138 islamische Geistliche und Gelehrte haben in einem offenen Brief an die Führer der Christenheit zentrale Gemeinsamkeiten der Buch-Religionen herausgestellt. Anmerkungen zu einer Geste des Dialogs von Jens Heisterkamp, vorab aus der Januar-Ausgabe von info3 - anthroposophie im Dialog.
In Fachkreisen horchte man auf: zum ersten Mal in der Geschichte der christlich-islamischen Beziehungen haben 138 Islam-Gelehrte im vergangenen Oktober die Initiative ergriffen und den Dialog über Gemeinsamkeiten zwischen den beiden großen Religionen angeboten: unter Berufung auf ein Wort des Propheten Mohammeds lautet der Titel des Dokuments „Ein gemeinsames Wort zwischen Uns und Euch“. Erster Adressat des Briefes ist Papst Benedikt XVI, der mit seiner Regensburger Rede im Jahr 2006 für Verstimmungen in der gesamten islamischen Welt gesorgt hatte. Ausdrücklich angesprochen werden aber auch die Führer der Ostkirchen, die im Lutherisch Evangelische Weltbund zusammengeschlossenen Protestanten, die Reformierten, Anglikaner, Methodisten, Baptisten sowie „Führer Christlicher Kirchen überall“. Diese haben zum Teil auch bereits geantwortet, allerdings kaum über höfliche Antwortadressen hinausgehend. Insgesamt hält sich, sofern das Dokument überhaupt bekannt ist, das Echo offizieller christlicher Vertreter in Grenzen, während vereinzelte Stimmen von einer einzigartigen Chance sprachen. Was ist dran an dem „Gemeinsamen Wort“?
Gottesliebe und Nächstenliebe
Federführend für diese Initiative ist das Aal-al-Bayt-Institut für Islamisches Denken in Amman, das dem jordanischen Königshaus – von jeher auf Ausgleich mit der westlichen Welt bedacht – nahesteht. Von einer Verständigung zwischen Muslimen und Christen, die zusammen mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung bildeten, hänge heute der Weltfrieden ab, stellen die Autoren fest. Als inhaltlicher Ausgangspunkt des Verständigungsversuchs wird ein Wort des Koran gewählt, wonach Allah den Muslimen geboten hat, „folgenden Aufruf an die Christen (und die Juden – die Völker der Schrift) zu richten:
Sprich ‚O Volk der Schrift, kommt herbei zu einem gleichen Wort zwischen uns und euch, dass wir nämlich Gott allein dienen und nichts neben Ihn stellen und dass nicht die einen von uns die anderen zu Herren nehmen außer Gott’. (Aal ’Imran 3,64)“
Die Gottesliebe, die Hingabe an den Einen Gott, soll demnach das eine verbindende Gebot zwischen den Religionen sein. Durch zahlreiche Textbelege aus dem Koran sowie aus der Bibel und auch aus dem Neuen Testament will das Dokument nachweisen, dass dieses Gebot in allen drei Religionen des Buches verankert ist. Das andere Gebot ist das der Nächstenliebe. Für gläubige Muslime sei dieses Gebot zentral, da es „im Islam keinen wahren Glauben und keine Rechtschaffenheit ohne Nächstenliebe gibt“, heißt es in dem Dokument. Wiederum werden Textstellen aus dem Alten Testament („Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, Leviticus 19, 17-18) und aus den Evangelien herangezogen. Allein die Tatsache, dass dabei Worte unmittelbar aus den christlichen Evangelien zitiert und den Worten des Korans gleichberechtigt zur Seite gestellt werden, haben manche Kommentatoren als ungewöhnlich offene Geste gewürdigt – wurde doch bisher in offiziellen Verlautbarungen bisher Jesus nur entsprechend der allein gültigen Koran-Überlieferung zitiert, während die Dokumente von Judentum und Christentum als verfälscht gelten.
Im gesamten Kontext des Dokumentes gelten allerdings auch weiterhin allein Mohammed und der Koran als nicht hinterfragbare Autorität, die vorgibt, was unter Gottes- und Nächstenliebe zu verstehen sei. Und auch nicht übersehen werden darf dabei, dass Christus hier zwar ausdrücklich als „Messias“ angesprochen wird, allerdings nur insofern zu Wort kommt, als er selbst in den Evangelien die Hingabe an den Einen Gott als „Höchstes Gebot“ befiehlt und somit als Bekräftigung dafür dienen kann, dass es nur einen Gott gibt. Der uralte Reibungspunkt zwischen dem Islam, der alles außer dem Glauben an den Einen Gott als Unglaube ansieht, und dem christlichen Glauben an einen „Sohn Gottes“ besteht weiter; hier eine Klärung zu erwarten, hieße allerdings auch, die Möglichkeiten eines solchen Dokumentes bei weitem zu überschätzen.
Eine neue Stimme?
138 Islam-Gelehrte und Geistliche aus aller Welt haben das Dokument unterzeichnet, das ganze islamische Mittelmeergebiet, Nord- sowie Zentralafrika und der Nahe Osten sind vertreten, ganz überwiegend Sunniten, aber auch einige wenige schiitische Vertreter. Auffälligerweise fehlen Vertreter der einflussreichen Al-Azhar Universität Kairo, deren Vertreter an der Scharia festhalten, und Gläubige aus dem Umfeld der Muslim-Brüderschaften. Wie aussagekräftig ist also diese Koalition? Einige Beobachter konstatieren es bereits als Fortschritt, dass der Islam sich überhaupt einmal auf den Westen zubewegt. Endlich formiere sich der „gemäßigte“ Islam und beginne, mit einer Stimme zu sprechen, hieß es.
In der Tat kann es als Chance gesehen werden, wenn angesehene Muslime Gemeinsamkeiten mit Christen feststellen und betonen, „dass die zwei höchsten Gebote ein Gemeinsames und eine Verbindung zwischen dem Koran, der Torah und dem Neuen Testament darstellen“, um noch einmal das Dokument aus Jordanien zu zitieren. Dabei berufen sich die Autoren auf ein Wort des Koran, wo es heißt „Gott verbietet euch nicht, gegen jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben, gütig zu sein“. Und da Jesus laut Lukas 9,50 gesagt hat „denn der, welcher nicht gegen uns ist, ist auf unserer Seite“, laden die Verfasser die Christen ein, auch „die Muslime nicht als gegen sie, sondern als mit ihnen“ eingestellt anzusehen.
Ungeklärte Gewaltfrage
Genau hier bleiben allerdings einige zentrale Fragen offen: zum Beispiel wird es für gewaltbereite Islamisten ein Leichtes sein, die Einschränkung des Koran-Wortes auf „jene, die euch nicht des Glaubens wegen bekämpft haben und euch nicht aus euren Häusern vertrieben haben“, im Blick auf Angehörigen westlicher Staaten, die in Afghanistan und im Irak Krieg gegen Extremisten führen, gleich wieder aufzuheben. Und man übertreibt wohl nicht wenn man vermutet, dass radikale Muslime auch das Wort von jenen, „die euch aus euren Häusern vertrieben haben“, nur allzu gern auf die Israelis beziehen. Ist so für jene, die Hass gegen Amerika und die Juden predigen, eine Hintertür offen gelassen worden?
Überhaupt die Gewaltfrage: hier, wo der Islam derzeit in der gesamten westlichen Welt in einem kritischen Licht steht, vermisst man ein klares Wort. Gerade der Kontext der Nächstenliebe hätte einen guten Rahmen abgegeben, wenigstens die Praxis religiös motivierter Selbstmordattentate eindeutig zu verurteilen. Und wenn man sich in dem Dokument – erfreulicherweise – auf Koran-Passagen bezieht, die auf Gemeinsamkeiten zwischen Muslimen, Christen und Juden verweisen, so hätte man sich doch auch Klärendes zu anderen Wortlauten des Koran gewünscht, wo – insbesondere in der 9. Sure – zum Kampf gegen Juden und Christen aufgerufen wird. Und schließlich: das Dokument richtet sich an die Christenheit; schon die vielen Zitate aus dem Alten Testament zeigen aber, dass man das Christentum nicht ohne das Judentum ansprechen kann.
Im positiven Fall haben sich die Verfasser auf das Christentum und die beiden elementaren und verbindenden Gebote der Gottes- und Nächstenliebe beschränkt, um zunächst in der islamischen Welt einen möglichst breiten Rückhalt zu sichern. Ob dieser allerdings tragfähig ist, wenn es in eine – wie zu hoffen ist – nächste und differenziertere Runde geht, bleibt abzuwarten. Denn die Probleme einer Verständigung mit dem Islam sind gewaltig. Das beginnt mit dem durchgehend exegetischen Ton der Islam-Gelehrten, der auf einem vollkommen geschlossenen, autoritären Gottesverständnis aufbaut – und darin natürlich offiziellen Verlautbarungen der westlichen Kirchen und insbesondere Roms in nichts nachsteht. Hier zeigt sich die Grundproblematik aller Orthodoxie, die an wörtlichen Formulierungen hängt. Dabei stellt sich nicht nur die Frage, auf welcher Grundlage man miteinander sprechen soll, wenn man die jeweiligen Grundvoraussetzungen gar nicht teilt und einen anderen Glauben bekennt. Darüber hinaus fragt sich, wie es mit den in die Millionen gehenden Menschen in der westlichen Welt aussieht, die gar kein religiöses Bekenntnis haben – dazu zählen ja mittlerweile (worauf eine Institution wie der Zentralrat der Ex-Muslime in Deutschland aufmerksam macht) auch viele Menschen ursprünglich muslimischer Herkunft. Und wie steht es mit den immer zahlreicher werdenden, frei spirituell orientierten, trans-konfessionellen Menschen, die gar kein Interesse haben, ihre Religiosität und Spiritualität auf religiöse Dogmen festzulegen?
Ein wirklicher, ergebnisoffener Dialog ist auf der Ebene orthodox gebundener Glaubensvertreter, die von einer unabänderlichen Offenbarungswahrheit ausgehen und an Wortlauten kleben, gar nicht möglich. Die erste notwendige Stufe für einen Dialog ist die einer aufgeklärten Toleranz mit dem Verzicht auf alleinseligmachende Ansprüche beziehungsweise die Verdammung von Andersgläubigen. Erst auf einer nächsten Stufe aber wäre dann eine Begegnung möglich, der sich auf Grundlage vergleichbarer mystisch-spiritueller Erfahrungen substanziell austauscht. Erst hier, wo es nicht um Überlieferungen, sondern um „mystische Tatsachen“ geht, beginnt, was ein Rudolf Steiner schon vor knapp einhundert Jahren als Weg zu Religions- und Geistesfreiheit oder was Ken Wilber in seinem Buch „Integrale Spiritualität“ als Förderband-Funktion der Religionen erhofft hat: die Entwicklung von naiv-mythischen Gottesvorstellungen zu immer freieren spirituellen Erfahrungen und Strukturen.
Aber jeder Weg und jedes „Förderband“ beginnt mit kleinen Schritten. Die Erklärung der 138 Islam-Gelehrten kann durchaus so ein Schritt sein. Sie schließt übrigens, mit den beiden Friedensgrüßen „Wal-Salaamu ’Alaykum“ und „Pax Vobismcum“. Eine schöne Geste.