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Das Info3 Blogland

Berichte aus der Gegenwart

Private Schulen: Konkurrenz für Waldorf?

30. Juni 2009

Deutschlands Schullandschaft ist in Bewegung: Seit Jahren gibt es einen anhaltenden Trend zu Neugründungen von Schulen in freier Trägerschaft. Dabei wächst der Kreis der Anbieter und Initiativen: Das Spektrum reicht von den großstädtischen Phorms-Schulen über die „Neue Schule Hamburg“ der Popsängerin Nena bis hin zu kleinen freien Dorfschulen in ländlichen Gegenden. Waldorfschulen müssen sich auf zunehmenden Privatschul-Wettbewerb einstellen.

Von Laura Krautkrämer

Neun Jahre nach dem Pisa-Schock haben immer mehr Eltern Bedenken gegenüber dem öffentlichen Schulsystem und fühlen sich selbst für entscheidende Weichenstellungen bei der Bildung ihrer Kinder verantwortlich – auf etwa 25 Prozent schätzt der Verband deutscher Privatschulen den Anteil der Eltern, die ihre Kinder gerne auf eine Privatschule schicken würden. Neben den bisherigen „Platzhirschen“, den über 2.000 kirchlichen Privatschulen sowie den gut 200 Freien Waldorfschulen in Deutschland, drängen verstärkt weitere Anbieter auf den Bildungsmarkt und versprechen besorgten Eltern, alles für einen optimalen Start der Bildungskarriere ihrer Sprösslinge zu tun. In deutschen Großstädten überwiegen dabei Ganztagsangebote, die berufstätigen Eltern besonders flexible Betreuungsmöglichkeiten und den Schülern ein abwechslungsreiches und anspruchsvolles Bildungsprogramm bieten, in der Regel mit bilingualen Unterrichtsangeboten und Projektarbeit, die über den starren fachbezogenen Tellerrand hinausblicken soll. Auch das in Privatschulen übliche Schulgeld, oft allerdings auch einkommensabhängig gestaffelt, schreckt die Eltern nicht ab, obwohl an manchen Schulen bis zu 1.000 Euro für einen Ganztagesplatz fällig sind. Während öffentliche Schulen mit hohem Migrantenanteil aus Elternsicht oft nicht gerade Bonuspunkte sammeln, schmücken sich viele Privatschulen mit ihrer Internationalität, die in diesem Zusammenhang freilich anders gelagert ist und eher die Mitarbeiter internationaler Konzerne im Blick hat. Kinder aus bildungsfernen Schichten, ob Migranten oder nicht, landen heute ebensowenig in einer Privatschule wie vor zwanzig Jahren.

Pragmatischer Mix
Die größte Auswahl, wenn es um die Frage geht, an welcher privaten Schule sie ihre Kinder unterbringen möchten, haben derzeit wohl die Berliner Eltern – ob sie dann einen der begehrten Plätze erhalten, bleibt trotz des breiten Angebots aber auch dort spannend. Ob Private Kant-Schule, Berlin Metropolitan School, Islamische Grundschule oder College Voltaire: Allein 43 verschiedene private Grundschulen listet www.privatschulberatung.de in Berlin auf. Eine weitere kommt im Sommer 2009 dazu, dann öffnet die erste Familienservice Schule ihre Tore. Sie ist die konsequente Weiterentwicklung des Angebots der von zahlreichen Unternehmen bundesweit genutzten pme Familienservice GmbH, deren Konzept für flexible Kinderkrippen und -tagesstätten die Sozialwissenschaftlerin Gisela Erler vom Deutschen Jugendinstitut bereits 1991 im Auftrag von BMW entwickelte. Über 450 Firmenkunden nutzen mittlerweile das Modell, das ihre Mitarbeiter bei der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützen soll. Der Pilotschule in Berlin sollen offenbar weitere Schulen folgen, alle mit internationaler Ausrichtung, Englisch ab der ersten Klasse, individueller Förderung und, nicht zuletzt, konsequenten Öffnungszeiten von 6 bis 18 Uhr.

Bundesweite Bewegung
Auch bundesweit tut sich einiges auf dem Privatschulmarkt. Insbesondere Ballungszentren wie das Rhein-Main-Gebiet sind auch für überregional agierende Schulnetzwerke interessant. In Frankfurt am Main etwa sind allein in den vergangenen drei Jahren vier neue Schulen gegründet worden: Aktive Schule, Metropolitan und Phorms School sowie Erasmus-Schule, weitere Neugründungen sind geplant. Die Phorms-Schule Frankfurt ist ein Ableger der überregional agierenden Phorms Management AG, des ersten Unternehmens, das in Deutschland mit Privatschulen Geld verdienen will, und wird im Sommer 2009 bereits erweitert (Interview in der Printausgabe). In Wiesbaden eröffnete 2008 Campus Klarenthal, dessen Konzept von Enja Riegel stammt, der ehemaligen Schulleiterin der staatlichen Helene-Lange-Schule in Wiesbaden, die im Pisa-Test 2000 durch herausragende Ergebnisse positiv in die Schlagzeilen geriet. Theaterarbeit, fächerübergreifender Unterricht, Garten-, Stein- und Pferdewerkstatt sind einige der pädagogischen Bausteine in Klarenthal.
Die Konzepte variieren, doch interessant ist, dass die neuen Privatschulen weniger dogmatisch bestimmten reformpädagogischen Ansätzen verpflichtet sind, sondern eher pragmatisch einen Mix aus neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Lernverhalten, individueller Förderung und, ganz wichtig, Internationalität bieten. Das scheint in der Praxis ganz gut zu funktionieren, immerhin erwarten die zahlenden Eltern auch einiges für ihr Geld und sind kritische „Kunden“.

Konsequenzen für die Waldorfschulen?
Welche Auswirkungen hat das alles für die Waldorfschulen? Für großstädtische Schulen scheint die wachsende Konkurrenz bisher keine Bedrohung darzustellen, die Anmeldelisten sind weiterhin lang und die verfügbaren Plätze reichen längst nicht aus, um alle Interessenten zu berücksichtigen. Im ländlichen Raum ist die Lage anders: Kleine Schulen in strukturschwachen Gegenden spüren es empfindlich, wenn ein Teil der Eltern, die an einer privaten Schule interessiert sind, sich für Alternativen entscheiden. In Bayreuth steht bereits die erste Waldorfschule vor der Schließung, zunächst pausiert die Schule offiziell nur für ein Jahr, alle Schüler haben die Möglichkeit, auf die Partnerschule in Wernstein zu wechseln.
Ein weiterer Faktor wird in den kommenden Jahren immer bedeutsamer werden. Der fortschreitende Ausbau der frühkindlichen Betreuung in Kinderkrippen führt dazu, dass sich heute bereits die Eltern von Kleinkindern mit pädagogischen Konzepten und Angeboten auseinandersetzen und dann eine Wahl treffen, die oft für den weiteren Bildungsweg der Kinder ausschlaggebend sind. Die typische „Waldorfkarriere“ beginnt bisher in der Regel im Waldorfkindergarten, an dessen Besuch sich bei vielen Kindern ganz selbstverständlich die Einschulung in die Waldorfschule anschließt. Gerade gut ausgebildete junge Mütter, für deren Berufstätigkeit flexible Betreuungszeiten vonnöten sind, suchen aber heute meist schon vor dem Kindergartenalter nach einem überzeugenden pädagogischen Konzept – in der boomenden Landschaft der Kinderkrippen sind Waldorf-Einrichtungen jedoch, von wenigen Ausnahmen abgesehen, nahezu nicht-existent. Ein nicht unbedeutendes Potenzial interessierter Eltern wird so von der Waldorfbewegung weg-kanalisiert, solange hier waldorfspezifische Angebote fehlen.

Es ist deutlich, dass die Waldorfschulen angesichts der neuen Wettbewerbsituation ihr eigenes Profil schärfen und klarer kommunizieren müssen, denn die Zeiten, in denen sie neben den kirchlichen Schulen als die Alternative zum öffentlichen Schulsystem wahrgenommen wurden, sind endgültig vorbei und der Anteil der Eltern mit anthroposophischem Hintergrund ist verschwindend gering. Zahlreiche Elemente der Waldorfpädagogik sind außerdem längst pädagogisches Allgemeingut, ihr ganzheitlicher Ansatz hat viele Befürworter. Im bildungspolitischen Diskurs werden die Waldorfschulen trotz vielversprechender Fortentwicklungen viel zu selten als innovativ und zukunftorientiert wahrgenommen, was in manchen Fällen auch an Konservativismus, ungenügender Transparenz oder mangelnder Kommunikationsbereitschaft seitens der Schulen liegen mag. Spannend also, inwiefern der wachsende Druck durch die Privatschul-Konkurrenz in nächster Zukunft die Entwicklung eines klaren Leitbildes der Waldorfschulen beeinflussen wird.

Die Vollversion dieses Artikels lesen Sie in der Juli/August-Ausgabe von info3 – Anthroposophie im Dialog
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Von der Ich AG zur Wir-Gesellschaft

21. Juni 2009

250 Fachbesucher diskutierten auf der 3. KarmaKonsum Konferenz in Frankfurt über neue Impulse für nachhaltiges Wirtschaften

Von Laura Krautkrämer

Die Wahl des Ortes sprach für sich: Mit der alten Frankfurter Börse hatten die Organisatoren der 3. KarmaKonsum Konferenz am 19. Juni 2009 einen symbolträchtigen Veranstaltungsort gewählt. Gleich neben dem früheren Börsenparkett, in Räumlichkeiten, die eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands verbunden sind, trafen sich rund 250 Fachbesucher, um über neue Impulse für nachhaltiges Wirtschaften zu diskutieren. Auch anthroposophische Unternehmen waren vertreten.

Neun kompetente Referenten, teilweise selbst Unternehmer im sozialen oder nachhaltigen Segment oder in den Bereichen Unternehmensberatung und Marktforschung tätig, stellten eine große Bandbreite an Themen und Praxisbeispielen rund um „Strategien für LOHAS und neues Wirtschaften“ vor. Simonetta Carbonaro (Realise Strategic Consultants) schilderte in ihrem mitreißenden Eröffnungsvortrag, wie die herkömmlichen Marketingstrategien in den Teufelskreis der „Zuvielisation“ geführt haben, dem ein von immer mehr kritischen Konsumenten angestrebter neuer Lebensstil der „Nüchternen Glücklichkeit“ gegenüberstehe. Von der Ich AG zur Wir-Gesellschaft – diesen Weg gestalten Carbonaros Beobachtung nach immer mehr Unternehmer und Verbraucher, die anstelle einer Konsumkultur des Habens eine Kultur des Seins anstreben.
Fast alle Redner betonten die Bedeutung des Internet mit seinen viralen Strukturen, die neue Formen des Informationsaustausches und der Gruppenbildung ermöglichen und der Vermarktung von Nischenprodukten völlig neue Chancen eröffnen. Überkommene Formen des push marketings sind dort fehl am Platz, wie Max Wittrock, einer der jungen Unternehmensgründer von mymuesli.com anschaulich schilderte. Bernd Draser von der Kölner Akademie für Gestaltung ecosign stellte gelungene Beispiele für nachhaltige Gestaltungs-Ideen seiner Studenten vor, die spielerisch und doch sehr reflektiert Elemente des „Geiz ist geil“-Marketings aufgegriffen und in einem verfremdeten Kontext ad absurdum geführt haben, indem sie etwa mit klassischer Discounter-Bildsprache zum Konsumverzicht aufrufen oder für Biodiversität werben.
Wie im Vorjahr gehörten mehrere Unternehmen mit anthroposophischem Hintergrund zu den Sponsoren und Partnern der Konferenz, so die GLS Bank, die Triodos Finanz und Dr. Hauschka Kosmetik. Info3 war in diesem Jahr als Medienpartner mit von der Partie. Ebenfalls unter den Vortragenden war ein anthroposophischer Unternehmer: Götz Rehn schilderte, welche Grundsätze sein unternehmerisches Handeln bei Alnatura prägen, das auf den Ideen Rudolf Steiners zur Sozialen Dreigliederung fußt. Er entwarf ein Bild von sinnvoll gestalteter Wirtschaft, die durch das Prinzip der Brüderlichkeit geprägt wird. Der Gewinn eines Unternehmens sei nicht das Ziel, sondern der Weg, das Mittel zum Zweck, und die sinnvolle Gestaltung der Wirtschaft eine Kulturaufgabe.
Im Anschluss an die Konferenz wurde am Abend der erste KarmaKonsum Gründeraward verliehen, den die LeaseRad GmbH entgegennahm. Außerdem vergab die Jury noch einen Sonderpreis für Social Innovation, der an Pfandtastisch helfen ging.

Reinkarnation in Kirchenkreisen „längst etabliert“?

21. Juni 2009

Wenn man schon an ein Leben nach dem Tode glaubt, dann sei dafür die Wiederverkörperung die beste und konsequente Form , meinte bereits im 19. Jahrhundert der Philosoph Gideon Spicker im Blick auf Lessing, der schon ein Jahrhundert zuvor diese Idee vertreten hatte. Inzwischen halten durchschnittlich rund 31 Prozent der Kirchgänger beider großer Konfessionen Wiederverkörperung für möglich. Mit diesen Zahlen weist die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in einem aktuellen Beitrag auf die wachsende Akzeptanz des Reinkarnationsgedankens gerade in kirchlichen Kreisen hin: „Der Glaube an die Reinkarnation ist auch im Christentum längst etabliert“, so die Einschätzung von Autor Christian Ruch im jüngsten „Materialdienst“ der Organisation. Dabei spielten Sichtweise eine Rolle, die Wiederverkörperung nicht wie in der östlichen Lesart als unendliches Leiden, sondern als Fortschrittsmöglichkeit interpretierten. Solch eine „positive Sicht der Reinkarnation im Sinne des Aufstiegs und Fortschritts der Seele ist eher Merkmal westlicher Lehren wie etwa der Theosophie und Anthroposophie3 sowie der postmodernen Esoterik“, so Ruch weiter. Die Kirchen müssten daher damit rechnen, dass der (…) Reinkarnationsglaube in ihren Reihen zwar noch nicht mehrheitsfähig ist, aber einem nicht unerheblichen Teil der Gläubigen mehr einzuleuchten scheint als die christliche Auferstehung (…) wobei es angesichts des verheerenden katechetischen Wissensschwunds, der die Kirchen schon lange erfasst hat, interessant wäre herauszufinden, ob der Unterschied zwischen Auferstehung und Reinkarnation überhaupt noch bekannt ist.“

Esoterisches Zockertum

18. Juni 2009

In letzter Zeit ist es etwas ruhiger geworden um jene wundersamen Geldvermehrungs-Instrumente – gemeint sind nicht Hedgefonds, Derivate oder Lehmannpapiere, sondern die mit dem Namen „Schenkkreise“ beschönigte esoterische Variante des Zockertums.

Besonders zu Anfang des 3. Jahrtausends machten auch in Deutschland viele Gutgläubige einschlägige Erfahrungen mit jenem Modell, das nach Einlage von 5.000 Euro schon kurze Zeit später die achtfache Summe als Gewinn versprach – eine Rendite, die selbst an der Börse beeindruckt. Ein Rückblick in Romanform auf diese Blütezeit einer nicht selten spirituell verbrämten Form unseriöser Bereicherung hat jetzt Bernd Hettlage vorgelegt, der im Raum Karlsruhe mit Schenkkreisen in Berührung kam.

Seine autobiographische Erzählung entführt dabei in eine Art Parallelwelt weichgezeichneter Spiritualität: „Resolute Frauen zwischen dreißig und fünfzig, mit Batikgewändern und energischem Blick, die in ihrer Töpferwerkstatt, ihrer Praxis oder ihrem Laden die guten Ecken mit einem Edelstein auspendelten, sich nach dem Maya-Kalender richteten und deshalb an gewissen Tagen gar nicht erst vor die Tür gingen.“ Die Männer in dieser Szene machen Trommelkurse, reden gern von „guten Energien“ und veranstalten gemeinsame Schwitzhütten-Rituale. Alle aber bekommen sie glänzende Augen bei der Aussicht, demnächst selbst in der „Mitte“ eines jener Kreise zu stehen und dann „beschenkt“ zu werden. „Du bist da so schnell durch, dass du gar nicht realisierst, was da passiert. Zwei neue Leute, Teilung und zack! – schon ist das Geld auf Deinem Konto“, schwärmt ein Zopfträger, der auch Shiatsu-Seminare gibt. Als dann eine kleine Variante des Spiels, das „Goldregenbäumchen“ mit nur 500 Euro Einsatz erfunden wird, gibt es kein Halten mehr.

Dass dieses Schneeball-System indessen nur den Initiatoren und ihren ersten Nachfolgern die ersehnten Gewinne beschert, dass mit dem Teilen der Kreise exponentiell immer mehr Einzahler rekrutiert werden müssen und dass dieses Prinzip von vornherein zum Totlaufen verurteilt ist, bemerkt auch der Protagonist des Romans leider erst, als er sein Geld los ist. – Eine amüsant zu lesende, bisweilen auch etwas (bitter-)böse Milieustudie.
Jens Heisterkamp

Bernd Hettlage: Geschenkt. Oktober Verlag, Münster 2009, 254 Seiten, Euro 14,-.

Geld, Arbeit, Demokratie - Stüttgen zur Finanzkrise

16. Juni 2009

Der Omnibus für direkte Demokratie parkt derzeit am Schloss Freudenberg in Wiesbaden. Hier hat kürzlich der gleichnamige Arbeitskreis ein Wochenende mit Johannes Stüttgen veranstaltet. Die Zuhörer des Eröffnungs-Vortrags zum Thema Der globale Crash und die Demokratie. Das sakramentale Geld (Joseph Beuys) wurden Zeuge eines Kunstwerkes, dem man eine weitere Öffentlichkeit wünscht.

Von Ute Hallaschka

Stüttgen beherrscht das Kunststück, in medias res vorzuführen, wie denken geht. Wie man es macht, nämlich ganz ganz einfach. Wenn man den Mut aufbringt zur Bescheidenheit und zur Beschränkung auf das wirklich Gedachte. Durch wirkliche Konzentration auf ein Thema entsteht Muße, darin zu verweilen und sich zu vertiefen, bis die Gedankenkreise schließlich sebsttätig ausschwingen – wie wenn einer einen Stein ins Wasser wirft und den Ringen nachschaut.

Die Eingangsfrage lautet: Ist Demokratie Herrin der gegenwärtigen (Wirtschafts-)Lage, oder ist sie selbst ebenso ohnmächtig wie wir als einzelne uns fühlen können, dem komplizierten Ganzen gegenüber? Aber wer ist das, die große Unbekannte – Demokratie? Wer, wenn nicht wir, jeder einzelne? Darum heißt die lautlose Frage: bin ich handlungsfähig? Ist denken handeln?

Würde ich Opel retten? fragt sich Stüttgen. Ja, wahrscheinlich, lautet seine Antwort, aber vielleicht würde Opel danach keine Autos mehr bauen – Autos, die offensichtlich keiner mehr will oder braucht. Was wir brauchen, sind Arbeitsplätze, die erwirbt gegenwärtig sozusagen der Staat, und die verwaltet, verleiht, vergibt er anscheinend. Aber wenn wir alle der Staat sind?! Hier liegt das Problem der Anschauung. Was ist eigentlich ein Unternehmen im Ganzen der Gesellschaft gesehen?

Stüttgen beschreibt einen Krankheitskreislauf des Geldes, eines Geld- und Unternehmerbegriffs von gestern, der unmöglich zur Lösung gegenwärtiger und zukünftiger Probleme beitragen kann, und an dem doch festgehalten wird aus Gewohnheit. Allein der quasi mittelalterliche Lohnbegriff: einer hat brav gearbeitet (für seinen Herrn) und dafür erhält er seinen Lohn. Als ob wir noch im Tauschgeschäft lebten. Die Arbeitsteiligkeit moderner Gesellschaften ist geradezu die gegensätzliche Wirklichkeit. Lohn ist unmöglich, davon kann ich nicht leben, würde nicht ein anderer mein Essen produzieren. Einkommen bedeutet in Wirklichkeit Freistellung zur Arbeit – zu der Arbeit, die ich tue. Und ein anderer wird freigestellt, dasjenige zu produzieren, was ich brauche. Dieses Miteinander wird geregelt durch den Geldverkehr. Eine verblüffend simple Denkfrage lautet: kann ein Regler ein Souverän sein? Gerade nicht! Weil Geld zwischen Menschen Verhältnisse regelt, kann es nicht selbst die herrschende Position über Menschen beziehen.

Dieses Missverständnis aber beherrscht gegenwärtig die sozialen Verhältnisse. Das ungedeckte Papiergeld ist eine relativ neue Erfindung, seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts – eine menschliche Kulturerfindung also – und die Wirtschaftskrise kann als Indikator dafür gesehen werden, dass dringend eine kulturelle Weiterentwicklung dieser Erfindung ansteht.

Das fehlgeleitete Ganzheitsinteresse, das im gegenwärtigen Geldverkehr zum Ausdruck kommt, ist eine eminent politische Frage und damit zugleich eine Aufgabenstellung des erweiterten Kunstbegriffs. Denken braucht Phantasie, um wahr zu werden.
Geld verbindet Konsum und Produktion. Einem Unternehmen wird im Grunde Kredit gewährt, damit es produzieren kann. Diese Kreditgebung sorgt sowohl für Arbeitsermöglichung, als auch für Bedarfsdeckung durch Einkommen. Dabei ist die naturnotwendige egoistische Interessenbefriedigung klar auf der Konsumseite zu verorten – gearbeitet wird dagegen für die anderen, für ihre Bedürfnisse. Daraus folgt, wenn man den Gedanken ernst nimmt, dass auf der Unternehmensseite substanziell ein Freiheits- und Liebespotential gegeben ist. Wir können nun denkend den Mut aufbringen, dem Rechnung zu tragen und anzuerkennen: Unternehmen dürfen niemandem gehören – sie sind kein Besitz und Eigentum – Unternehmen haben eine produktive Aufgabe und sind nicht dazu da, für den Profit eines Eigners zu sorgen. Wieso überhaupt Profit? fragt Stüttgen. Das Geld, wenn es seinen sozialen Kreislauf vollendet und erfüllt hat – also von der Kreditgebungsquelle über die Produktion und den Konsumenten, in der Bezahlung mündet und dann zurück zur Kredittilgung geflossen ist – dieses Geld, das arme, abgewirtschaftete, hat seine Aufgabe, Träger zwischenmenschlicher Verhältnisse zu sein, vollständig erfüllt. Es hat keinen Grund, irgendjemandem privat zum Profit zu dienen. Es wartet auf seine Erlösung, seine Ablösung sozusagen, dass wir ihm endlich zutrauen, wesentlich Gutes zu stiften. Es ist doch unsere Erfindung, wir müssen Verantwortung für dieses Geistes-Kind übernehmen: dass Geld nicht länger Machtmittel, sondern Freiheitsstimulator wird.

Stüttgen macht deutlich, dass es ohne Demokratisierung des Geldes auch keine entsprechende demokratische Gesellschaftsordnung geben kann. Deshalb ist die Idee des Grundeinkommens auch nicht sein vorrangiges Arbeitsanliegen. Er weist mit Nachdruck auf die Gefahr einer vordergründigen Befriedung hin, die ohne entsprechende Begriffsarbeit nicht zu wirklicher Erneuerung führt. Dabei versteht er sich als Künstler zuständig für den Entwurf. Es bleiben praktische Fragen der Umsetzung offen – wie beispielsweise eine solche Ent-Eignung vor sich gehen könnte?

Die Veranstaltung in Schloss Freudenberg wurde dokumentiert durch Video und Tonaufnahmen, dennoch ist der aktuelle Vollzug für Kunstwerke unerlässlich. Man wünscht sich dazu eine Akzentverschiebung, einmal, dass mehr Menschen in den Genuss einer solchen Gedanken-Baukunst kämen und zum andern weniger Performance, um diese farbige kristalline Brücke wirklich miteinander zu bauen. Das Wie der Gedankenbildung als Weg zu begehen in erweiterten Arbeitskreisen im Augenblick. Mehr Jetzt, weniger Seminar.