Wissenschaftstheorie
Goethes Organisches Denken
Von Henri Bortoft
Henri Bortoft zeigt einen Goethe als Vater des ganzheitlichen Denkens. Dies zu realisieren braucht es allerdings mehr als nur einer anderen Terminologie. Ebenso exakt wie phantasievoll wird Goethes Metamorphose-Idee hier als Weg der Transformation des Bewußtseins verständlich gemacht.
Goethe ist den meisten gebildeten Menschen als großer Dichter, Schriftsteller und Dramatiker bekannt. Dennoch wissen bis heute nur wenige, daß er einen großen Teil seines Lebens wissenschaftlichen Fragen widmete. Er entwickelte eine alternative Wissenschaft und gegen Ende seines Lebens war er selbst überzeugt, daß seine überragendste Errungenschaft nicht seine Dichtung war, sondern seine wissenschaftliche Arbeit, insbesondere seine Farbenlehre. Dieses Urteil wurde lange als Zeichen der Exzentrizität eines großen Menschen abgewertet. Man kam zu dem Schluß, Goethe habe das Wesen der Wissenschaft mißverstanden und er sei eigentlich gar kein richtiger Wissenschaftler gewesen. Zum Glück können wir ihn heute viel besser verstehen, denn seit den 60er Jahren - mit dem zukunftsweisenden Werk von Thomas Kuhn und anderen - hat sich eine Wandlung in unserer Wissenschaftsauffassung vollzogen. Diese Änderung bewirkte, daß wir heute Goethes alternative Wissenschaft als tatsächliche Wissenschaft sehen, nicht als eine Alternative zur Wissenschaft; und vor allem nicht als einen romantischen Zeitvertreib, dem man sich zuwenden kann, wenn einem die Wissenschaft nicht liegt. Es handelt sich in der Tat um eine neue Wissenschaft, die ihre eigene Disziplin und ihre eigenen Entdeckungs- und Begriffsbildungsmethoden hat. Das Konzept einer alternativen Wissenschaft ist nicht leicht nachzuvollziehen, weil wir eine vorgeprägte Vorstellung davon haben, worum es bei der Wissenschaft geht, und wir sind uns dessen - wie es bei vorgeprägten Vorstellungen üblich ist - nicht wirklich bewußt. Es ist jedoch Aufgabe der Philosophie, sie ins Bewußtsein zu rücken. In diesem Fall lehren uns Erziehung und traditionelle kulturelle Sichtweisen, daß Wissenschaft ihren Anfang nahm, als die Menschheit »zu Sinnen kam«. Anstatt Vermutungen anzustellen, versuchte man direkt aus der Sinneserfahrung heraus, Erkenntnisse über die Welt zu gewinnen. So entwickelte sich die Vorstellung, daß Wissenschaft auf experimentell nachgewiesener Beobachtung beruhe und alles Wissen auf dieser empirischen Grundlage aufbaue.
Die Entwicklung der modernen Wissenschaft
Wäre das so, dann könnte man sich eine alternative Wissenschaft nur schwer vorstellen. Kann es denn zwei Arten von Wissenschaft geben? Es wurde aber in den letzten Jahrzehnten entdeckt (das heißt, eigentlich war es schon früher bekannt: man kann bis zu Kant zurückgehen, oder sogar noch weiter bis zu Platos Theaetet), daß wir unser Wissen beim wissenschaftlichen Arbeiten nicht aus der Sinneserfahrung direkt gewinnen. Die moderne Wissenschaft hat nicht angefangen, als die Menschen begannen, ihre Sinne zu benutzen, um die Welt zu erforschen. Von Anfang an (wir wollen Kopernikus als angemessenen Anfangspunkt für die moderne wissenschaftliche Bewegung annehmen) ist die Wissenschaft davon ausgegangen, daß Sinneseindrücke trügerisch sind und daß man die Wirklichkeit entdeckt, indem man hinter das Sinnlich-Wahrnehmbare schaut, um herauszufinden, was sich in Form von mathematischen Verhältnissen dahinter verbirgt. Die moderne Physik nennt diese mathematischen Verhältnisse Naturgesetze. Nach Kopernikus ist das, was wir wahrnehmen, eine vollkommene Sinnestäuschung. Wir sehen uns etwa auf einer feststehenden Erde, um die sich die Sonne herumbewegt. Kopernikus sagt: Nein. Das ist eine Täuschung. In Wahrheit steht die Sonne im Mittelpunkt, unbewegt, und die Erde bewegt sich sowohl um die Sonne als auch um die eigene Achse, wodurch die Illusion entsteht, die wir sinnlich wahrnehmen. Der erste Schritt der modernen Wissenschaft bestand also in der Feststellung, daß die Welt, wie wir sie wahrnehmen, eine Täuschung ist. Vertraue nicht auf die Sinne, sie sind nicht zuverlässig; wir müssen zu unterschiedlichen Denkweisen, besonders zu mathematischen, finden, die uns über die Sinneseindrücke hinausführen.
Die mathematische Bewegung
Was man bei der modernen Wissenschaft (der Wissenschaft vom frühen 17. Jahrhundert und der Renaissance an), nicht übersehen darf, ist ihre mathematische Ausrichtung. Ihre Erfahrungsmethode ist das Experiment, ein auf Messung beruhendes und daher mathematisches Verfahren. Was aber tat Goethe? Seiner Auffassung nach braucht man die mathematische Methode nicht, wenn man erst erkannt hat, daß Wissenschaft über keine eigenen intrinsischen Grundlagen verfügt. Keine wissenschaftliche Methode hat eine absolute Grundlage, die ihre Gültigkeit garantiert. Die Wissenschaft selbst ist eine kulturgeschichtliche Bewegung. Haben wir das erst erkannt, so wird deutlich, daß wir uns der Natur auf dem mathematischen Weg durchaus nähern können - und das ist eine große Errungenschaft. Wenn wir dies tun, erkennen wir jedoch nur ihre mathematische Seite an. Es wird aber auch deutlich, daß es noch andere Wege geben muß, sich der Natur mit angemessenen Mitteln zu nähern, die ihr einen anderen als nur den mathematischen Modus zugestehen. Goethe erkannte, daß wir alle das tun könnten, was die Wissenschaft zwar unserer anerzogenen Ansicht nach tut, was sie aber in Wirklichkeit nicht praktiziert: mit der Erfahrung anfangen. Er sagte, daß alles, was wir über die Welt herausfinden müssen, durch direkte Erfahrung gefunden werden kann, nicht dadurch, daß man dahinter oder darüber hinaus schaut. Die Welt, wie sie uns erscheint, hat eine Tiefe. Goethe fand »Ganzheit« in der Tiefe seines Erfahrens natürlicher Phänomene.
Kulturelle Einflüsse auf das Denken im 18. Jahrhundert
Ich möchte hier nicht näher auf Goethes Farbenlehre eingehen, sondern verfolgen, inwiefern seine Arbeit mit Pflanzen eine neue organische Denkweise begründet. Es bedarf einer gewissen Anstrengung, das zu verstehen, denn man kann Goethe allzu leicht mißverstehen, wenn man sich ihm über das herkömmliche Denken nähert. Wir sind gewissermaßen wie der Sohn (in der von Idries Shah nacherzählten Geschichte), der alles doppelt sah. Der Vater sagt: »Mein Sohn, du siehst zwei anstelle von einem.« »Wie ist das möglich?« antwortet der Knabe. »Wenn es so wäre, dann sähe ich da oben vier Monde anstelle von zweien.« - Wir befinden uns gegenwärtig in einer ähnlichen Situation! Wir sehen Dinge, von denen wir glauben, daß sie zur Weltordnung gehören, die wir aber erst durch unsere Sichtweise in die Welt hineinbringen. So verhält es sich auch, wenn man Goethe auf eine Weise interpretiert, die sein organisches Denken unberücksichtigt läßt. Wir müssen uns über unsere eigene Sichtweise erst klar werden. Unser mathematisches Denken hat die Tendenz, die Dinge aus dem Kontext herauszulösen. Wir sprechen von Zahlen, wir sprechen von fünf, sechs, sieben, und zählen sie auf verschiedene Weise zusammen, ohne uns darum zu kümmern, ob es sich um fünf Äpfel oder um fünf Autos handelt. Sie sind aus dem Kontext genommen. Dazu kommt die Vorstellung, daß es Grundlagen gibt, von denen ausgehend wir mit Hilfe einer Methode weiterarbeiten können, die uns Gewißheit liefert. Zum Beispiel wurden in der Geometrie die Euklidschen Elemente zugänglich, durch die bestimmte Lehrsätze über Dreiecke nachgewiesen werden können. Die Griechen hatten nämlich eine erstaunliche Idee entwickelt: die Dinge im Abstrakten auszuarbeiten. In diesem Fall haben wir eine Vorstellung von Gewißheit, die ganz von der Erfahrung losgelöst ist. Was jedoch für die Wissenschaft Goethes ausschlaggebend ist, ist die Idee der Einheit, die es auch bei der mathematischen Denkweise gibt. Die mathematische Idee der Einheit ist die Idee der »Einheit in der Vielheit« bzw. einer »der Vielheit zugrunde liegenden Einheit«. Wenn wir beispielsweise verschiedene Dreiecke zeichnen und sie dann auf rein sinnliche Weise betrachten, so stellen wir fest, daß sie alle sehr unterschiedlich aussehen. Wir können aber auch erforschen, was all diese Dreiecke gemeinsam haben, z.B. daß die Summe der Innenwinkel 180 Grad ergibt. Das ist eine für alle Dreiecke gültige, der Vielheit unterliegende Einheit. Das ist die Vorstellung von Einheit, die wir haben. Wir nehmen eine Vielheit verschiedener Dinge und ziehen davon alles das ab, worin sie sich unterscheiden, und was übrig bleibt, ist das, was sie gemeinsam haben; dann nennen wir das die der Vielheit zugrundeliegende Einheit. Wir suchen nach dem Selbst-Identischen in allen verschiedenen Sonderfällen. So kommen die mathematischen Naturgesetze zustande. Der Sonderfall ist nun an sich nicht mehr interessant. Er ist nur insofern von Interesse, als er Beispiel des Universalen ist. Beim mathematischen Denken ist das Besondere also stets dem Allgemeinen untergeordnet.
Die Vielheit in der Einheit
Von dieser Grundlage ausgehend können wir nun Goethes Anschauung der organischen Welt entwickeln. Ich möchte mich auf seinen Grundgedanken konzentrieren, der besagt, daß die unterschiedlichen Organe, die sich am Stengel einer Pflanze finden (Blatt, Kelchblatt, Blumenblatt, Staubgefäß), eigentlich ein einziges Organ sind. Es ist aber wichtig zu verstehen, in welchem Sinne sie »ein Organ« sind. Goethe benutzte den Begriff Urorgan. Er ging noch weiter und bezeichnete das gesamte Pflanzenreich als eine Pflanze, die er Urpflanze nannte. Wenn wir Goethes organische Anschauungsweise verstehen wollen, müssen wir uns von unserer gewohnten Denkweise lösen und die Vorstellung von Einheit und Vielheit (das Eine und das Viele) umkehren. Zu Beginn seiner Metamorphose der Pflanzen weist er darauf hin, daß wir durch genaue Beobachtung die Verwandlungsgesetze verstehen lernen, mit denen die Natur »die verschiedensten Gestalten durch Modifikation eines einzigen Organs darstellt.« Er bezieht sich auf die »Wirkung, wodurch ein und dasselbe Organ sich uns mannigfaltig verändert sehen läßt« und die von den Forschern, wie er sagt, »die Metamorphose der Pflanze genannt« wurde. An anderer Stelle schreibt er: »Es war mir nämlich aufgegangen, daß in dem Organ der Pflanze, welches wir gewöhnlich als Blatt ansprechen, der wahre Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen verstecken und offenbaren könne. Rückwärts und vorwärts ist die Pflanze immer nur ein Blatt...«; »Es ist ein Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben hervorbringt« und schließlich: »Der Gedanke wurde mehr und mehr lebendig, daß es möglich sei, aus einer Form alle möglichen Pflanzen gleichsam entstehen zu lassen«. Schon allein aus diesen kurzen Fragmenten wird deutlich, daß Goethes Denken ein außerordentlich dynamisches Denken ist, und daß der dynamische Einheitsmodus das Abweichende nicht ausschließt, indem er sich auf das Gemeinsame konzentriert, sondern die Vielfalt als in der Einheit enthalten sieht. In seinem Buch Goethes Weltanschauung (1897) sagt Rudolf Steiner, daß Goethe nach einem Weg suchte, »die Vielgliedrigkeit des Besonderen aus der ursprünglichen Einheit (zu) erklären«. Dieser Gedanke macht deutlich, daß man nicht sagen kann, er suchte die der Vielheit zugrundeliegende Einheit oder das Gemeinsame der Mannigfaltigkeit. Vielmehr kommt er von der anderen Seite. Goethe geht nicht vom Endprodukt aus, als sei er ein Zuschauer. Der Schlüssel zu seinem Denken liegt in seinem Versuch, dem Entstehungsvorgang zu folgen: er beginnt nicht bei den unterschiedlichen Organen oder unterschiedlichen Pflanzen, um nach dem ihnen Gemeinsamen zu fragen: er versucht, in den Vorgang hineinzukommen, um an dem Entstehen beteiligt zu sein und zu sehen, wie diese verschiedenen Organe (oder Pflanzen) aus der ursprünglichen Einheit hervorgegangen sind. Er kommt zu der Ansicht, daß es nur ein Organ gibt, das sich an verschiedenen Stellen der Pflanze auf verschiedene Weise manifestiert. Für ihn sind Blatt, Kelchblatt, Staubgefäß etc. ein und dasselbe Organ in unterschiedlichen Erscheinungsformen.
Organisches Denken
Das heißt jedoch nicht, daß Goethe diese Einheit als unterbrochen sieht. Wir müssen uns eine neue Denkweise aneignen. Dabei kann uns in gewisser Weise der Vorgang der holographischen Teilung helfen. Wird ein Hologramm zweigeteilt, so erhält man bekanntlich nicht zwei Hälften eines Hologrammes, sondern zwei ganze Hologramme - beide halb so groß wie das Original. Das Ergebnis ist geradezu unheimlich: der Gegenstand des ursprünglichen Hologrammes ist jetzt zweimal da. Er wurde zwar materiell geteilt, aber optisch ist er unteilbar, weil er ganz bleibt. Anders ist es beim Teilen einer Fotografie. Aber wieviele Hologramme sind nach der Teilung wirklich da? Wir sind geneigt zu sagen, es sind zwei, und materiell stimmt das auch, aber optisch ist nur eines da, nicht zwei, denn beide sind ein und dasselbe. Weil wir diesen Teilungsprozeß bei der Fotografie so nicht durchführen können, müßten wir eine Kopie anfertigen und dann hätten wir zwei Fotografien, eine und eine andere. Das ist beim Hologramm aber nicht so, dort ist es mehr »ein und dasselbe« anstatt »eines und ein anderes«. Das ist Vielheit in der Einheit, wobei es nicht zwei gibt, sondern eins, aber nicht numerisch eins. Es gibt eine andere Art von eins, nämlich eins in Form von zwei. Das geschieht organisch auch bei der ungeschlechtlichen Fortpflanzung. Wir können zum Beispiel das Blatt einer Fuchsie nehmen, es in Stücke zerteilen und aus jedem Stück ein neues Pflanzenblatt wachsen lassen. Jede dieser neuen Pflanzen ist organisch noch die ursprüngliche Pflanze. Die Pflanze ist zerteilt worden und bleibt dennoch ganz (ist also in Wirklichkeit unteilbar!). Hier haben wir also auch eines in der Form von »Vielheit in der Einheit«: jedes ist in der Tat dasselbe, weil es nur eine einzige Pflanze gibt. Wir kommen hier zu einem Begriff von »Vielheit innerhalb der Einheit« als einer intensiven Dimension - einer Dimension, die in dem Einen enthalten ist. Das meint Goethe, wenn er von dem Urorgan und der Urpflanze spricht, wenn er sagt, daß ein und dasselbe Organ sich uns in mannigfaltiger Form offenbart und wenn er dieses Organ einen »wahren Proteus« nennt. Dies kann mit Hilfe des Hologramms noch weiter verdeutlicht werden. Man kann ein vielfaches Hologramm herstellen, wobei in dem gleichen Hologramm mehrere verschiedene Bilder zusammen kommen, ohne daß sie ineinander übergehen, wie es bei einer Mehrfachbelichtung in der Fotografie der Fall wäre. Jedes verschiedene Bild ist das ganze Hologramm, nicht Teil davon, und wenn man den Betrachtungswinkel ändert, entfaltet sich - eines nach dem andern - eine Reihe von Bildern, als wäre es ein einziges Bild, das sich in verschiedenen Formen metamorphosiert. Mit Hilfe dieses Beispiels können wir der Vorstellung von der Selbstunterschiedlichkeit der Vielheit in der Einheit näher kommen. Goethe beschreibt selbst eine derartige dynamische Erfahrung: »Ich hatte die Gabe, wenn ich die Augen schloß und mit niedergesenktem Haupte mir in der Mitte des Sehorgans eine Blume dachte, so verharrte sie nicht einen Augenblick in ihrer ersten Gestalt, sondern sie legte sich auseinander, und aus ihrem Inneren entfalteten sich wieder neue Blumen aus farbigen, auch wohl grünen Blättern; es waren keine natürlichen Blumen, sondern phantastische, jedoch unregelmäßig wie die Rosetten der Bildhauer. Es war unmöglich, die hervorquellende Schöpfung zu fixieren, hingegen dauerte sie so lange, als mir beliebte, ermattete nicht und verstärkte sich nicht.« Wir müssen das in einem intensiven Sinn verstehen, nicht extensiv, als wären es viele Pflanzen, eine nach der anderen. Hier geht es um eine Pflanze, die sich unterschiedlich manifestiert. Goethe versteht Metamorphose - ob es um die Organe der Pflanze, die Mitglieder einer einzigen Pflanzenfamilie oder das Pflanzenreich überhaupt geht - als genau diese dynamische Selbstunterschiedlichkeit, wobei das Eine viele verschiedene Manifestationen seiner selbst hervorbringt (Proteus). Er meint nicht, daß sich ein manifestiertes Organ extensiv in ein anderes verwandelt, wie zum Beispiel, wenn ein Blütenblatt zu einem Staubgefäß würde. Jeder kann diese Art des Sehens selbst praktizieren. Man kann beispielsweise eine bestimmte Pflanzenfamilie in ihrem organischen Modus sehen. Es ist eine anregende Erfahrung, wenn man die unterschiedlichen Mitglieder einer Familie, wie z.B. die Rosazeen (Rose, Brombeere, Erdbeere, Apfel usw.) beobachtet und beginnt, sie als eine Pflanze, als »Vielheit in der Einheit« zu sehen. Wie anders ist diese Erfahrung zu der anderen, die man macht, wenn man nach der Gemeinsamkeit dieser verschiedenen Pflanzen sucht! Aber manchmal kann selbst eine einfache Situation uns auf eine neue Weise das liefern, was David Bohm ein »Denkmuster« nannte. Eine mehrdeutige Abbildung wie die vielleicht bekannte von Ente und Hase ist ein Beispiel dafür. Die ganze Abbildung kann als Ente oder als Kaninchen erscheinen - die Ente ist ein Teil der Abbildung, das Kaninchen ein anderer. Spielt man damit, so erlebt man die intensive Qualität der Selbstunterschiedlichkeit und der Vielheit in der Einheit. Es mag eingewandt werden, daß es sich nur um ein »subjektives« Erlebnis handelt, aber es soll ja lediglich als »Muster« dienen. Wenn wir uns jedoch mit dem Organischen beschäftigen, dann finden wir darüber hinaus eine intrinsische Dynamik - wie bei Goethes Erfahrung mit den sich entfaltenden Pflanzenformen: eines wird zum »Anderen im Anderen, um es selbst zu bleiben«, wie es Ron Brady so treffend formulierte. Darwin scheint diesen Punkt auch erreicht zu haben, besonders in seiner Arbeit über Rankenfüßer, hat aber seine Signifikanz dann scheinbar doch nicht erkannt: anstatt das Phänomen zu sehen, wollte er es erklären. Das also ist Goethes organisches Denken im Gegensatz zu dem mathematischen Denken. Der Schlüssel dazu liegt darin, wie er Einheit und Vielheit umkehrt, so daß etwas sich von sich selbst unterscheiden kann, ohne etwas anderes zu werden. Seine organische Anschauung ist daher nicht den Einschränkungen eines einseitigen Platonismus unterworfen, der das betont, was immer selbst-identisch ist, eine Denkweise, die einen so starken Einfluß auf die Entwicklung des modernen Denkens hatte. Sie befreit uns insbesondere von dem engen Einheitsbegriff, zu dem man gelangt, wenn man das Unterschiedliche zugunsten des Allgemeinen ausschließt, und der aus dem einfachen Grunde in eine ontologische Sackgasse führt, aus der aus dem einfachen Grunde nichts herauskommen kann, weil zuvor alles ausgeschlossen wurde. Ebenso wie die konventionelle Wissenschaft unsere gesamte Denkweise in allen Kulturbereichen beeinflußt hat, so könnte auch die Goetheanistische Wissenschaft mit ihrem organischen Denken sich über die Grenzen der Wissenschaft hinaus auf andere kulturelle Bereiche auswirken. Da wir heute dank der globalen Technologie einer kulturell homogenen Welt immer näher kommen, käme Goethes organische Anschauung von Einheit gerade rechtzeitig. Als Goethe starb, wurde gesagt, es würde 150 Jahre dauern, bis er verstanden werden könnte. Ich glaube, die Zeit ist nun reif. Aus dem Englischen übersetzt von Margot M. Saar.
Anmerkung
Der Artikel erschien erstmals 1997 in einer ausführlichen Fassung in dem britischen Magazin Network des Scientific and Medical Network. Der Autor forschte unter David Bohm nach der Frage der Ganzheit in der Quantenphysik und ist u.a. Autor des Goethe-Buches The Whoelesness of Nature (New York 1996), aus dem unter dem Titel Goethes naturwissenschaftliche Methode Auszüge im Verlag Freies Geistesleben erschienen sind. Bortoft lebt heute in Norfolk, England.
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