info3 Februar 2011

Rudolf Steiner zum 150. Geburtstag

 

Inhalt 2/2011

Aufgenommen in den Kanon

Mit neuen Biographien zu Rudolf Steiner sind gleich drei große Verlage in d…

Steiner von innen

Steiners Buch „Mein Lebensgang“ ist die Mutter aller Biographien Rudolf Ste…

"Anthroposophie ist Erwachen zum Schöpferwillen"

150 Jahre Rudolf Steiner bedeuten nicht nur einen neuen Schritt nach außen …

Im Nachtbereich mit Rudolf Steiner

Rudolf Steiner ist nicht nur ein immer noch wirksamer kultureller Reformer,…

Hundert Jahre "Dornach Design"

Es ist zumindest stilecht, dass der 2011 neu gegründete Dornacher Futurum-V…

Menschlichkeit heute?

Das Goetheanum feiert den 150. Geburtstag von Rudolf Steiner.

Berlin gibt sich die Ehre

Wohl mit keiner anderen Stadt ist Rudolf Steiners Biographie so verbunden w…

Gespräch über Gott

Was ist eigentlich aus der Anthroposophischen Gesellschaft geworden? Warum …

Mittler zwischen den Welten

In der sechsten Folge unserer Reihe Metalle – Planeten – Mensch geht es um …

Das schwere Schweigen

Ein Schweigen, hinter dem sich eine tiefe karmische Verstrickung verbirgt, …

Eine Lücke ist eine Lücke ist eine Lücke

Sechzig Jahre nach Kriegsende beginnen die Kinder der Kriegskinder sich die…

Weltliche Nonne gegen Röntgenstrahlen

Zu einer Biographie der größten Grünen-Politikerin Petra Kelly

Von Kinder-Pos und musikalischen Gesetzen

Die Rolle der Kleinkinder für unsere Gesellschaft wird trotz vieler guter V…

Wie planbar ist die Intuition?

Intuitives und situationsgerechtes Handeln-Können bildet die Kern-Kompetenz…

Der Mensch als Träger der kosmischen Evolution

"Anthroposophie ist Erwachen zum Schöpferwillen"

150 Jahre Rudolf Steiner bedeuten nicht nur einen neuen Schritt nach außen in die öffentliche Wahrnehmung. Auch die Herausforderung einer eigenständigen Aktualisierung des spirituellen Weges, den Anthroposophie im Kern bedeutet, stellt sich heute neu. Die Info3-Mitarbeiter Cordula Mears-Frei und Sebastian Gronbach erklären eng angelehnt an ihre eigene anthroposophische Praxis und Lehrtätigkeit, was es mit dem dreifachen Erwachen auf sich hat, warum Reinkarnation eine Liebeserklärung ist und wie durch dynamische innere Arbeit eine tiefe soziale Verbundenheit entstehen kann.

Von Cordula Mears-Frei, Sebastian Gronbach

Cordula: Sebastian, wenn wir im anthroposophischen Kontext von „Erwachen“ sprechen, was meinen wir damit?

Sebastian: Erwachen in der Anthroposophie ist ein Erwachen zum Schöpfungswillen.

Cordula: Die menschliche Psyche besteht, nach den Psychologen Hal und Sidra Stone und natürlich auch nach C. G. Jung, aus einer Vielfalt von inneren, wie auch von außen wirksamen Energiekomplexen, welche die Stones als Teilselbste oder Wesensanteile benannten. In der anthroposophischen Lebenskunde finden wir den Begriff der „Wesenheiten“ wieder …

Sebastian: … und in den religiösen Traditionen sind diese Stimmen des Bewusstseins wunderschöne oder auch Furcht erregende Götter.

Cordula: Ja. Wie die Götter sind diese „Teilselbste“ autonom und oft gegensätzlich. Sie übernehmen das Ruder unserer Psyche. Entsprechend unseres persönlichen Wertesystems fühlen, handeln und treffen sie Entscheidungen. Für die meisten Menschen ist dies der gewohnte Lebenszustand und entspricht unserem Alltags-Ich, dem Ego. Die Stones entwickelten als psycho-spirituelle Lehrer die Technik des Voice-Dialogue, welche es möglich macht, diese Teilaspekte direkt anzusprechen und durch Energieresonanz im physischen Raum sicht- und hörbar werden zu lassen. Somit wird ihre Botschaft und Prägung in aller Klarheit für uns erfahrbar. Wir schaffen mit dieser Erfahrung eine innere Distanz, welche Raum zur Reflexion ermöglicht. Diesen Aspekt würde ich als spirituelle Lehrerin mit einem ersten Ausdruck von „Erwachen“ bezeichnen, welcher auch traditionsübergreifend Gültigkeit haben kann und sicher auch in der Anthroposophie einen zentralen Stellenwert hat.

Sebastian: Genau, in der Anthroposophie finden wir etwas ganz Ähnliches. Was du als Teilselbste beschreibst, machte Steiner in den Mysteriendramen sichtbar. Es ging Steiner nie allein um „das Böse“, sondern immer auch darum, dass dies innere Kräfte sind, die wir als Menschen nutzen können. Es sind Kräfte in unserer Persönlichkeit – und sie gehören nicht ausgetrieben, sondern verwandelt, durch das Licht des Bewusstseins und die Wärme der Liebe, in jedem Individuum.

Cordula: In den Seminaren, die wir anbieten, gehen wir deshalb direkt und ohne Umschweife auf die persönlichen Fragen, auf Unklarheiten oder Knoten im Einzelnen zu. Wir halten dabei aber immer gleichzeitig den Raum geöffnet, der jenseits des Individuellen eine Entwicklung über die eigenen Gefühle, Meinungen und Gedanken hinaus möglich macht.

Wenn das Individuum an dieser Stelle aus seinem eigenen psychologisierten Innenraum heraustritt, um mit einem Mitmenschen oder aber der Natur, oft zum ersten Mal, einen Kontakt aus echtem Interesse am Anderen herzustellen, erlebe ich oft die Qualität des zweiten Erwachens.

Sebastian: Erwachen für den einen und ungeteilten Geist, das ist bei Rudolf Steiner immer ein Erwachen am und durch den anderen Menschen. Erwachen alleine für sich hat da gar keinen Wert. Erwachen ist immer auch ein Sakrament der Begegnung. Im Erwachen ist der Andere dann nicht getrennt und nichts anderes mehr. Er ist Ich.

Cordula: Das ist ein tief berührender Augenblick, weil er Ausdruck der zutiefst grundlegenden Verbundenheit und Nicht-Getrenntheit aller Wesen und allen Lebens ist. Ich glaube, dass dieser Aspekt uns innerhalb der Anthroposophie ganz stark gegenüber anderen spirituellen Strömungen unterscheidet.

Sebastian: Ja. Als Anthroposoph berühre ich das göttliche Antlitz auch in der traditionellen Hinwendung zu einem unsichtbaren, geistigen Wesen. Aber am meisten bin ich da Anthroposoph, wo ich den Gottesdienst als Erdendienst erlebe. Als Menschenweihehandlung. In diesem Sinne versteht Steiner übrigens auch Reinkarnation: Eine andauernde und nie endende Liebeserklärung des einen und ungetrennten Geistes an die Erde – geboren in zahllosen einzigartigen Menschen. Jede Geburt eines Menschen ist ein „Ja“ auf die Frage der Erde: „Liebst du mich?“

Cordula: Die Haltung „für diese Erde“ umfasst meine Person und geht gleichzeitig über sie hinaus. Damit treffen wir wieder auf einen zutiefst anthroposophischen Impuls, indem wir eine subjektive Bezogenheit innerhalb unserer Persönlichkeit in einen Gesamtprozess jenseits der seelischen Komponenten stellen, dann aber, über unsere individuelle Ich-Kraft, dies dem Wohl einer Gemeinschaft, einer Ehe oder einer Partnerschaft zugute kommen lassen.

Sebastian: Oder um es mit Steiner zu sagen: „In einem sozialen Zusammenleben muss der Antrieb zur Arbeit niemals in der eigenen Persönlichkeit des Menschen liegen, sondern einzig und allein in der Hingabe für das Ganze. Wirklicher sozialer Fortschritt ist nur möglich, wenn ich dasjenige, was ich erarbeite, im Dienste der Gesamtheit tue, und wenn die Gesamtheit mir selbst dasjenige wiedergibt, was ich nötig habe.“

Cordula: In den Gruppenprozessen in unserer Arbeit erfährt der Teilnehmer etwas, was über seine persönliche Geschichte und Egoperspektive hinausgeht – und doch mit ihm zu tun hat. Indem man sich stellvertretend und auch neu repräsentierend in ein globales Feld hineinstellt, erwachen neue Perspektiven der Versöhnung, der Klärung und Begegnung, welche den Raum meiner nur individuellen Wahrnehmungen überschreitet.

Somit ist die Gruppe selbst sozusagen schon das Gefäß, welches den Egoaspekt sprengt. Ein Mensch, der sich an dieser Stelle nicht in einen Wir-Prozess hineinstellen kann, wird die Gruppe oder die Gemeinschaft längerfristig verlassen. Die Gruppe selbst als lebendiges Gebilde weist stark auf diesen Trieb der Absonderung und inneren Verhärtung hin. Das kann schmerzvoll sein.

Sebastian: Es kann sehr schmerzhaft sein, wenn man feststellt, das meine eigene hoch gezüchtete individuelle Geschichte gar nicht so individuell ist – und es kann gleichzeitig heilsam sein, wenn ich erlebe, dass mein innerster Schmerz, der mich nachts um halb drei überfallt, auch andere Menschen überfällt.

Cordula: Wir laden dazu ein, bedingungslos und jenseits der persönlichen Geschichte zu fühlen, wie der Mensch willentlich und gleichzeitig empfangend in sich selbst das Potential der Schöpfungsgeschichte erfahren kann. Dies beinhaltet den dritten Augenblick des Erwachens, wo wir uns fragen, ob und wie wir dem Evolutionsimpuls selbst dienen wollen – ob wir den universellen Schöpfungswillen als unseren eigensten Impuls fühlen können ...

Sebastian: … dieses „göttliche Walten in allem was ist: Im Weltenall, im Seelengrund“, wie ich in der Waldorfschule lernen durfte.

Cordula: In direkten Erfahrungsräumen begegnen wir uns dabei in einer Intimität und Tiefe, wo neben Phasen der Stille und Meditation individuelle Konzepte einer in sich begrenzten Persönlichkeit mit sofortiger Wirkung gesprengt werden und ein neuer Wille zur ganz konkreten nächsten Handlung – als Urimpuls der Liebe – fühlbar wird.

Sebastian: Und in der anthroposophischen Meditation erfahren wir die Ungetrenntheit von diesem Schöpfungswillen. Wir dienen nämlich im höchsten Sinne uns selbst! Dem, was Steiner das Urselbst nennt: „Urselbst, von dem alles ausgegangen, Urselbst, zu dem alles zurückgekehrt, Urselbst, das in mir lebt. Zu Dir strebe ich hin.“

Cordula: Wir fragen dabei als tiefste anthroposophische Bewusstseinsfrage: Wie kannst du dich, mit deiner ganzen persönlichen Eigenart, in den Impuls des sich fortwährend in Entwicklung befindenden Universums hineinstellen, anstatt dich in einem engen Käfig von Selbst-Projektion in dem Gefallen deines Egos festhalten, welches jede Öffnung und Weiterentwicklung scheut?

Sebastian: Das ist die Stelle, wo das Buch Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten endet. Es ist der Schritt über die Schwelle. Ich werde da die Frage beantworten müssen: „Bist du bereit die Verantwortung für all dein Tun, Denken und Fühlen selbst zu übernehmen?“

Cordula: Wenn wir unsere persönlichen Ideen und Konzepte fallen lassen, können Ängste, Ohnmacht, Wut oder Kritik auftauchen, weil wir es nicht gewohnt sind, uns in einer solch vollumfänglichen Art unserer Eigenverantwortung zu stellen. Lieber möchten wir etwas für uns selbst statt die Gnade eines Geschenkes, welches sich selbst verschenkt für das Gesamte. An dieser Stelle sind Krisen und auch schmerzvolle Wegstrecken nicht umgehbar. Wir wollen stattdessen der Dynamik einer Evolution dienen, welche sich durch uns und jeden Einzelnen zeigt, und dem, was darüber hinaus darauf wartet, in Erscheinung zu treten. Und wenn du anschließend nach Hause zurückkehrst, nach dieser tiefsten Erfahrung einer ganz neuen Lebensmöglichkeit, beginnt erst die echte Anstrengung: da, wo Beziehung, Arbeit, Familie und alle Traditionen und Glaubenssätze auf dich warten und dich prüfen, ob du wirklich bereit bist, diesen einen Schritt weiterzugehen.

Sebastian: Dieser Schritt bedeutet, sich immer da zu öffnen, wo man sich normalerweise verschließen würde.

Cordula: An dieser Stelle greifen die alten selbstverdammenden und einengenden Strukturen am stärksten ein und führen dazu, dass du dein Leben, deinen Partner oder auch deine Lehrer dafür verantwortlich machen möchtest, dass das Versprechen, das du selbst deiner Seele gegeben hast, auch halten muss. Du hast die Vollkommenheit deiner eigenen Seelennatur für einen Moment gekostet und es liegt jetzt an dir, an deinem ganz persönlichen Versprechen an das unsichtbare Gesicht Gottes, dass diese Erfahrung eine tragfähige und beständige Kraft in deinem Leben wird. Es ist deine Entscheidung. Oder wie der spirituelle Lehrer Andrew Cohen sagt: Die Intensität deiner Sehnsucht nach Erwachen ist die Kraft, welche das Erwachen möglich macht.

Sebastian: Es ist ein Thriller! Niemand anderer wird diesen Schritt für dich vollziehen, außer du selbst. Es ist der Sprung vom Ego in ein bewusstes Ich. Du wirst, wenn du gesprungen bist, dieselben Gefühle wahrnehmen, ähnlichen Schwierigkeiten begegnen, dieselben Dinge und Menschen lieben – aber alles wird, wenn du dich wahrhaftig hingegeben hast, eine unterschwellige Strömung haben. Du wirst dabei dein Leben von der grundlegendsten bis zur bedeutsamsten Ebene fortsetzen. Aber niemals mehr die Verbindung zu der Kraft verlieren, welche nun durch deine Venen und Träume zieht. Du wirst das Gefäß, durch das sich die unsichtbare kosmische Intelligenz selbst manifestiert. Und manchmal wirst du es bereuen, dass du ja gesagt hast und dich nach einem Leben zurücksehnen, in dem du dich nicht vor dir selbst für deine Schläfrigkeit und Unachtsamkeit entschuldigen musst. Was sich geändert hat, ist die Tatsache, dass du eines Tages unterscheiden wirst, wem du dienst.