgen, sondern einer Marktlogik untergeordnet werden. „Hier stellt sich nicht allein die Frage des Besitzes, sondern es geht um Zugangs- und Nutzungsrechte und die Verbindung von Menschen untereinander“, sagt Dr. Antje Tönnis von der GLS Treuhand, die mit der Idee der Gemeingüter eine Alternative zum kapitalistischen Besitzdenken vorstellte.

In diesem Sinne kann Kapital genau dann Verantwortung entfalten, wenn es nicht trennt, sondern Gemeinsamkeiten und neue Gestaltungsräume schafft. Das Werkstattgespräch illustrierte eindrücklich, welche Vielfalt an funktionierenden Modellen es bereits gibt, die als Präzedenzfälle nicht auf die Welt der Anthroposophie beschränkt sind, sondern gesellschaftlichen Vorbildcharakter haben.

Die vorgestellten Modelle finden sich auch im Buch Kapital=Geist. Pioniere der Nachhaltigkeit. Anthroposophie in Unternehmen, Hrsg. von Jens Heisterkamp, 176 Seiten, € 24,-, info3 Verlag, Frankfurt, ISBN 978-3-924391-42-3.

Aktion ELIANT: Millionenziel in greifbarer Nähe

26. Oktober 2009

Mit einer groß angelegten Unterschriftenaktion will die Initiative ELIANT (Europäischen Allianz von Initiativen angewandter Anthroposophie) den praktischen Arbeitsfeldern der Anthroposophie in der Europäischen Union künftige eine deutlich hörbare Stimme geben. Eine Million Unterstützer sind dazu nötig – eine Zahl, die mittlerweile in greifbare Nähe gerückt ist. Info3 fragte bei drei Gründungsmitgliedern von ELIANT nach den Hintergründen des Projekts.

Interview
Wie erklärt sich eigentlich die hohe Zahl nötiger Unterschriften und warum ist es so wichtig, dass ELIANT diese Millionen-Grenze überschreitet?
Nikolai Fuchs: Eine Million ist einfach eine magische Zahl vor dem Hintergrund der Größe der EU. Daneben sieht der Reformvertrag von Lissabon vor, dass ein Bürgerbegehren mit einer Million Unterschriften die Kommission auffordert, sich mit dem Anliegen dieser Bürger zu beschäftigen. Auf diesen Reformvertrags-Passus wollen wir uns beziehen, wenngleich dieser Passus streng genommen auf ein konkretes Gesetzesvorhaben hinauslaufen sollte.

Michaela Glöckler: Zum anderen ist die Zahl aber auch ein klares Erfordernis für ein repräsentatives zivilgesellschaftliches Engagement. Große zivilgesellschaftliche Organisationen wie Amnesty International oder Greenpeace bewegen nicht nur wegen ihrer konstruktiven Ziele die Welt, sondern auch aufgrund der repräsentativen Unterstützung, die sie in breiten Kreisen erfahren. Eine solche Unterstützung brauchen wir auch für die humanitären Ziele der anthroposophischen Initiativen und deren Mitarbeit im werdenden Europa.

Was kann sich konkret für die anthroposophischen Praxisfelder durch das Gelingen der Aktion ändern? Was geschieht genau, wenn die Millionengrenze tatsächlich überschritten wird?
Christof Wiechert: Die Eliant-Aktion wird hoffentlich einen Beitrag dazu leisten, dass viele Menschen sich bewusst machen, wie die Zukunft ihrer Arbeits- und Lebensfelder heute beeinflusst wird. Im europäischen Demokratieverständnis wird nur dann etwas bewegt was die Menschen angeht, wenn sie sich selber engagieren, wenn sie verstehen was geschieht und beteiligt sein wollen, wenn es entschieden wird.

Nikolai Fuchs: Im Konkreten kann das zum Beispiel eine andere, freilassendere Zulassungspraxis für anthroposophische Medikamente bedeuten, oder eine freiheitlichere Gesetzgebung für die Landwirtschaft. Wichtig ist für die EU-Kommission zu sehen, dass es wirklich Menschen gibt, die so etwas wollen. Gute Ideen sind in Brüssel das Eine. Mindestens ebenso wichtig ist in einer Demokratie der geäußerte und damit wahrnehmbare Wille der Bürger.

Inwiefern bedeutet eine solche Aktion auch, dass sich die anthroposophischen Praxisfelder jetzt und künftig deutlicher öffentlich positionieren müssen - und können?

Michaela Glöckler: Es braucht heute gerade seitens der Vertreter anthroposophischer Praxisfelder das verstärkte zivilgesellschaftlich-soziale Engagement. Schon Rudolf Steiner hatte nach dem ersten Weltkrieg immer wieder - meist vergeblich - betont, dass es nicht reicht, sich mit Anthroposophie zu beschäftigen und seine Vortragsmanuskripte und Bücher zu studieren. Vielmehr komme es darauf an, „Anthroposophie zu tun“. Das aber geschieht in der Öffentlichkeit und muss diese auch vollumfänglich mit berücksichtigen. Anthroposophische Aktivitäten wollen ja nicht den kleinen Kreis tätiger Anthroposophen beglücken, sondern die Arbeitsfrüchte der Anthroposophie der Kulturwelt zur Verfügung stellen. ELIANT will dafür ein positives Zeichen setzen.

Nikolai Fuchs: Damit kann dann auch zukünftig die Frage verbunden sein, wie die anthroposophischen Praxisfelder denn zu Diesem und Jenem stehen. Das wird die Berufsverbände stärker als bislang fordern, abgestimmte Positionen zu erarbeiten und relativ schnell zur Verfügung zu haben. Das wird eine Herausforderung sein, die wir aber suchen und auch suchen müssen, um mit unseren Anliegen vorwärts zu kommen.

Die Fragen stellte Jens Heisterkamp.

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